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„Die Perser“ in Wien : Als hätte die Zeit ihre Fassung verloren

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Der feige Xerxes (Merlin Sandmeyer) sucht Schutz im Schoß seiner Mutter, der Perserkönigin Atossa (Christiane von Poelnitz) Bild: dpa

Despotie oder Demokratie? Tyrannenherrschaft oder Volksabstimmung? Die älteste Tragödie der Theatergeschichte stellt die richtigen Fragen zur Zeit.

          Was wir brauchen, sind weise Herrscher. Nicht solche, die aus Gier und Hochmut regieren, die nur an Reichtum denken und die alten Götter verachten. Die taub sind für die Ratschläge der Erfahrenen, weil sie meinen, selbst gewitzt genug zu sein. Die Türme und Brücken bauen, so hoch und lang, dass kein Auge sie fassen kann. Schicksalsverächter ohne Boden unter den Füßen, immer wilder strampelnd, je finsterer es um sie wird. Was wir brauchen, sind weise Herrscher. Sonst geht es zu Ende. Sonst liegen wir alle bald wieder im Blut.

          Der Ruf schallt durch die Jahrtausende, die Mahnung, nicht durch überheblichen Willen herauszufordern, was an Macht über dem Menschen steht. Das älteste vollständig überlieferte Stück der Theatergeschichte, Aischylos’ „Die Perser“, ist geschrieben, nicht um bei den stolzen Siegern Mitleid für ihre geschlagenen Gegner zu erregen, sondern um zu warnen vor den katastrophalen Folgen falscher Führung. Um Herrschaftsordnung geht es, nicht um Moral.

          Schreckensmeldung wie von heute

          Es ist die einzige griechische Tragödie, die ihren Stoff nicht im Mythos sucht. Ohne Umwege geht sie direkt auf das historisch Geschehene zu. 472 vor Christus, acht Jahre nach der Schlacht, uraufgeführt, deren wundersam-schrecklichen Verlauf sie schildert, bei der ihr Autor selbst kämpfte. Salamis, wo ein kleiner Trupp von Griechen durch Geschick und Glück das übermächtige Heer der Perser vernichtend schlug. Nicht nur schlug, sondern abschlachtete, ohne Gnade: „Niemals starben an einem einzigen Tag so viele Menschen in so kurzer Zeit“, berichtet der Bote seiner Herrscherin, Atossa, Mutter des persischen Königs. In goldenem Kleid mit meterlanger Schleppe steht sie im Halbdunkel, jetzt, an diesem Abend, zweieinhalb Jahrtausende später, und hört die Schreckensmeldung als wäre sie von heute. Als hätte die Zeit ihre Fassung verloren angesichts der Schicksalswende.

          Mit Wut über den feigen Herrscher: Falk Rockstroh gibt den Chor des persischen Ältestenrates

          Denn eben noch hatte Atossa gemeinsam mit dem Ältestenrat den Gegner verhöhnt. „Wo um Himmels willen liegt dieses Athen eigentlich?“ hatte sie feixend gefragt, ob es dort überhaupt Reichtümer gebe und die Technik des Bogenschießens schon bekannt sei. In siegessicheres Gelächter war sie ausgebrochen, als man ihr erzählte, dass die Griechen frei und niemandem untertan seien. Mit unerschütterlicher Arroganz hatte die Despotin auf die schwächlichen Demokraten in der Ferne geblickt, als plötzlich dröhnender Donner losbrach, die Decke des Palastportals hinter ihr einklappte und, von Nebelschwaden umhüllt, gefährlich nah an ihren Kopf heran schwang.

          Eine Bühne, die kippt

          Der gewaltige Effekt kam völlig überraschend. Bisher hatte das Bühnenbild keine Anzeichen für solche Beweglichkeit gegeben. Ein schlichter, starrer Betonrahmen, wohl als Verlängerung der steinernen Hausfassade gedacht. Hinten zählte Falk Rockstroh als grau-erblindeter Chorführer die Kriegernamen auf, während sich seine Heeresschau vorne im virtuos-exaltierten Mienenspiel von Christiane von Poelnitz’ Königsmutter spiegelte. Auf diese Konstellation war man eingestellt. Aber Regisseur Michael Thalheimer hält seit einiger Zeit nicht mehr viel von festen Einstellungen. Von seinem langjährigen Bühnenbildner Olaf Altmann lässt er sich deswegen Bühnen bauen, die von einem Moment auf den anderen kippen können. Am wirkungsvollsten war das zuletzt bei seiner Frankfurter „Prinz von Homburg“-Inszenierung zu sehen, in der plötzlich die ganze Bühne zurückfuhr und der träumende Prinz hoch oben in der Luft baumelte. Diesmal stürzt nun also kurz die Decke ein und verweist damit drastisch aufs Schicksal, das jäh einbricht und alles verändert.

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