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Theater : Ein Drama wohnet, ach, in unserer Brust

  • -Aktualisiert am

„Faust” Edgar Selge mit „Gretchen” Maja Schöne Bild: dpa/dpaweb

Die Hamburger haben wieder einen Faust, den sie loben: Jan Bosse inszeniert Goethe am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und macht Faust zum Regieassistenten des Lebens - und der Zuschauer ist Teil des Spiels.

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          Nach der Vorstellung wurde applaudiert, und wer Füße hatte, der trampelte. Macht so weiter. Jan Bosse inszenierte am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg der Deutschen Urdrama: Goethes "Faust". Die Hamburger haben wieder einen Faust, den sie loben.

          Tom Stromberg, der scheidende Intendant des Hauses, hat in seiner immer stärker bejubelten Abschiedsrunde - ihm wird im nächsten Jahr Friedrich Schirmer, an dem sich wenige Geister scheiden, als Intendant folgen - seinem Theaterkonzept ein theatralisches Denkmal gesetzt: mit dem bis in den letzten Winkel durchgedachten und bis in den letzten Winkel von freien Geistern offen gespielten "Faust" von Jan Bosse. Und das kam so.

          Die Bühne ist rund. Sie steht in der Mitte des Zuschauerraumes, dreht sich auch und schraubt sich in die Höhe. Die Scheibe der Welt ist schwarz und leer, später wird mal hier ein Hocker stehen, für wenige Minuten ein kleines gelbes Zelt. Die Zuschauer sitzen drum herum. Dort, wo traditionell die Bühne beginnt, hat man den Zuschauerraum mit Säulen und Balustraden nachgebaut. Das kluge Bühnenbild stammt von Stéphane Laimé.

          Es gibt nur: uns

          So gibt es in Hamburg kein rechts und kein links, kein vorne und kein hinten, keinen Anfang und kein Ende des Bühnentheaters, sondern überall nur: uns. Es kommt noch dicker: Wir können uns ansehen, weil es nicht immer theaterdunkel ist und die Scheinwerfer nicht nur die Schauspieler treffen. Wenn wir auf die Scheibe schauen, starren wir in unsere eigene Mitte hinein. Dort ist es kahl und leer. Kein erhebendes Gefühl. Dort wird sich Entscheidendes abspielen, wird sich die Einsamkeit zeigen. Aber nicht der ganze "Faust": Die Figuren sind mitten unter uns, sie rennen die Reihen auf und ab, laufen auf den Balustraden. Das heißt: Kommen wir im "Faust" vor? Ja, sagt der gute Mann und die gute Frau links und rechts, es ist doch unser Menschheitsdrama. Ja, aber wie denn, fragt Bosse, als was?

          Das ist der entscheidenden Regie-Einfall: Die Zuschauer gehören zu den handelnden Personen des Dramas dazu. Faust ist nicht ihr Stellvertreter. "Faust" ist eine Probe aufs Exempel. Jan Bosse interessiert sich weniger für den Faust als für den "Faust". Weniger für das beliebte Drama der zwei Seelen in einer Brust als für die Seelen, die sich das Drama an ihre arme Brust heften. Das ist interessant. Das ist intelligent. Das erfüllt uns augenblicklich mit intellektueller Dankbarkeit. Wenn an diesem Abend etwas lebt, dann diese Idee in den Händen der Schauspieler. Edgar Selge spielt als Faust, Joachim Meyerhoff als Mephistopheles, Maja Schöne als Gretchen und Tillbert Strahl-Schäfer als Wagner mit Ernst und Witz ohne einen Schnickschnackzipfel und ohne Sprachverluderungen.

          Regisseur des Lebens

          Am Boden: Faust und Mephisto
          Am Boden: Faust und Mephisto : Bild: dpa/dpaweb

          Jan Bosse inszeniert den "Faust" als Drama der Inszenierungen Fausts: das Theater und das Leben, das Leben und das Theater. Wir sehen Faust als einen Regisseur des Lebens, und wir sehen den "Faust" als das Theater der Zuschauer. In der Spannung zwischen Faust und "Faust" entwickeln sich die Figuren.

