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Theater : Ein Drama wohnet, ach, in unserer Brust

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Joachim Meyerhoff mit Federflügeln auf dem Rücken macht aus dem schwarzen, aus dem Himmel der Grundfragen auf die Erde gefallenen Mephisto einen Organisator der allgegenwärtigen Transzendenzlosigkeit: in Unterhose, in Strumpfhose, in rotem oder schwarzem Anzug. Wenn das Licht zum ersten Mal angeht, fällt es auf Mephisto, und der steht auf der Scheibe: Er inszeniert das Leben als Theater. Wenn das Licht zum zweiten Mal angeht, fällt es auf Faust, der mitten unter uns sitzt: Er inszeniert das Theater als Leben. Typ: lange graue Haare, Nickelbrille, grauer Anzug. Er springt mit "Ach" aus seinem Sitz und zieht durch den Zuschauerraum: die Arme schwingend und deklamierend, die Reime süffig schmiedend und uns zum Mitreimen auffordernd.

Mephisto als Intendant

Da selbstredend weder die Zuschauer noch das Leben sich von seiner Regie packen lassen, gibt der Theatermann mit dem teuflischen Pakt die Regie aus der Hand. Er wird zum jungen Regieassistenten des Lebens. (Hier schien nun der Dramaturgie der Platz für eine Mitteilung in eigener Sache zu sein: Bei diesem Pakt, es ist ein Wechsel der Regisseure, ein Wechsel der Intendanten, stülpt sich der Schlingel Mephisto eine Perücke über die Glatze, zieht sich ein kariertes Jackett und ein bankenhellblaues Hemd an und sieht aus wie Friedrich Schirmer. Nun gut.)

Mephisto wird dem Faust ein Drama des Lebens inszenieren. Zeit für Gretchen. Maja Schöne zeigt sie als ein käsegelbblondes Mädchen aus dem weiten deutschen Lande der Mädchenzeitschriften. Nach dem Mord an ihrer Mutter wird sie zur Seele, die zwischen den Zuschauern umherirrt und dort um Erlösung bittet. Vergeblich. Wer würde mit ihr an die christliche Erlösung glauben?

Ohne Christentum keine Erlösung

Mitten zwischen den Zuschauern sitzt der Chor, das alte Gewissen der Masse, die an den "Faust" als an ein Drama um das Christentum ja gar nicht mehr heranreicht. Genial ist der Regie-Einfall, sowohl den Pudel als auch den Erdgeist vom Chor und also damit aus den Zuschauern, aus deren Innerstem heraus, singen, summen, reden zu lassen. Der Chor wird Mozarts Requiem intonieren, als Grete auf der Scheibe, die dann nicht einmal mehr die Welt, sondern nur die existentielle Einsamkeit bedeutet, mit ihrer Erlösung kämpft - und sie, abweichend von der Vorlage, nicht erhält. In einer Welt ohne einen Funken wahres Christentum, sei es links oder rechts, gibt es keine Erlösung.

Das ist eben auch eine Welt, die sich einen Auerbach-Keller leistet, wo "Songs" aus der Matthäuspassion gesungen werden - von einem, der aussieht und säuselt wie ein Schlagerstar. Das ist von der Regie schön böse gemeint. Wer in Auerbachs Keller lacht, der verrät sich an ein Hundeleben der transzendenzlosen Gewohnheiten.

Der letzte Satz der Inszenierung gilt Gretchen. Mephisto sagt: Sie ist gerichtet. Nicht: Sie ist gerettet. Ohne die Idee der Erlösung, und die ist eben futsch, läßt sich weder das Theater noch das Leben retten. Die beiden kleben aneinander: eine, wie hier von Bosse gezeigt, tief verschlungene und im besten Falle, wie hier von den Schauspielern gezeigt, wilde und vitale Gestalt im Dunkeln. Und wir jubelten auch.

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