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„Penthesilea“ in Frankfurt : Die entrückte Herrscherin

Sie hätte ihm nicht misstrauen sollen: Penthesileas (Constanze Becker) Begegnung mit Achill (Felix Rech) endet blutig. Bild: Birgit Hupfeld

Kleist selbst hielt sein Stück für unaufführbar. Regisseur Michael Thalheimer hat die „Penthesilea“ jetzt in eine extrem kurze, aber kluge Form gebracht. Ein großer Theaterabend am Frankfurter Schauspiel.

          4 Min.

          Die Bühne ist eine Liebeshatzkampfbahn. Schrecklich steil steigt die Rampe empor, nackt und kahl, dunkel und bedrohlich, leergefegt wie ein schwarzer Himmel ohne Sterne. Hier grünt nichts, wächst nichts, kann sich nichts und niemand halten. Außer ganz oben, auf der Spitze, die ein Abgrund ist, wo Penthesilea thront, als der Eiserne Vorhang im Großen Haus des Frankfurter Schauspiels sich maßvoll knirschend hebt für einen Theaterabend, der für Kleists Tragödie der Maßlosigkeiten eine strenge, ganz auf die Wucht der Worte vertrauende und deshalb faszinierende Form entfalten wird. Gebannte Stille im Publikum. Es ist, als würden siebenhundert Premierenbesucher hundert Minuten lang den Atem anhalten.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Das ist das erste Bild: Penthesilea hoch oben, blutverschmiert, ihr Oberkörper ist entblößt. In ihrem Schoß hält sie einen nackten, geschundenen Mann, der tot in seinem Blute liegt wie nach der Kreuzabnahme. Eine Mater dolorosa, die selbst ans Kreuz geschlagen hat, was ihr das Liebste war: Achill, den Penthesilea so sehr begehrte, dass sie sich ihn, seinen Leib und sein Leben, vollständig unterwerfen musste. Vollständig aber heißt mit Fleisch, mit Herz und Hirn und bis zum letzten Atemzug. Begehren ist Besiegen, Erfüllung ist Untergang. Als ihr das Ausmaß ihrer Liebe und ihres Stolzes bewusst zu werden droht, bleibt dieser Liebenden nur die Flucht in die Bewusstlosigkeit, in ein äußerstes Außersichsein, in dem Ohnmacht und Allmacht sich aufeinander reimen wie Küsse und Bisse.

          Zuletzt zerschellen sie

          Jetzt kehrt sie langsam zu sich selbst zurück: „Was! Ich? Ich hätt ihn -? Unter meinen Hunden -? Mit diesen kleinen Händen hätt ich ihn - ?“ Constanze Becker legt den Kopf in den Nacken, mit seltsam kreisenden Bewegungen, öffnet und schließt den Mund, als seien Hals und Kiefer noch steif von der ungeheuren Anstrengung, mit der sie ihre Zähne in das Fleisch des sterbenden Achilles schlug. Dann lässt sie den Toten los, und Felix Rech rollt leblos die Liebeshatzkampfbahn hinab, aber nicht ganz hinab, sondern nur bis zur Hälfte. Denn nun geht es los. Das Ende war nur der Prolog.

          Kampfkometen, hilflos in Liebesdingen: Penthesilea (Constanze Becker) und Achill (Felix Rech)

          Der Regisseur Michael Thalheimer hat Kleists 1806/1807 entstandenes „Trauerspiel“, das sein Verfasser selbst für unaufführbar hielt, in eine kluge neue Form gebracht, hat kräftig gestrichen, die Reihenfolge der insgesamt 24 Auftritte umgestellt und Textpassagen neu zugeordnet. Von den ursprünglich neun Figuren hat er nur drei beibehalten: Penthesilea, Achill und die von Josefin Platt gespielte „Frau“, die Textteile der Oberpriesterin, aber auch der drei Amazonenfürstinnen aus Penthesileas Gefolge spricht. Von der äußeren Handlung - Penthesilea hat das Amazonenheer nach Troja geführt, um dort Männer zu erbeuten, die beim „Rosenfest“ in der Heimat den möglichst weiblichen Nachwuchs zeugen sollen, bevor sie getötet werden - erfahren wir so nur das Nötigste. Thalheimers Fassung konzentriert sich ganz auf die beiden Liebenden und verzichtet damit nicht nur auf Odysseus, auf Penthesileas Vertraute Prothoe, sondern lässt auch zu, dass Achilles und Penthesilea aus den sozialen Gefügen ihrer auf Sieg und Ehre fixierten Kriegergesellschaften fallen: zwei einsame Kampfkometen, tödlich hilflos in Liebesdingen, zu hell und zu groß für die kleinen Welten, die sie hervorgebracht haben und an deren Gesetzen sie zuletzt zerschellen.

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