          Joachim Meyerhoff mit Federflügeln auf dem Rücken macht aus dem schwarzen, aus dem Himmel der Grundfragen auf die Erde gefallenen Mephisto einen Organisator der allgegenwärtigen Transzendenzlosigkeit: in Unterhose, in Strumpfhose, in rotem oder schwarzem Anzug. Wenn das Licht zum ersten Mal angeht, fällt es auf Mephisto, und der steht auf der Scheibe: Er inszeniert das Leben als Theater. Wenn das Licht zum zweiten Mal angeht, fällt es auf Faust, der mitten unter uns sitzt: Er inszeniert das Theater als Leben. Typ: lange graue Haare, Nickelbrille, grauer Anzug. Er springt mit "Ach" aus seinem Sitz und zieht durch den Zuschauerraum: die Arme schwingend und deklamierend, die Reime süffig schmiedend und uns zum Mitreimen auffordernd.

          Mephisto als Intendant

          Da selbstredend weder die Zuschauer noch das Leben sich von seiner Regie packen lassen, gibt der Theatermann mit dem teuflischen Pakt die Regie aus der Hand. Er wird zum jungen Regieassistenten des Lebens. (Hier schien nun der Dramaturgie der Platz für eine Mitteilung in eigener Sache zu sein: Bei diesem Pakt, es ist ein Wechsel der Regisseure, ein Wechsel der Intendanten, stülpt sich der Schlingel Mephisto eine Perücke über die Glatze, zieht sich ein kariertes Jackett und ein bankenhellblaues Hemd an und sieht aus wie Friedrich Schirmer. Nun gut.)

          Mephisto wird dem Faust ein Drama des Lebens inszenieren. Zeit für Gretchen. Maja Schöne zeigt sie als ein käsegelbblondes Mädchen aus dem weiten deutschen Lande der Mädchenzeitschriften. Nach dem Mord an ihrer Mutter wird sie zur Seele, die zwischen den Zuschauern umherirrt und dort um Erlösung bittet. Vergeblich. Wer würde mit ihr an die christliche Erlösung glauben?

          Ohne Christentum keine Erlösung

          Mitten zwischen den Zuschauern sitzt der Chor, das alte Gewissen der Masse, die an den "Faust" als an ein Drama um das Christentum ja gar nicht mehr heranreicht. Genial ist der Regie-Einfall, sowohl den Pudel als auch den Erdgeist vom Chor und also damit aus den Zuschauern, aus deren Innerstem heraus, singen, summen, reden zu lassen. Der Chor wird Mozarts Requiem intonieren, als Grete auf der Scheibe, die dann nicht einmal mehr die Welt, sondern nur die existentielle Einsamkeit bedeutet, mit ihrer Erlösung kämpft - und sie, abweichend von der Vorlage, nicht erhält. In einer Welt ohne einen Funken wahres Christentum, sei es links oder rechts, gibt es keine Erlösung.

          Das ist eben auch eine Welt, die sich einen Auerbach-Keller leistet, wo "Songs" aus der Matthäuspassion gesungen werden - von einem, der aussieht und säuselt wie ein Schlagerstar. Das ist von der Regie schön böse gemeint. Wer in Auerbachs Keller lacht, der verrät sich an ein Hundeleben der transzendenzlosen Gewohnheiten.

          Der letzte Satz der Inszenierung gilt Gretchen. Mephisto sagt: Sie ist gerichtet. Nicht: Sie ist gerettet. Ohne die Idee der Erlösung, und die ist eben futsch, läßt sich weder das Theater noch das Leben retten. Die beiden kleben aneinander: eine, wie hier von Bosse gezeigt, tief verschlungene und im besten Falle, wie hier von den Schauspielern gezeigt, wilde und vitale Gestalt im Dunkeln. Und wir jubelten auch.

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