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Zum Tod von Teresa Berganza : Provokante Überlegenheit

Teresa Berganza (1933 bis 2022), hier im Februar 1975 Bild: AFP

Sie wies mit Leichtigkeit, Wärme und Präzision der Rossini-Renaissance den Weg und war eine Carmen von gefährlicher Intelligenz. Jetzt trauert ihr Heimatland Spanien um eine seiner größten Sängerinnen der Nachkriegszeit: Teresa Berganza ist tot.

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          Es ist ein Bild wehrhafter Eleganz, das Teresa Berganza singend für die Ohren entwirft mit der „Vocalise-étude en forme de Habanera“ von Maurice Ravel: Schon der erste Einsatz faucht wortlos mit einem leisen, aber brennenden Akzent: „Fass mich nicht an!“ Eine Etüde fürs textlose Singen, für Atemtechnik, Intonationsreinheit und Tonbindung soll diese Habanera sein, aber Berganza macht, mit Dalton Baldwin am Klavier, eine Charakterstudie daraus. Hitzigkeit und Berechnung, Selbstgewissheit angesichts der eigenen Ausstrahlung, aber auch das Spiel mit der Gefahr verbinden sich hier zu einem Porträt selbstbestimmter weiblicher Erotik, worin die Frau in jedem Moment die Initiative behält, aber auch die Kontrolle. Wer freilich die Noten mitliest, wird beinahe die Fassung verlieren angesichts der peniblen Texttreue: Jeden dynamischen Wechsel, auch innerhalb eines einzigen Taktes, jede gesetzte Zäsur, jeden Kontrast zwischen Binden und Absetzen der Töne buchstabiert Berganza exakt aus, ohne aber dass es klingt wie eine Etüde.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Noch staunenswerter zeigt sich ihre Stimmbeherrschung in einer viel berühmteren Habanera, nämlich die der Carmen in Georges Bizets gleichnamiger Oper. Sie singt dieses „L’amour est un oiseau rebelle“ mit vorzüglich schwingenden und irisierenden Nasalen, mit der Flexibilität und Delikatesse einer Liedsängerin, die sich nicht nur im blitzartigen Wechsel der Lautstärken zeigen, sondern auch im Changieren des Timbres, das nicht nur wort-, sondern adressatenabhängig ist. Sie spielt singend über die Bande wie eine Billard-Virtuosin, die sich an die Fabrikarbeiterinnen von Sevilla und das gaffende Volk wendet, aber Don José meint. Dabei trägt sie einen leichten Konversationston zur Schau, der durch seine demonstrative Überlegenheit provoziert. Es ist eine Meisterleistung aus Stimmbeherrschung und Spielintelligenz.

          Maria Teresa Berganza Vargas wurde am 16. März 1933 (nach anderen Quellen 1935) in Madrid geboren und studierte in ihrer Heimatstadt bei Lola Rodriguez de Aragón. In Aix-en-Provence debütierte die Mezzosopranistin 1957 als Dorabella in Wolfgang Amadeus Mozarts „Così fan tutte“, ein Jahr später sang sie in Ediburgh den Cherubino in Mozarts „Le nozze di Figaro“. Nur wenige Monate später stand sie als Neris in Dallas auf der Bühne zusammen mit Maria Callas in „Medea“ von Luigi Cherubini.

          Teresa Berganza wurde mit ihrer leichten, blitzsauberen Stimme richtungsweisend für die Renaissance der Opern von Gioachino Rossini, als Dirigenten wie Claudio Abbado und Charles Mackerras die kritischen Editionen von Alberto Zedda ihren Aufführungen zugrunde legten. In der Musik von Monteverdi, Purcell, Händel und Mozart bewies sie immer wieder, dass eine makellose Technik – ihr Legato war legendär – mit gewinnender Wärme im Timbre einhergehen konnte. Von der Alten Musik, die man damals erst zögerlich so zu nennen begann, stieß sie ins französische Repertoire den neunzehnten Jahrhunderts, zu Jules Massenet und letztlich – 1977, nach langem Zögern – auch zu Bizet vor.

          Beim Lied machte sie sich besonders um ihr Heimatland verdient, wenn sie mittelalterliche Cantigas aus der Zeit von Alfonso el Sabio ebenso sang wie die impressionistischen Miniaturen von Manuel de Falla oder Enrique Granados. Spanien trauert jetzt um eine seiner größten Sängerinnen der Nachkriegszeit. Am Freitag ist Teresa Berganza in San Lorenzo de El Escorial gestorben. Sie wurde 89 Jahre alt.

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