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Theater : Der Messias trägt Rot

  • -Aktualisiert am

„Chor der Arbeitslosen” im Dresdner Staatsschauspiel Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Wenn die Zeiten härter werden, reagieren die deutschen Theater gern mit Sozialtrübsinn und Metaphysik: Die nächste Saison wird links und fromm. Marx schaut durch den Vorhangspalt. Eine Vorschau auf die neuen Stücke.

          Man hat es kommen sehen können. Schon in der letzten Saison trug das Theater wieder ein bißchen Rot: Sozialrouge mit aufgefrischtem Naturalismus-Lidstrich. Die frühen Stücke von Gerhart Hauptmann kamen wieder in Schwange. „Vor Sonnenaufgang“ geriet von Wien bis München ins Aktualisierungsvisier. Marx guckte wieder ein bißchen durch den Vorhangspalt. Gleichzeitig fing das Theater wieder an, Kutte oder wahlweise Meßgewänder zu tragen, will sagen: Man initiierte „Glaubens-Projekte“ (wie in den Münchner Kammerspielen) oder las kollektiv die Bibel (wie im Berliner Gorki-Theater). Man fragt wieder nach dem höheren Sinn, den man von der Bühne länger schon vertrieben hat. Wenn also die Zeiten härter und kälter werden, reagiert das deutsche Theater typisch deutsch: mit Trübsinn und Metaphysik.

          Der Trend von gestern setzt sich fort. Die Saison 2005/06 wird stark links und fromm. Als die Dresdner im letzten Winter ein Stück aus dem Jahre 1891, das sich mit Vorgängen im Jahre 1844 beschäftigt, mit einem „Chor der Arbeitslosen“ von heute bestückten, empfahl sich das deutsche Staats- und Stadttheater als „Wahlalternative sozialdramaturgische Gerechtigkeit“. Hauptmanns „Weber“ mit ihren Hunger- und Elendsgestalten, die an ihren Webstühlen vor Erschöpfung, Ausbeutung und Hoffnungslosigkeit zusammenbrechen, wurden in Dresden zu wohlgenährten, unabgerissenen, wiewohl total empörten Hartz-IV-Empfängern, die ihren Haß auf „die Politik“ und „die da oben“ chorisch rüberbrachten und nebenbei zur Tötung einer Fernsehsonntagabend-Moderatorin aufriefen: Kapitalismuskritik im Talkshow-Land Deutschland. Das reichte immerhin zu einem Urheberrechtsskandal, als - man erinnere sich - der Verlag, der die Rechte an Hauptmann hat, gegen die eigenmächtigen dramaturgischen „Weber“-Hinzufügungen klagte.

          Theatralisches Ventil

          Gleichviel. Die allgemeinen sozialen Verwerfungen, der Kapitalismus, die Arbeitslosigkeit, das Versagen der Politik und der Wirtschaft vor den Aufgaben der Zukunft, die Rat- und Hilflosigkeit der herrschenden Klassen: All das sucht sich offenbar nun auch sein theatralisches Ventil. Oder wenigstens Etikett. Die Bühnen, lange Jahre mit wenig mehr als sich selber beschäftigt, tun nun so, als griffen sie nach den großen Stoffen, die draußen vor der Tür katastrophal gehäuft herumliegen. Der Regisseur der Dresdner „Weber“ ist nach Stuttgart gewechselt, wo ein neuer Intendant anfängt und den Spielplanprospekt mit einer Faust signieren läßt, geballt zum bolschewistischen Gruß. Das Wiener Volkstheater, wo auch ein neuer Chef anfängt, begnügt sich mit dem unruhig gepinselten Roten Stern als Gesinnungswerbeträger. So steckt man sich Stalins alte Zeichen ans Revers, die einer neuen Mode beispringen sollen.

          Arbeitslosigkeit ist auf jeden Fall ein Spielplanrenner. In Essen, wo auch ein neuer Intendant anfängt, macht man sich unter dem Titel „Die Vollbeschäftigten“ an einen „musikalischen Arbeitsvermittlungsversuch“. In Wiesbaden fordert man im Revue-Ton „An die Arbeit, fertig, los!“. Unter dem Rubrum „Arbeit für alle“ spielt man im Berliner Gorki Theater in sechs Uraufführungen sechs Möglichkeiten durch, arbeitslos zu sein. Wobei „Muxmäuschenstill“ von Nico Rabenald die Bearbeitung eines Filmstoffes ist, in dem Herr Mux in einer gigantischen Ich-AG Schwarzfahrer, Exhibitionisten und Kaufhausdiebe überführt und die Deutschland GmbH in Form gesteigerter Selbstjustiz in Ordnung bringt. Der Held in Carole Frechettes „Sieben Tage des Simon Labrosse“ bietet als „professioneller Bedürfnisdarsteller“ seine arbeitslos gewordene Kraft der Gesellschaft an. In Annette Rebers „Schönem Feierabend“ probiert die arbeits-, heimat-, renten- und vor allem kinderlos gewordene Akademiker-Gesellschaft des Jahres 2020 unterm Geheul der Wölfe ihren Überlebenswillen, dieweil Gesine Danckwart ein verloren sprechendes, aus allen Sozialbezügen gefallenes Ich wenigstens „Und morgen steh ich auf. Was.“ (so auch der Titel ihres Stücks) stammeln läßt.

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