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Theater an der Wien : Ein Mathematiker macht der Staatsoper Konkurrenz

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Roland Geyer (links) mit Nikolaus Harnoncourt Bild: Werner Kmetitsch

Moderne Regisseure, Nachwuchssänger mit großem Potential, exzellente Dirigenten: Achtzehn Jahre lang hat Roland Geyer als Intendant das Theater an der Wien zur besten Musikbühne in Österreichs Hauptstadt gemacht.

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          Stürmische Wellen, auf denen Möwen zu surfen scheinen, ein wogendes Auf und Ab, das alles zu verschlingen droht. Doch dann folgt ein jäher Schnitt in dem Video, das flächendeckend über den Bühnenraum projiziert wird: Ein verlockend roter Sonnenaufgang spiegelt sich in dem türkisfarbenen Wasser. Doch was wie ein sommerliches Strandidyll mit Ruderboot wirkt, entpuppt sich rasch als Horror, denn Kapitän Enoch Arden landet nach einem Schiffbruch einsam auf einer öden Insel.

          Roland Geyer, der als Intendant sechzehn Jahre lang die Geschicke des Theaters an der Wien gelenkt und 197 Premieren verantwortet hatte, stellte die in Ottmar Gersters 1936 entstandener Oper „Enoch Arden“ streng linear erzählte Geschichte dramaturgisch um und lässt dadurch den gestrandeten Kapitän in Fieberträumen sein Leben nochmals Revue passieren. Die Videos des Regisseurs David Haneke unterstützen diese Rückblenden wirkungsvoll und passen auch gut zu der ohnehin filmisch wirkenden Musik des 1947 in die DDR abgewanderten Volkskünstlers Gerster, dessen weitgehend tonales Schaffen auf leichte Verständlichkeit zielt.

          Abschiedsvorstellung nach Maß

          Ursprünglich bereits für die Saison 2019/20 geplant, musste die Premiere wegen der Pandemie nun in die kleine, dem Theater an der Wien seit 2012 angegliederte Kammeroper verlegt werden. Denn das große Haus wird bereits seit April generalsaniert, sodass der neue Intendant Stefan Herheim wohl erst im Herbst 2024 wieder ins Stammhaus zurückkehren kann. Für Geyer lief seine Abschiedsvorstellung dennoch nach Maß und bietet Gelegenheit, sein Wirken rückblickend zu würdigen.

          Als der ausgebildete Mathematiker und EDV-Spezialist 2004 vom Musikintendanten der Stadt Wien zum Chef des Theaters an der Wien aufstieg, das als Stagione-Oper neu gegründet wurde, war zeitgemäßes Musiktheater nur sehr punktuell zu sehen in Österreichs Hauptstadt. Zwar gelangen Ioan Holender in der Endphase seiner Intendanz an der Wiener Staatsoper einige schlüssige, moderne Produktionen, doch von einem dramaturgisch durchdachten Spielplan war das renommierte Haus weit entfernt. Mit der Übernahme der Staatsoper durch Dominique Meyer im Herbst 2010 wurde das Rad der Aufführungsgeschichte noch weiter zurückgedreht. Ähnliches gilt für die Volksoper, die unter der Leitung von Robert Meyer seit 2010 kein Profil entwickeln konnte.

          Was seit der Saison 2006/07 am Theater an der Wien passierte, war für die Stadt folglich in zweierlei Hinsicht wichtig: Zum einen kann das Opernpublikum endlich Produktionen von wichtigen zeitgenössischen Regisseuren sehen, zum anderen wird mit der Etablierung des neuen Stagione-Theaters durch längere Probenzeiten das Niveau angehoben – trotz deutlich geringerer budgetärer Mittel als jener der Staatstheater. Mit dem RSO-Wien, den Wiener Symphonikern und dem Concentus musicus sind auch namhafte Klangkörper ständige Gäste im Theater an der Wien.

          Überdies konnte Geyer das Publikum durch schlüssige Spielpläne überzeugen, die sich im Wesentlichen auf drei Säulen stützten: Eine bildeten die Barockoper sowie szenisch dargestellte Oratorien. Vorrangig zu nennen sind hier die Inszenierungen Claus Guths, der für Franz Schuberts „Lazarus“ (2013) und Georg Friedrich Händels „Saul“ (2018) packende theatralische Lösungen fand. Die zweite Säule bestand aus zu Unrecht vergessenen Raritäten des Opernbetriebs, wie etwa Antonio Salieris „Falstaff ossia Le tre burle“ (2016 unter René Jacobs) oder Heinrich Marschners „Hans Heiling“ (2015 unter Constantin Trinks).

          Szenische Konzepte und musikalische Lösungen

          Die dritte Säule der Intendanz war die Moderne. Bereits 2006, im Mozart-Jahr, gelangte Bernhard Langs freches, auf Collagen bekannter Motive und Arien aus Wolfgang Amadé Mozarts Opern basierendes Musiktheater „I hate Mozart“ zu Uraufführung. Mozart mit Turntables und Orchester – zeitgeistiger geht es nicht. Insgesamt dreizehn Ur­aufführungen sowie sechs österreichische Erstaufführungen zeitgenössischer Opern waren unter Geyers Ägide im Theater an der Wien zu sehen. Darunter Johannes Kalitzkes „Die Besessenen“ (2010), Lera Auerbachs „Gogol“ (2011), Olga Neuwirths „American Lulu“ (2014) und zuletzt Christian Josts „Egmont“ (2020).

          Um das Publikum mit solch ambitionierten Spielplänen zu überzeugen, bedarf es schlüssiger szenischer Kon­zepte und musikalisch überzeugender Lösungen. Nicht immer gelang es Geyer, die richtige Wahl zu treffen, aber grosso modo waren es natürlich auch die Künstler, denen der Erfolg seines Hauses zu danken ist. Zwei Regisseure, die mehrfach zu Gast waren, seien stellvertretend mit ihren wichtigsten Arbeiten genannt: Robert Carsen, der 2014 Jean-Philippe Rameaus „Platée“ quirlig-burlesk auf die Bühne brachte, und Christof Loy, dessen schlüssige Deutung von Benjamin Brittens „Peter Grimes“ 2016 den International Opera Award für die beste Neuproduktion des Jahres erhielt.

          Das musikalische Highlight der Ära Geyer ist zweifellos Nikolaus Harnoncourt zu verdanken: Erstmals konnte er 2014 seinen Concentus musicus für die Mozart/da Ponte-Trilogie einsetzen, und siehe: Die Klangrede war so präsent, dass sogar die geheimen Wünsche und Sehnsüchte der Protagonisten hörbar wurden, selbst wenn sie verbal ganz anderes beteuerten. Wie schon in Salzburg, als er Anna Netrebko als Donna Anna entdeckte, stützte sich Harnoncourt auf ein damals noch unbekanntes Ensemble. Die Norwegerin Mari Eriksmoen und der Südtiroler Andrè Schuen haben mittlerweile internationale Karrieren gemacht.

          Womit uns der Weg wieder zurück in die Wiener Kammeroper führt, denn auch die Nachwuchsarbeit Geyers kann sich hören lassen, der in dem kleinen Haus ein aus sechs jungen Sängern bestehendes Ensemble aufgebaut hat. Valentina Petraeva machte als Ehefrau von Enoch Arden neben dem erfahrenen Markus Butter in der Titelpartie eine vielversprechende Figur. Auch für die Zukunft hat Geyer sein Theaterschiff also gerüstet.

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