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Theater : Das Böse auf Achse

  • Aktualisiert am

Katharina Knap (r.) und Andrea Quirbach in „Requiem” Bild: dpa

Im vielfach preisgekrönten Film „Requiem“, der auf einem wahren Fall beruht, unterzieht sich die junge Michaela einem Exorzismus, an dessen Folgen sie stirbt. In Mainz wird „Requiem“ nun als Theaterstück aufgeführt.

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          Es geht nicht um Schuld. Nicht um Anklage. Regisseur Hans-Christian Schmid und Drehbuchautor Bernd Lange wollen in ihrem vielfach preisgekrönten Film „Requiem“ auch nichts erklären. „Ich mache Filme, um einen Menschen zu verstehen“, sagt Schmid in einem Interview. Selbst wenn der Mensch sich für den Märtyrertod entscheidet. Wie es im Film die strenggläubige Studentin Michaela Klingler in den siebziger Jahren tut, die an Epilepsie leidet und sich einem Exorzismus unterzieht, weil sie glaubt, besessen zu sein. Und an den Folgen stirbt. Michaela Klingler hieß im wirklichen Leben Anneliese Michel, stammte aus Klingenberg und war ein Fall, der auch Hollywood anregte, wo man 2005 zum „Exorzismus von Emily Rose“ eine Mischung aus Gerichts- und Horrorfilm drehte.

          Dem Filmregisseur Hans-Christian Schmid war der ganz normale Alltag der Klinglers schon Horror genug. Mit einer gefühlskalten Mutter, in deren aufgerissenem Tiefseeblick ein Schrecken zu lauern scheint, der sie hilflos macht, mit „der Sache“, wie sie die Epilepsie nennt, und der Tochter überhaupt umzugehen. Der Vater muss heimlich dafür sorgen, dass die Tochter Dorfmief und Mutterfrust für kurze Zeit in einem Studium in Tübingen hinter sich lassen kann. Die Schwester versteckt ihr Leben gleich ganz unterm Bett. Jeder verdrängt, wo er kann. Und glaubt, wie er kann.

          Auf dem Gesicht ein Lächeln

          Es ist ein Glaube, der aus Regeln, Ritualen, Wallfahrten und Beten besteht, alle einengt und eine Erklärung bietet für die unberechenbaren Anfälle: Michaela fühlt sich von Gott bestraft, von Teufeln besessen und will sich „entsühnen“. Daran glaubt sie. Danach handelt sie. Und findet ihren Frieden dabei. Am Ende des Films sitzt Michaela im Auto, das sie nach einem kurzen Ausflug zu den Exorzisten zurückbringen wird. Auf dem Gesicht, das hinter der Windschutzscheibe hervorschimmert: ein Lächeln.

          Im Mainzer Staatstheater gönnt man Michaela ihren rätselhaften Frieden nicht. Deborah Epstein und Marcus Mislin, die schon einiges dramatisch zu Bearbeitende gemeinsam ausgeheckt haben, bringen Schmids und Langes Film-„Requiem“ allein auf die Bühne, um Schuldige zu finden. Die Zuschauergesellschaft sitzt einander im Mainzer Kleinen Haus auf zwei Tribünen gegenüber, bespiegelt sich voyeuristisch und greift naturgemäß nicht in die Tragödie ein, die direkt vor ihrer Nase in einer Art Kombizimmer ausgetragen wird. Rechts Bett und Schreibtisch einer Studentenbude. In der Mitte Küchentisch und Stühle. Links eine Wohnzimmergarnitur.

          Mit dem Rücken zum Publikum

          Die Schauspieler, in Schlaghosen, Blüschen und Plateausohlen der siebziger Jahre, stehen also teilweise mit dem Rücken zum jeweiligen Tribünenpublikum, weshalb man sie dann auch nur teilweise versteht. Wenn sie nicht stehen, sitzen sie auf Stühlen, sind aber immer auf dem Sprung, denn sie müssen schnell reagieren, weil Deborah Epstein und Marcus Mislin in ihrer Filmadaption auch mit filmischen Mitteln arbeiten, Szenen sozusagen überblenden, zeitgleich rechts und links spielen und sprechen lassen.

          Der Film funktioniert im Theater sogar erstaunlich gut. Das Theater im Film weniger: dann nämlich, wenn sich die selbstherrliche Professorin der Friederike Bellstedt, die's im Film nicht gibt, zwischendurch in einer Art Publikumsseminar das Gedankengut des Kirchenkritikers Eugen Drewermann gleichsam aus dem erhobenen Zeigefinger saugt und zum Ergebnis kommt: Bush hat Schuld. Weil er die „Achse des Bösen“ heraufbeschworen hat, der Welt die Teufel austreiben will und wir alle auf das Vokabular dieses „möglichen Exorzisten“ reinfallen. Tun wir aber nicht. Hilflose Phrasendrescherei, die den fragwürdigen Opfergang der Michaela Klingler auch nicht erklärt.

          Der Abend funktioniert immer dann, wenn er beim Filmskript bleibt und den Schauspielern Raum gibt, allen voran Katharina Knap als Michaela, die - eine Seele als Mensch - einem nicht nur unter die Haut geht, wenn sie krampft, zuckt, stiert, geifert und kreischt. Tatjana Kästel setzt der glaubensschwankenden besten Freundin Hanna eine quirlige Partygirlmaske auf, und Thomas Marx und Florian Hänsel sind zwei Priester, die als Exorzisten die Sache weniger beherrschen, mehr von ihr beherrscht werden. So bleibt „Besessen oder nur krank?“ letztlich auch in Mainz am Ende eine Glaubensfrage.

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