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Theater : Ein Drama wohnet, ach, in unserer Brust

  • -Aktualisiert am
„Faust” Edgar Selge mit „Gretchen” Maja Schöne
          4 Min.

          Nach der Vorstellung wurde applaudiert, und wer Füße hatte, der trampelte. Macht so weiter. Jan Bosse inszenierte am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg der Deutschen Urdrama: Goethes "Faust". Die Hamburger haben wieder einen Faust, den sie loben.

          Tom Stromberg, der scheidende Intendant des Hauses, hat in seiner immer stärker bejubelten Abschiedsrunde - ihm wird im nächsten Jahr Friedrich Schirmer, an dem sich wenige Geister scheiden, als Intendant folgen - seinem Theaterkonzept ein theatralisches Denkmal gesetzt: mit dem bis in den letzten Winkel durchgedachten und bis in den letzten Winkel von freien Geistern offen gespielten "Faust" von Jan Bosse. Und das kam so.

          Die Bühne ist rund. Sie steht in der Mitte des Zuschauerraumes, dreht sich auch und schraubt sich in die Höhe. Die Scheibe der Welt ist schwarz und leer, später wird mal hier ein Hocker stehen, für wenige Minuten ein kleines gelbes Zelt. Die Zuschauer sitzen drum herum. Dort, wo traditionell die Bühne beginnt, hat man den Zuschauerraum mit Säulen und Balustraden nachgebaut. Das kluge Bühnenbild stammt von Stéphane Laimé.

          Es gibt nur: uns

          So gibt es in Hamburg kein rechts und kein links, kein vorne und kein hinten, keinen Anfang und kein Ende des Bühnentheaters, sondern überall nur: uns. Es kommt noch dicker: Wir können uns ansehen, weil es nicht immer theaterdunkel ist und die Scheinwerfer nicht nur die Schauspieler treffen. Wenn wir auf die Scheibe schauen, starren wir in unsere eigene Mitte hinein. Dort ist es kahl und leer. Kein erhebendes Gefühl. Dort wird sich Entscheidendes abspielen, wird sich die Einsamkeit zeigen. Aber nicht der ganze "Faust": Die Figuren sind mitten unter uns, sie rennen die Reihen auf und ab, laufen auf den Balustraden. Das heißt: Kommen wir im "Faust" vor? Ja, sagt der gute Mann und die gute Frau links und rechts, es ist doch unser Menschheitsdrama. Ja, aber wie denn, fragt Bosse, als was?

          Das ist der entscheidenden Regie-Einfall: Die Zuschauer gehören zu den handelnden Personen des Dramas dazu. Faust ist nicht ihr Stellvertreter. "Faust" ist eine Probe aufs Exempel. Jan Bosse interessiert sich weniger für den Faust als für den "Faust". Weniger für das beliebte Drama der zwei Seelen in einer Brust als für die Seelen, die sich das Drama an ihre arme Brust heften. Das ist interessant. Das ist intelligent. Das erfüllt uns augenblicklich mit intellektueller Dankbarkeit. Wenn an diesem Abend etwas lebt, dann diese Idee in den Händen der Schauspieler. Edgar Selge spielt als Faust, Joachim Meyerhoff als Mephistopheles, Maja Schöne als Gretchen und Tillbert Strahl-Schäfer als Wagner mit Ernst und Witz ohne einen Schnickschnackzipfel und ohne Sprachverluderungen.

          Regisseur des Lebens

          Am Boden: Faust und Mephisto
          Am Boden: Faust und Mephisto : Bild: dpa/dpaweb

          Jan Bosse inszeniert den "Faust" als Drama der Inszenierungen Fausts: das Theater und das Leben, das Leben und das Theater. Wir sehen Faust als einen Regisseur des Lebens, und wir sehen den "Faust" als das Theater der Zuschauer. In der Spannung zwischen Faust und "Faust" entwickeln sich die Figuren.

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