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Theater Basel : Der Gott erscheint im Auditorium

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Ach, die Tradition! Yeree Suh in der Basler Rihm-Inszenierung Bild: Peter Schnetz

Wo sie den Gott, den Adler, den Mann nicht haben können, da wird ihr Begehren zu unersättlichem, unablässigem Klang und Gesang: „Drei Frauen“, Wolfgang Rihms drei Monodramen und zwei Zwischenspiele, am Theater Basel.

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          Drei Frauen brauchen was. Die erste (Ariadne) spielt das alte Geh-weg-komm-her-Spiel mit immerhin dem Gott Dionysos; die zweite (Anita von Schastorf) lockt und quält einen Adler im nächtlichen Zoo; die dritte (Penthesilea) hat den Mann bereits zur Strecke gebracht, weil es aber der Held Achill ist, trauert sie um ihn und stirbt an einem „vernichtenden Gefühl“. Götter, Adler, Männer! Mit ihnen geht es nicht und ohne sie auch nicht. Die Frau an sich ist eine klaffende Unvollständigkeit, ein ewig über sich hinausdrängendes Begehren, und wo sie den Gott, den Adler, den Mann nicht haben kann, da wird ihr Begehren zu unersättlichem, unablässigem Klang und Gesang.

          So etwa könnte man den Gehalt von Wolfgang Rihms Musiktheater in drei Monodramen und zwei Zwischenspielen „Drei Frauen“ zusammenfassen, das am Theater Basel Premiere hatte. Nicht von ungefähr wirkt dieses Bild der Frau als Kraftwerk der Gefühle so nostalgisch, wie die ganze Institution Oper heute nostalgisch wirkt. Und nicht von ungefähr stehen Rihms drei monologisierende Frauen im Schatten einer übermächtigen vierten: jener namenlosen Hauptfigur in Arnold Schönbergs Monodram „Erwartung“, das ebenfalls eine einsame, nach dem Mann, aber auch nach dem Leben des Mannes trachtende Frau in den Mittelpunkt stellt. Entstanden ist es 1909, genau hundert Jahre vor der Uraufführung von Rihms Werk.

          Stadien weiblicherLebensentfremdung

          Um eine Uraufführung handelt es sich allerdings nur im Hinblick auf das Gesamt-Triptychon. Dessen drei Flügel sind einzeln schon dargeboten worden: die Szenarie „Aria/Ariadne“ nach Nietzsches Dionysos-Dithyramben 2002 in der Kölner Philharmonie, die nächtliche Szene „Das Gehege“ nach einem Abschnitt aus Botho Strauß’ Stück „Schlusschor“ 2006 an der Bayerischen Staatsoper, Kleists „Penthesilea-Monolog“ 2005 in der Weimarhalle. Für Basel hat Rihm diese Stücke mit eher lose vermittelnden Zwischenspielen versehen, von denen Videoprojektionen auch noch ablenken. Und doch ergeben die Stücke, so zusammengefügt und in der Inszenierung des Basler Hausherrn Georges Delnon aufeinander bezogen, ein anderes Ganzes. Das Theater Basel, soeben in der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Opernwelt“ zum „Opernhaus des Jahres“ gewählt, rechtfertigt mit dieser Wahl jedenfalls seinen Titel nachträglich, auch dank einer souveränen musikalischen Leistung des Sinfonieorchesters Basel unter André de Ridder.

          Man kann die drei Akte als aufeinanderfolgende Stadien von weiblicher Lebenserfahrung, vielleicht auch Lebensentfremdung verstehen. Roland Aeschlimann hat sie in eine weiße Kammer gestellt, in deren spartanischer Ausstattung der dunkle Schrank auf Unbewusstes verweist, während das weiche, von Akt zu Akt aber bis zur Bedrohlichkeit größer werdende Kissen Verlockung und Gefahr der Regression suggeriert. Die fast noch teenagerhaft-verspielte Ariadne scheint vom Geschlechterkonflikt mehr zu träumen, als ihn zu durchleben, zugleich begegnet sich diese Ariadne auch in der Gestalt einer Greisin. Yeree Suh singt und verkörpert sie mit weittragenden, in ihrer dunklen Klanglichkeit berückenden Phrasen. Ihr „Triff tiefer! Triff einmal noch! Zerstich, zerbrich dies Herz!“ tritt nicht als hysterischer Aufschrei ein, sondern als traum- und weltversunkener, unendlich gedehnter Augenblick.

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