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„Holländer“ in Hamburg : Ab in die Tüte!

Das ist nicht Brahms als Dampflokheizer, sondern Thomas Johannes Mayer als Holländer Bild: Hans Jörg Michel

An Hamburgs Staatsoper macht Michael Thalheimer Wagners „Fliegenden Holländer“ zu einem Schnüffelstück für die lebensmüde Senta. Müde ist auch das Dirigat von Kent Nagano, der sogar vom Publikum Buhrufe kassiert.

          3 Min.

          Man hat sie nicht gefragt, als sie noch kein Gesicht, ob sie leben wolle oder lieber nicht. Nun kämpft sie sich allein aus einem Riesensack, guckt die Welt an und denkt: Lieber nicht! Gesagt, getan: Sie steckt – es ist Senta, wie wir flugs be­greifen – ihren Kopf schnurstracks zurück in den luftdichten Müllsack, ganz wie die wirklichkeitsmüden Lösungsmittelschnüffler, hält ihn im Nacken fest zu und begeht beim Er­lösungsschluss der Ouvertüre zu Richard Wagners romantischer Oper „Der fliegende Holländer“ Diesseitsflucht. Schon im Vorspiel fasst Michael Thalheimer in seiner Inszenierung an der Hamburgischen Staatsoper alles zusammen: Senta schafft sich ab.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Es gibt kein Meer, kein Schiff, keine Spinnstube, keine Norweger, keine Holländer in diesem „Holländer“. Es gibt nur die Dunkelheit des Nichts, in das der Mensch geworfen ist und durch welches der Bühnenbildner Olaf Altmann – „Spinne tausend Fäden!“, singen die Frauen im zweiten Aufzug – unzählige transparente Kunststoffschnüre von oben nach unten gezogen hat: Sinnbild menschlicher Betriebsamkeit, deren Er­gebnisse dem Einzelnen zuweilen Halt geben können, zu Verirrungen einladen, vor allem aber die Freiheit einengen. Freiheit nämlich gibt es nur in der Bejahung des Nichts und in der Entschlossenheit zum Tode.

          Darin nimmt Thalheimer den Monolog des Holländers – der sich nach dem Tag sehnt, da „die Welt zusammenkracht“, und der selbst „in nichts vergehn“ möchte – völlig ernst. Es ist eine größenwahnsinnige Weltabschaffungsphantasie, die als Alternative nur die Paarungsanbahnung zwecks gegensei­tiger Sterbehilfe sieht. Warum das Leben – zumal für Senta – nicht als lebenswert erscheint, warum sie nicht Eriks Frau werden will und die Welt ihres Vaters sie bedrückt, das wäre zu zeigen gewesen. Hier werden vom Regisseur die Welt als nicht veränderbar und das Leben als kosmisches Unglück gesetzt; diese Setzung enthebt ihn jeder Not des Argumen­tierens. Sie zerstört aber auch das Drama. Denn Drama heißt Handeln. Bei dieser Setzung hilft Handeln jedoch nichts. Es ist ja ohnehin alles sinnlos.

          Strippenzieher der bürgerlichen Welt: der Steuermann (Peter Hoare, Mitte) mit den Norwegern (Chor der Hamburgischen Staatsoper).
          Strippenzieher der bürgerlichen Welt: der Steuermann (Peter Hoare, Mitte) mit den Norwegern (Chor der Hamburgischen Staatsoper). : Bild: Hans Jörg Michel

