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Theater : Das Spiel vom Herrn Niemandmann

  • -Aktualisiert am

Christina Einbock und Gero Nievelstein in „Reinhardt” Bild: Christian Schneider

Theatergeschichte als Geschichtentheater: Michael Frayns „Reinhardt“ feiert in Salzburg seine deutschsprachige Erstaufführung. Doch die wahnhaft getriebene Psyche des großen Theaterbesessenen Max Reinhardt bleibt allzu sehr im Schatten.

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          Ein „Jedermann“ im ungemütlichen Salzburger Novemberwetter - das wäre sogar für die eingeschworenste Festspielgemeinde eine Zumutung. So agieren jetzt Tod, Buhlschaft, Prasser und arme Leut' nicht auf der Domtreppe, sie sind ins geheizte Landestheater umgezogen. Denn Max Reinhardt, der zusammen mit Hugo von Hofmannsthal das christliche Monumentalspektakel einst für Salzburg ausgedacht hat, ist wieder in der Stadt. Gegen mächtige Konkurrenz aus Wien und Berlin hat das örtliche Schauspielhaus den Zuschlag für die deutschsprachige Erstaufführung von Michael Frayns „Reinhardt“ bekommen.

          Das Stück ist kein bloßes Dokudrama über das wahrlich theatralische Leben des Regisseurs Reinhardt, sondern bietet zudem ein Palimpsest, unter dem das bei den Reichen ungebrochen populäre Armutsstück aufscheint: Der reiche Mann, den der Tod beim eigenen Gastmahl abholt, schleicht sich mit Knittelversen immer wieder ins Sprechen dieser scheinbar modernen Leute ein. Da spielt der Jude Max Reinhardt dem Salzburger Fürsterzbischof Ignatius Rieder - nobel und angemessen gehemmt gespielt von Volker Conradt - den „Jedermann“ im Alleingang vor und überzeugt ihn so, die Bühne vor seinem Gotteshaus fürs fahrende Volk freizugeben. Und hinten ruft schon ein Antisemit, dass dieses elende Luxustheater bald ein Ende haben wird. Am Ende ist der Sensenmann der Gauleiter.

          Bemühter Geschichtslehrer

          Was fürs Londoner Publikum bei der Uraufführung erst einmal an Biographischem, Historischem und Geographischem erklärt werden musste, ist im Salzburger Parkett allen wohlvertraut. Hier wirkt der ironische Frayn mehr wie ein bemühter Geschichtslehrer, ein Guido Knopp des Theaters. Klaus Hemmerles Regie verlegt sich erst gar nicht auf ein historisierendes Ausstattungsstück, sondern lässt das Ensemble in kargem Rahmen im Stil von Reinhardts Gegenpol Brecht agieren: zuerst in Straßenkleidung, dann deutlich zurückgenommen gegenüber jeder postbarocken Verzückung, die der Titelheld so geliebt hatte. Seht her! Wir spielen euch die Parabel vom Theaterjuden, der in Salzburg einst hoch stieg, das prächtige Barockschloss Leopoldskron renovierte und verarmt im Exil starb, in das die Nazis ihn trieben.

          Die Verfremdungseffekte funktionieren ganz gut, auch weil Bernd Jeschek in der Titelrolle keinen hyperaktiven Helden modelliert, mehr einen Melancholiker, der auch unter anderthalbtausend Komparsen oder auf seinem Achtzig-Zimmer-Schloss mit eigenem Zoo vor Einsamkeit fast verging. Seine quirlige Entourage reduziert der Autor bühnengerecht auf Ehefrau, Sekretärin und Finanzverwalter. Schloss Leopoldskron, in dem nach Reinhardt stilgerecht der Gauleiter hauste, wird als Holzmodell zum anderen Agens der Aufführung: Wo heute eine amerikanische Akademie Seminare abhält und wo Frayn einst als Hausgast zufällig auf seinen Stoff stieß, hatte Reinhardt mit Flamingos und einem barocken Figurentheater die teuerste und verrückteste Inszenierung seines Theaterlebens abgeliefert - sie sollte ihn ruinieren, aber immerhin überleben. Im Stück wird immer wieder ein Lämpchen in Leopoldskron angeschaltet, leuchtet der berückende See-Hintergrund und macht das Pleiteschloss zum Kirschgarten einer glücklichen Epoche.

          Schablonenhafte Dialoge

          Diese barocke Daseinslust, dieser Horror vacui eines Theaterbesessenen, der heute in Steven Spielbergs Riesenanimationen oder Michael Jacksons Neverland seine Fortsetzung findet, kann Frayn auf der Theaterbühne nur thematisieren, aber nie bildhaft machen. Die Grenze vom Leben zur Phantasie zu überschreiten, das Dasein zu verzaubern - das war das Lebensanliegen des armen Wiener Buben Max Goldmann vom vierten Rang des Burgtheaters gewesen, bevor er sich seinen reinen, harten Bühnennamen gab. „Reinhardt“ kann mit zuweilen schablonenhaften Dialogen und einem braven Abhaken biographischer Stationen nicht gelingen, was Max Reinhardt auf beiden Seiten des Atlantiks einst schaffte: Theater mit Poesie zu beleben.

          Schade nur, dass dabei auch die andere Seite der Medaille, Reinhardts wahnhaft getriebene Psyche allzu sehr im Schatten bleibt. Frayn gibt seinem zu Recht bewunderten Helden zu wenig Zeit, sich seinen Abgründen zu stellen. Und so wird auch das Rätsel dieses Mannes, der noch in den schäbigen Hotelzimmern seines amerikanischen Exils an Luftschlössern baute, mit der Zeit etwas fade: ein Jedermann ohne Eigenschaften. Dass Theater übers Theater nicht von der dokumentarischen Wirklichkeit, sondern vom Träumen und vom Ungesagten lebt, hätte sich Frayn beim Salzburger Lokalgenie Thomas Bernhard abschauen können. Dessen Theatermacher, dessen Minetti, dessen Zirkusdirektoren und Weltverbesserer sind Max Reinhardt allemal verwandter als die spröden Stichwortgeber dieses Abends.

          Reinhardts überzeitliche Botschaft scheint einzig auf in der Figur seines treuen Kammerdieners Franz, der einst einen habsburgischen Transvestiten-Erzherzog angekleidet hatte und nun wie ein Papagei seinem „Herrn Professor“ die Maßanzüge richtet. Klaus Martin Heim spielt dieses Relikt einer untergegangenen Welt voller Würde und Fragilität als denjenigen, der von der Theatralik Max Reinhardts wirklich besessen ist - Tschechows Lakai Firs, verirrt in eine ordentliche Geschichtslektion. Der vielseitig begabte Michael Frayn ist auch Tschechow-Übersetzer. Schade, dass Tschechow ihn nicht tiefer inspirieren konnte.

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