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Molière am Thalia in Hamburg : Die ewige Flamme

  • -Aktualisiert am

Ist das nicht Al Pacino? Nein, es ist Jens Harzer als Harpagon in Leander Haußmanns Inszenierung von „Der Geizige“ Bild: Armin Smailovic

Arm, aber erleichtert: Leander Haußmann inszeniert Molières „Der Geizige“ mit Jens Harzer am Thalia Theater Hamburg. Das Ensemble überrascht mit bravourös-artistischen Solonummern.

          3 Min.

          Im Thalia Theater Hamburg feiert man als krönenden Abschluss einer Reihe von Neuinszenierungen die „Wiedereröffnung“, so Intendant Joachim Lux, mit „Der Geizige“ von Molière. Die 1668 in Paris uraufgeführte Komödie erzählt als literarische Zeitgenossin von der Epoche, in der sie spielt, und vom Wesen der Menschen, die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts lebten. Sie weist als große Kunst überdies bis in unsere Zeit. Schließlich könnte Harpagon, der Geizige, von Sigmund Freud erfunden worden sein und uns jederzeit begegnen: Er will nichts, was er hat, hergeben. Aber die Inszenierung von Leander Haußmann erzählt auf intelligent-artifizielle Weise noch einiges mehr: nämlich davon, wie das war, als das Thalia Theater wie sämtliche anderen Bühnen Mitte März wegen der Corona-Pandemie geschlossen werden musste, als man nicht wusste, ob und wann die für Mai angekündigte Premiere jemals stattfinden würde.

          Haußmann hat die Spuren dieser Erfahrungen nicht aus seiner Inszenierung getilgt, ebenso wenig wie sein kongenialer Bühnenbildner Peter Schubert. Der trennte sich von seinem für völlig andere szenische Möglichkeiten entworfenen Bühnenbild, das die Werkstätten gerade zu bauen beginnen wollten, und beschränkte sich in einem neuen Entwurf auf die reine Leere: Nichts ist auf der weiten, offenen Bühne zu sehen – bis auf ein paar Funken der Hoffnung in Form nackter Glühbirnen. Sie hängen auf halber Höhe vereinzelt rings um die verödete Szenerie und erinnern an eine der vielen Aberglauben-Riten der Theaterleute, die nachts immer eine kleine Gespensterlampe anlassen, die böse Geister vertreiben und gute zurückholen soll. Es ist das ewige Licht des Theaters – und die unauslöschliche Flamme dieses Abends. Es erleuchtet Leander Haußmanns vorwiegend im Homeoffice entstandene Inszenierung. Immer wieder stellen sich die Schauspieler mit Abstand an der Rampe auf oder setzen sich vorne auf schnell herbeigeholte graue Plastikstühle und drücken ordentlich auf die Klamauktaste. Das Ensemble ist mit Lust am Werk, vertraut dem Text und zeigt, wie unverwüstlich Molières Komödienmechanik noch immer ist.

          Ein Derwisch der Dialektik

          Jens Harzer als Harpagon ist eine Art Blockwart vom Campingplatz mit Bierbauch, Buckel, Trainingshose und Pistole. Später zieht er sich um, ohne dadurch attraktiver zu werden, verstört weiter aggressiv und widerwärtig in seiner egoistischen Geldgier und aggressiven Überheblichkeit. Überbiss, Brille, Schnurrbart – während des Shutdowns muss Harzer Filme wie „Toni Erdmann“ und „Horst Schlämmer“ studiert haben. Harpagons Kinder haben nichts zu lachen, er hält sie an der ganz kurzen Leine und torpediert ihre Heiratspläne, die ihm nicht genügend Gewinnsteigerung versprechen.

          Toini Ruhnke als seine zerquälte Tochter Élise liebt Valère, der sich bei Pascal Houdus bis in die Fingerspitzen als Karikatur der Unterwerfung verrenkt, um – vergeblich – die Gunst des potentiellen Schwiegervaters zu erringen. Steffen Siegmund als ihr eitler und versnobter Bruder Cléante liebt Mariane – bei Rosa Thormeyer ein kühles, stilles Wasser –, die Harpagon allerdings selbst ehelichen möchte. Marina Galic als Heiratsvermittlerin Frosine im weißen Pelzmantel ordnet das Wirrwarr der Interessen elegant, raffiniert und unter Einsatz aller erotisch gefinkelten Mittel.

          Haußmann folgt der Stückvorlage genau und verkneift sich regiebesserwisserische Flausen. Jedoch bleibt seine Inszenierung recht eigentlich eine beredte Skizze, der man ansieht, wie manche Szene digital angelegt, aber nicht auf der Bühne entwickelt wurde. Trotzdem hat sich das Ensemble bravourös-artistische Solonummern ausgedacht – jeder für sich, denn zusammen konnten sie ja lange nicht kommen. Manchmal wirkt das etwas langatmig, meistens schön übermütig verspielt – wie die Diener-zweier-Herren-Einlage, in der Tim Porath als Mädchen für alles zwischen Harpagon und seinem Sohn zu vermittelt versucht: ein Derwisch der Dialektik, der dem einen verspricht, was der andere nicht halten will, und dafür sogar Nebelschwaden und Carl Orffs „Carmina Burana“ auffährt.

          Geräuschkulisse eines  Jahrmarkts

          Den Schluss hat Haußmann gestrafft und desillusionierend gestaltet – und plötzlich entzückt da ein rokokohaftes Bühnenbild mit gemalten Prospekten und hölzerner Freitreppe. Alle tragen historische Kostüme zu weiß geschminkten Gesichtern mit roten Bäckchen und aufgetürmte Perücken. Harpagons Geldkassette ist gestohlen worden, der Geizige gebrochen, doch die Welt ist reich geworden.

          Und offenbar konnte wieder auf der Bühne geprobt werden, und die vertrauten Theatermittel standen auch wieder zur Verfügung. Während sich der Vorhang schließt, steckt der Geizige noch einmal den Kopf hervor und scheint – arm und erleichtert – seine Malaise überraschenderweise zu genießen. Leise hört man die Geräuschkulisse eines entfernten Jahrmarkts und fröhliches Kinderlachen. Harpagon, eingeklemmt und zugleich befreit, zwinkert verschwörerisch in den gezwungenermaßen nur lose besetzten Saal: Theater, endlich! So erweist sich Leander Haußmann an diesem Abend als meisterlicher Regisseur für alle Lebenslagen – keine theoriebeflissene Plappertasche, sondern ein Pragmatiker des Herzens und der Künste. Großer Jubel, dann Freisekt fürs Publikum, live, real, analog.

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