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Thalia, Hamburg : Die Ernst- und Schießgesellschaft

  • -Aktualisiert am

Hans Löw (vorne) und Helmut Mooshammer in Kriegenburgs Inszenierung Bild: dpa/dpaweb

Sartres „Die schmutzigen Hände“ handelt von Kommunisten und Menschen, die aus moralischen Gründen Kommunisten werden wollen. Eine uralte Klamotte. In Kriegenburgs Hamburger Inszenierung jedoch wird der Alte munter: grandios.

          3 Min.

          Der Mann der Wahl, Sartre, hat das Stück „Die schmutzigen Hände“ unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges geschrieben. Damals war der Kommunismus noch frisch. Heute ist der Kommunismus trocken wie Stein.

          Das Stück handelt von Kommunisten und Menschen, die aus moralischen Gründen Kommunisten werden wollen, von Leuten wie Sartre (lange tot), von Intellektuellen (lange von der Bildfläche verschwunden). Es handelt von der revolutionären Moral (der Zweck heiligt die Mittel) und der revolutionären Tat (das Ziel der Geschichte im Auge). Es handelt von Vertrauen (in die Partei) und Macht (für die Partei). Eine uralte Klamotte. Laßt Sartre schlafen.

          Mit Kriegenburg wird Sartre munter: grandios

          Andreas Kriegenburg inszeniert das Stück am Thalia Theater in Hamburg. Er schüttelt den Alten und heraus fällt: die Jugend zwischen Spiel und Ernst. Heraus fällt (aus dem Stück, weil es da drin war): das Theater als einzig wahre Existenzform. Wenn das Theater die einzig wahre Existenzform ist, dann darf laut gelacht werden. Das Lachen, die Komik der einzig wahren Existenzform, bringt Kriegenburg auch auf die Bühne. Mit ihm wird der Alte munter: Das ist grandios.

          Die Bühne ist rundum ausgeschlagen mit hellen (frischen) Holzdielen, der Boden steigt leicht nach hinten an (der Fall der Ereignisse), in die Rückwand sind hohe schmale Durchgänge geschnitten (das sieht aus wie ein Ikea-Tempel). Von der Decke hängt ein Kronleuchter mit bis auf den Boden reichenden Plastikleuchtketten (eine Sternenbahn: der Lichtkegel der Geschichte gegen das Lichtzelt der Romanze). Unter der Decke hängt ein großes Gitter: der Käfig der Zeit. Die stimmungsdichte Bühne und die Kostüme hat Ricarda Beilharz gemacht.

          Das Spiel verlassen, Richtung Ernst

          Der Intellektuelle Hugo (schwarzer Anzug, weißes Hemd) hat seine Familie und die Lüge verlassen und sucht die Reinheit in der Partei (die Welt soll schwarzweiß sein). Er ist aus dem Gefängnis gekommen und erzählt der jungen Parteiaktivistin Olga - gehaucht (Liebe) und geschrien (Prinzip) von Paula Dombrowski als Killerkindsfrau -, warum er damals geschossen hat. Das Stück blendet zurück. Die Kommunisten (und Politiker) reiten durch die Geschichte auf dem Rücken der objektiven Realität. Die Nichtkommunisten (und Nichtpolitiker) zuckeln durch die Gegend auf dem Rücken ihres Erlebens. Kriegenburg inszeniert die Rückblende nicht wie einen Polizeibericht, sondern als Stück aus Hugos Vorstellungen.

          Hans Löw macht aus Hugo einen nervösen, intelligenten Jungen, der ein selbstsicher hellsichtiger Mann werden möchte. Er ist die Jugend, die Zeit, wo die Taten noch nicht ausgeführt sind, aber als Gedanken im Kopf kreisen. Löw zeigt Hugo als einen jungen Mann, der das Spiel verlassen und zum Ernst wechseln möchte, dessen (wahrhaftiges) Spiel aber der Ernst schon ist - während die Männer der Politik in Kriegenburgs Inszenierung den Ernst bewahren möchten, aber ins Spielen (bloß noch ernst erscheinen) abgerutscht sind.

          Die Erinnerung ist eine Zelle der Existenz

          Das Stück spielt während des Zweiten Weltkrieges, in Illyrien, die Rote Armee ist auf dem Vormarsch, die Deutschen haben das Land besetzt. Hoederer will eine nationale Einheitsfront unterstützen. Die Partei sieht darin Verrat. Hugo wird im Auftrag der Partei Sekretär bei Hoederer und erschießt ihn. Aber er mordet ihn aus Eifersucht. Deswegen mißtraut ihm die Partei und will ihn liquidieren, nachdem sie Hoederer rehabilitiert hat.

          Die Erinnerung ist eine Zelle der Existenz: Ein riesiger Plastikduschkasten geht auf die Bühne runter. Das ist Hugos Gartenhaus bei Hoederer. Drin steht ein Bett, drum herum überall Topfpalmen. Hugo ist mit Jessica gekommen (die nicht in der Partei ist). Die beiden sind zueinander nicht wie Mann und Frau, sie finden nicht zum Ernst der Geschlechterliebe, sie sind einander wie Bruder und Schwester, sie hängen im Spiel der Geschwisterliebe (sie nennt Hugo: Mein Bienchen). Das ist der Dreh- und Angelpunkt.

          Das ist Theater. Langer Applaus

          Judith Hofmann (mal in einem flatternden rosa Nachtgewand, mal in einem roten engen Kleid: rot vor innerer Hitze) macht aus Jessica eine wilde, ausgelassene junge Frau, die in die Männerwelt (die Politik der heilig Ernsthaften) geraten ist, aber sich nicht unterkriegen läßt. Sie zeigt Schnauze und Statur: ein Ausbund an Spiel- und Wahrhaftigkeitsfreude. Ihr sind die Doktrin und das Prinzip fremd. Hugo und Jessica toben unter ihren Palmen wie Schüler beim Ausflug in der Jugendherberge. Hoederers Leibwächter sind Männchen aus Becketts Stücken (Warten auf Befehle).

          Jörg Koslowsky und Daniel Hoevels stecken in modischen Klamotten (kurze Hosen, enge Jacken), adrette Hüte auf dem Kopf, unter denen das blonde Haar wie Stroh schießt: junge Wachhunde an der Grenze zwischen Spiel und Ernst. Jörg Pose (im Anzug der Politiker und Unternehmer) holt mit Witz aus dem Kommunisten Hoederer einen Filialleiter der Revolution heraus, der sich selbständig macht, sich nicht mehr an die Vorgaben der Zentrale hält und dem Leben (dem Spiel) andere Prozente einräumen möchte.

          Hugo wird von dem Parteifunktionär Louis (aus der Hüfte geschossen von Helmut Mooshammer) am Ende durch einen Schuß erledigt. Auf dem Boden liegt das Spiel, das Ernst werden wollte und nicht verstand, daß es, das Spiel, der einzige Ernst ist, der am Leben erhält. Das ist Theater. Langer Applaus.

          Weitere Aufführungen:

          Samstag, 29. April 2006, 14 Uhr
          Samstag, 29. April 2006, 20 Uhr

          Freitag, 5. Mai 2006, 20 Uhr
          Dienstag, 16. Mai 2006, 20 Uhr
          Freitag, 26. Mai 2006, 20 Uhr

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