          Diese Sinnlosigkeit zweieinhalb Stunden lang anstarren zu müssen ist sehr ermüdend. Aus der Oper wird ein Oratorium mit wechselnder Beleuchtung, wo­durch Stefan Bollinger das vertikale Schnurgewirk (bis hin zum Schnürlregen) hübsch Effekt machen lässt. Die Figuren haben nichts miteinander zu tun, weshalb ein so wunderbarer Sänger wie Kwangchul Youn als Daland mit seiner vor­züglichen Diktion und seinem Bemühen um väterliche Güte völlig hilflos auf der Bühne durch die Schnüre stolpert. Peter Hoare als ausgesprochen lyrischem, recht sympathischem Steuermann dienen die Schnüre wenigstens noch als Halt wie Masten und Taue, in die er sich hängt, um einzuschlafen (womit er recht nachdrücklich zur Identifikation einlädt). Katja Pieweck wuselt als Mary zwischen den Verstrickungen der erwerbsbürgerlichen Alltäglichkeit so flott umher, dass sie in dieser Bewegung als Figur kaum fassbar wird. Dramatische Spannung baut sich einzig zwischen Benjamin Bruns als ju­gendlich loderndem, beinahe schon heldischem Erik und Jennifer Holloways be­bender, magmatisch glühender Senta auf. Zwischen diesen beiden war einmal etwas oder ist es noch, was Leben, Sinn und Zukunft heißen könnte. Nur was? Man hätte es gern nicht nur gehört, sondern auch gesehen.

          Thomas Johannes Mayer singt den Holländer spürbar anders als diesen Sommer in Bayreuth, wo er für John Lundgren eingesprungen war. In Dmitri Tcherniakovs Bayreuther Inszenierung schmeichelt sich der Holländer zunächst bei den Männern der Stadt, dann bei Sentas Familie ein, um die Stadt später in einem Rachefeldzug niederzubrennen. Mayer legte deshalb seinen Gesang überaus gekonnt auf Sanftmut, Überredung und Manipulation an. Hier, in Hamburg, rumpelt und knurrt er, halb als Gespenst, halb als entkommender Häftling, in die Welt der Strippenzieher hinein. Mit Vollbart, langen Haaren und der ärmellosen Weste, die sich Michaela Barth für ihn ausgedacht hat, sieht er ein bisschen aus, als wäre Johannes Brahms zum Fasching als Dampflokheizer gekommen. In jedem Fall eine Kraftnatur, die für sich selbst freilich auch keinen rechten Handlungssinn entdecken kann.

          Schon in seinem ersten Monolog verliert Mayer zuweilen die Tuchfühlung mit dem Orchester. Schwer lässt sich entscheiden, ob es an Konzentrationsschwächen des Sängers liegt oder an mangelnder Führung durch den Dirigenten Kent Nagano. Der hält an diesem Abend sonst alles mehr oder minder gut zusammen, lässt es dabei aber auch meistens bewenden. Das Pianissimo, wenn der Holländer Senta erstmals begegnet und ihr Bild wie „aus der Ferne längst vergang’ner Zeiten“ empfindet, bleibt im Orchester völlig spannungslos. Den Sturmszenen fehlen Wucht und Schärfe; die Tempi sind oft schläfrig gedehnt. Einzig beim Erwachen der untoten Holländer, wenn der von Eberhard Friedrich einstudierte Chor der Hamburgischen Staatsoper verstärkt wird um Männer aus dem Herrenchor der Oper Kiew (prachtvoll ertüchtigt von Bogdan Plish), da setzt Nagano einen eindrucksvollen musikalischen Höhepunkt.

          Es ist immer wieder seltsam, wie wenig dieser Dirigent, der zuletzt beim Kissinger Sommer mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin in der Musik von Johannes Brahms so viel Weisheit, Feingefühl und Ausdruckskraft bewies, mit der Oper anfangen kann. Das Drama, die musikalische Motivation, Zuspitzung und Lösung von Konflikten im Zusammenspiel zwischen Orchester und Bühne, scheint seine Sache nicht zu sein. Während die Buhrufe für Michael Thalheimer und sein Team zur Betriebsroutine gehören, sind die lautstarken und anhaltenden Unmutsbekundungen des Hamburger Pu­blikums für ihren Generalmusikdirektor Kent Nagano ein Achtungszeichen, das schwer wiegt.

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