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Theater : Das Narrenschiff als Aufklärer

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Was sucht Kant (Michael Maertens, Mitte) in der neuen Welt? Die Ideallinie, doch er findet nur den Wahn. Bild: © Tanja Dorendorf / T+T Fotograf

Thomas Bernhard schickt in seiner Komödie „Immanuel Kant“ den Aufklärungsphilosophen zu Schiff nach Amerika. 1978 dachte man: Bernhard spinnt. Jetzt zeigt Matthias Hartmann im Zürcher Schauspiel irrenwitzig: Kant spinnt.

          Zwar ist in dieser Zeitung schon lange keine Rezension über Thomas Bernhards Komödie „Immanuel Kant“ mehr erschienen, was daran liegt, dass dieses Stück nach seiner Stuttgarter Uraufführung 1978 so gut wie nie gespielt wurde und mit Peymanns Inszenierung damals auch irgendwie urversenkt schien (sie spielt auf einem Schiff). Aber auch diese Rezension zur Zürcher Wiederhervorholung unter der Regie von Matthias Hartmann muss mit der Vorbemerkung beginnen, dass der Philosoph Immanuel Kant, der von 1724 bis 1804 lebte, nie aus Königsberg herauskam, nie eine Schiffsreise nach Amerika unternahm, auch nicht in Begleitung seiner Frau, schon deshalb nicht, weil der weiberscheue Kant nie verheiratet war, auch keine Ehrendoktorwürde der Columbia-Universität annahm, zwar sehr schlechte Augen hatte, aber ob eines grünen Stars nicht die Augenärzte Amerikas als letzte Rettung aufsuchte und auch keinen Papagei namens Friedrich und keinen Bruder namens Ernst Ludwig besaß, den Kant zur Papageienbetreuung abrichtete.

          All dies spendierte Thomas Bernhard seinem Immanuel Kant, einem Blinden, dem auch dann noch nicht die Augen aufgehen, als er im Hafen von New York statt von den Professoren der Columbia University von Irrenwärtern mit Zwangsjacken empfangen wird.

          Dem Aufklärer geht das Licht aus

          Was wollte Bernhard damit? Der Dramatiker der fortlaufenden Welt- und Todesverfinsterung machte aus „Immanuel Kant“ die Symbolkomödie der sarkastischen Zurücknahme all dessen, was Aufklärung und Fortschritt dem Menschen an Autonomie und Freiheit geschenkt zu haben glauben. Kant, der Philosoph des kategorischen Imperativs, der den gestirnten Himmel über sich und das Sittengesetz in sich, das Selberdenken im Kopf und die Aufklärung als Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit des Menschen im Sack hatte, verliert in Bernhards anachronistischer Komödie buchstäblich das Augenlicht der Aufklärung. Statt Autonomie bringt er seinem Bruder, den er unter der Knute hält, die Tyrannei.

          Die Decks gliedern die Welt des Schauspiels, und Sunny Melles lehnt napoleonisch an der Reling

          Sein Menschendenken übereignet er ausgerechnet einem Tier, dem er abgöttisch hörig ist, seinem friderizianischen Plapperpapagei, in dem er „meine ganze Philosophie gespeichert“ hat und dessen Körnerfutter er vorkostet. Und Amerika, das Land, das die Kantschen Prinzipien des freiheitlichen Pragmatismus verwirklicht und vor allem an der Columbia University theoretisch weiterentwickelt hat, steckt den Freiheitsdenker in Zwangsjacken. Das Kantsche Prinzip des ewigen Friedens auf der Basis gegenseitiger Ökonomie degeneriert zu schäbiger, urkomischer Ausbeutung in Gestalt einer Millionärin, die als „Millionärrin“ das Untergangssupersymbol der kapitalistischen Welt, die „Titanic“, heben lassen will; ein mitreisender Kardinal symbolisiert die entleerte Religion, ein Admiral die Gemütsbrutalität des Militärs.

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