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Theater : Apokalypse in der guten Stube

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„Zerbombt”: Ulrich Mühe zielt auf Katharina Schüttler Bild: dpa/dpaweb

Mit ruhiger Hand durch die Apokalypse: Thomas Ostermeier inszeniert Sarah Kanes „Zerbombt“ an der Schaubühne als Schauspielerfest für Katharina Schüttler, Ulrich Mühe und Thomas Thieme.

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          Zehn Jahre sind eine lange Zeit - wie lange, zeigt sich jetzt in der Berliner Schaubühne an dem 1995 in London uraufgeführten ersten Stück von Sarah Kane.

          „Zerbombt“ bescherte dem Königreich damals einen Skandal und wurde zum schaurigen Exportartikel in der dramatischen Wachstumsbranche Gewalt, Sex und Körpersäfte aller Art. Die dreiundzwanzigjährige Autorin machte „Zerbombt“ wie ihre anderen Stücke („Gesäubert“, „Phaidras Liebe“, „Gier“) berühmt, aber nicht glücklich. 1999 beging sie, an Depressionen leidend, Selbstmord.

          Schlechte, alte Bekannte

          Ihre Figuren, die einmal für so viel Wirbel gesorgt hatten, wirken inzwischen wie schlechte, alte Bekannte: Lange nicht gesehen - aber sollen sie doch in ihrer rumpelnden Drastik und demonstrativen Brutalität mal wieder vorbeischauen. Sie kratzen einen nicht weiter, wollen bloß, wie gehabt, um Liebe, Demütigung, Verstümmelung, Mord und Totschlag spielen. Und wenn sie schon nichts zu sagen haben, dann wenigstens mit Gefühllosigkeit und Härte.

          Die Inszenierung von Thomas Ostermeier hat das Kammerstück für drei Personen nun aus den kleinen Studio- und Kellertheatern, wo es meist zu finden war, auf die große Berliner Bühne befördert. Es hat dort zwar ausgiebig Platz, Luft und Licht, kann dadurch allerdings keines seiner literarischen Fältchen und thematischen Altersflecke, seiner verschwiemelten Problemzonen und ergrauten Offenbarungen verbergen. Redlich empört, mit weit aufgerissenem Mund und gestrecktem Trend-Zeigefinger versucht „Zerbombt“ unverändert, die Welt als Wille und Katastrophe vorzustellen - dabei wissen wir längst, daß sie dazu geworden ist.

          Kettenraucher trotz Lungenkrebs

          Mit sachlicher Eleganz hat der Bühnenbildner Jan Pappelbaum das teure englische Hotelzimmer entworfen, in welches der Boulevardjournalist Ian, Mitte Vierzig und Kettenraucher trotz Lungenkrebs, seine jugendliche Ex-Freundin Cate bringt. Der sadistische Zyniker quält das arme Ding verbal, psychisch und sexuell, bis es flieht. Indessen bricht Krieg aus, ein namenloser Soldat dringt ein, macht den bisherigen Täter zum Opfer, das er ohne Rücksicht auf Verluste quält. Später erschießt er sich, während die zurückgekehrte Cate den blinden Ian betreut.

          Für entschlossene Darsteller ist da einiges zu holen, sogar, wenn es sich um gute handelt. Deshalb entwickelt sich die Aufführung geradewegs zum Schauspielerfest für Katharina Schüttler als Cate, Ulrich Mühe als Ian, Thomas Thieme als Soldat. Ostermeier geleitet sie mit konsequent ruhiger Hand und schlicht-kühler Präzision durch Sarah Kanes Stuben-Apokalypse. Wie ein erfahrener Buchhalter der Leidenschaften vermeidet er ästhetische Risiken und szenische Experimente. Überzeugender wird der unflotte Dreier mit seiner angestrengt ausgerechneten Banalität des Bösen dadurch nicht, doch runder und - hübsch verpackt - leichter konsumierbar.

          Scheusal mit Herz

          Gegen die Konkurrenz des Horrors in Film und Internet ist schwer zu bestehen. Selbstbewußt kaschiert die Inszenierung deswegen die Grenzen nicht, innerhalb deren sich ihr Realismus bewegt. Wenn Ian etwa Cate vergewaltigt, geschieht das unter der Decke, während die Drehbühne kreist. Wenn der Staatsbürger in Uniform voll konkretem wie metaphorischem Hunger Ian die Augäpfel heraussaugt und verspeist, passiert das hinter dem Bett. Wenn indes Ian ein frisch verstorbenes Baby anknabbert, schaukelt er es zärtlich im Arm. Immer wieder erspielt Ulrich Mühe seinem Ekelpaket Momente der Verletzlichkeit: Schuft mit Charme, Scheusal mit Herz.

          Auch der schreckliche Soldat, dessen Freundin von gegnerischen Soldaten umgebracht wurde, soll zu Hause ganz anders sein. Bei Thomas Thieme schnarrt er die Schilderungen wie die Androhungen von Grausamkeiten beiläufig aus den Mundwinkeln. Diese Kampfmaschine hat drei Armbanduhren umgeschnallt und tritt dementsprechend auf: gnadenlos pünktlich zum Töten.

          Geballte Männergewalt

          Gegen die geballte Männergewalt hat Cate, die stottert, wenn sie unsicher wird, und in Ohnmacht fällt, wenn sie unter Druck gerät, keine Chance. Bei Katharina Schüttler ist sie mehr ein verlorenes Kind in Flickenjeans und Melancholie als die raffinierte Lolita, die Ian bevorzugt. Trotz aller darstellerischen Vordergründigkeit gewinnt diese geschundene Kreatur bald einen starken Gleichmut. Jeder haut auf sie ein, niemand kann sie treffen.

          Einmal nur erlaubt sich die Aufführung einen schrillen Ausflug von der Pflicht des Realismus zur Kür des Surrealismus. Als eine Bombe das Hotel zerstört, dröhnt Musik, es wird finster. Danach sind die Wände und Teile des Inventars verschwunden. Das Bett steht im schwarzen Nirgendwo, dahinter leuchten schmale Lamellenfenster wie in einer Kathedrale. Weiß ausgebrannte, geschrumpfte Pflastersteine rauschen vom Himmel, Staub bedeckt Ian und den Soldaten.

          Es kümmert sie nicht. Sie sind schließlich echte Kerle, die sich gelassen Zigaretten anstecken. Und dann geht die metaphysische Unappetitlichkeit, als die Sarah Kane hier den Untergang der Menschheit anrichtet, zwischen den Trümmern weiter. Schlechte Aussichten, düstere Ansichten - aber durchaus ansehnlich gedeichselt.

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