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Theater : Die Hölle, das sind wir

  • -Aktualisiert am

Höllenpaar: Corinna Harfouch und Ulrich Matthes Bild: AP

Zimmerkrieg: In Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, inszeniert im Deutschen Theater Berlin, spielen Corinna Harfouch und Ulrich Matthes ein hinreißend großstädtisch trostloses Paar.

          5 Min.

          Der Punkt, in dem Parallelen sich treffen und in dem sie aufeinander zulaufend wenigstens für einen Moment zueinanderkommen und eins werden, liegt im mathematisch Unendlichen. Im irdisch Endlichen ist dieser Punkt eine perspektivische Täuschung. Im Berliner Deutschen Theater wird mit dieser Täuschung jetzt gespielt.

          Hier hat der Bühnenbildner Johannes Schütz von den hohen Zuschauerrängen aus bis tief in den leeren Bühnenraum hinein zwei Schnüre spannen lassen, in mathematischer Wahrheit nebeneinanderher laufende Parallelen, im Schein der Bühne aber perspektivisch aufeinander zulaufende Linien, die sich irgendwo hinter der dunklen Tür in Richtung Brandmauer treffen, hinter diesem kleinen schwarzen Loch, das die Schnüre und überhaupt alles, was zwischen ihnen sich tummelt, zu verschlucken, aber auch auszuspucken scheint.

          Bildausschnitt des Unendlichen

          Aus diesem Loch taumeln wie von weit und von unendlich her ausgespien zwei kleine endliche Menschen, Martha und George, auf die große, leere Bühne, die vorne an der Rampe die beiden tief in sie hineinlaufenden Schnüre durch einen ebenfalls aus Schnüren bestehenden Rahmen miteinander und mit dem Bühnenboden verbindet. So daß sich sozusagen ein geschnürter, luftiger Bildausschnitt des Unendlichen auftut, in dem sich nichts weiter als ein langer Tisch und vier aufeinandergestapelte Stühle befinden und auf dem Tisch jede Menge Whiskey-, Gin-, Brandy-Flaschen und Gläser. Endlichkeitszeug.

          Geschossen wird mit scharfen Schirmen
          Geschossen wird mit scharfen Schirmen : Bild: AP

          So wie es Johannes Schütz arrangiert und Jürgen Gosch inszeniert, ist es das einfachste und schlagendste und auch komischste Bild für „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ von Edward Albee, ein Theaterstück von 1962, das mit zu den fabelhaftesten und reißerischsten aller Zeiten zählt, perfekt in allem, was Perfektion an Menschenstürzendem klassisch albträumend dramaturgisch fertigkriegt: Einheit von Ort und Zeit; drei Akte; die Campus-Bude von George und Martha, einem Dozentenpaar der Universität von New Carthago (vor dem Untergang); eine Nacht, die nicht enden will; ein Besuch von Nick und Honey, einem zweiten, jüngeren Dozentenpaar; eine Ehe-Schlacht zu viert; ein paar Morde; ein Spiel; ein Alkohol; ein Haß; eine Gier; geschlossene Gesellschaft; kein Ausgang. Und der verzweifelte Versuch von ein paar lächerlichen endlichen Parallelisten zueinanderzukommen - also das unmöglich Unendliche zu wagen.

          Die Vergangenheit getötet

          George und Martha, kinderlos, spielen Nick und Honey vor, sie hätten einen Sohn, den George am Ende umbringt. Nick hat Honey nur geheiratet, weil sie „anschwoll und wieder abschwoll“, ist also ihrer Scheinschwangerschaft aufgesessen. Und Honey treibt fürderhin fleißig jeden Fötus ab. George hat womöglich seine Eltern getötet, also die Vergangenheit. Und beide Paare haben keine Kinder, also keine Zukunft.

          „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ ist auch die Tragödie einer geschichts- wie zukunftsverlorenen Gesellschaft, verdammt zu einer schlaflosen, ewigen Gegenwart, in der sie einander alles beichten, aber alles eigentlich nur beichtend vorspielen, jede Wahrheit voreinander verhüllen und jede Lüge einander ins Gesicht schreien unter Strömen von Whiskey, von An- und Abmache, von Honeys dauerndem Erbrechen und dem Saufen aller, von Ehebruch, wenn Martha es mit Nick vor George treiben möchte, von unendlichem Versagen und von Sehnsucht.

          Paar-Tragödie als Zimmerkrieg

          Alle kleben zusammen, keiner hat mit dem anderen zu tun. Jeder rast am anderen vorbei. Ein Parallelen-Mysterienspiel im Sumpf. Eine Paar-Tragödie als Zimmerkrieg. Der Boulevard als Todestanz. Strindberg mit Cowboy-Hut. Wie alle großen Dramen hat es die Füße im Schlamm, die Köpfe im Himmel, die Seelen in der Hölle, die Herzen aber im Fegefeuer. Dies alles sieht man zusammen selten. Jetzt, in Berlin, sieht man es in herzbewegender Fülle.

          Die beiden Menschlein im Deutschen Theater, die den geschnürten, luftigen, komischen Unendlichkeitsausschnitt vorne an der Rampe erreichen, sind seltsam erregende und erregte Konträrwesen. Die sich nicht ergänzen dürfen. Corinna Harfouch besteht als Martha fast ganz aus Zwerchfell und Bauch, wie aus einem riesigen Knoten in Herznähe, der ständig zu platzen droht: eine Frau, die mit ihrem Mann soeben von einer Party bei ihrem Vater, dem allmächtigen Rektor des Colleges, kommt, volltrunken, weiter trinken will, den Tisch umkreist wie ein augenloses, blindes, schönes, aber verkommenes Raubtier.

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