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Tellkamps „Eisvogel“ als Oper : Die große vaterländische Ritter-Oper

  • -Aktualisiert am

Der Mensch in seinem dunklen Drang: Wolfgang Vogler als Wiggo Bild: HL Böhme

Stefan Otteni inszeniert Uwe Tellkamps Roman „Der Eisvogel“ in Potsdam: als verstaubte Oper, die von der ideologischen Fracht erstickt wird.

          Der Held heißt Ritter, Vorname Wiggo. „Ein Ritter gibt niemals auf“, sagt sein Vater und hält sich daran. Bei Wiggo ist das anders. Der junge Mann gibt mit provozierender Ungerührtheit alles auf - Familie, Karriere, Zukunft - und vor allem: sich selbst. In Uwe Tellkamps Roman „Der Eisvogel“ aus dem Jahr 2005 ist er am Schluss trotzdem der Sieger, wenn auch schwer geschlagen und in jeder Hinsicht verletzt: Denn er hat nie verlernt, zu fragen, zu zweifeln, zu verzweifeln. Bei aller Ambivalenz seiner Thesen und Ziele ist er zwischen lauter Herrenmenschen, unter die er nicht ganz unfreiwillig geraten ist, am ehesten noch ein Mensch - „in seinem dunklen Drange“.

          Im Potsdamer Hans Otto Theater, in dem bereits die Dramatisierung von Tellkamps „Der Turm“ in der Regie des Intendanten Tobias Wellemeyer zu einem Publikumserfolg wurde, ist nun „Der Eisvogel“ - in der Fassung der Chefdramaturgin Ute Scharfenberg - uraufgeführt worden. Naturgemäß ist von dem gut dreihundert Seiten starken Buch gerade einmal der übersichtlich ausgebreitete Handlungsfaden übriggeblieben: Ritter, fast dreißig Jahre alt, ledig, lebt in Berlin als promovierter, arbeitsloser Philosoph und denkt mehr, als er tut. So ist sein Name der reinste Hohn.

          Er kämpft gegen seinen Vater, der ihn zum Banker erziehen will, gegen seinen Professor, der Auschwitz überlebt hat und seinen Assistenten zum Aufklärer ausbilden und nicht als Romantiker einer unseligen Deutschtümelei überlassen möchte, gegen die Welt, die sich nicht um das verwöhnte Bürschchen kümmert, das bei den Frauen wenig ankommt, seinen Assistentenjob verliert und beim Arbeitsamt als unvermittelbar gilt. Voller Enttäuschung schlittert er in gehobene rechtskonservative Kreise, ist fasziniert von faschistischen Anleitungen zur Menschheitsbeglückung, springt wieder ab, erschießt seinen besten Freund, landet im Krankenhaus und muss sich überlegen, wer er eigentlich ist.

          Von der Theorie erstickt: Ines t′Hooft als Elzemarieke de Vos, Alexander Finkenwirth als Wiggo (links) und Wolfgang Vogler als Mauritz Kaltmeister

          Wohlwollend betrachtet, setzt sich seine Biographie bei Uwe Tellkamp aus zahlreichen Bausteinen deutscher Identitätsgeschichte zusammen: Dies und das, von allem etwas - ob Heidegger oder Jünger, Demokratieverdrossenheit oder Kapitalismuskritik. Das klingt überaus theorielastig und liest sich auch so.

          In der uninspirierten und angestrengten Inszenierung von Stefan Otteni sieht diese papierene Gemengelage leider entsprechend aus. Otteni nämlich übernimmt, vermutlich aus Bequemlichkeit, völlig den Blickwinkel des Autors. Er schildert nichts über die Figuren im Kontext ihrer literarischen Gestaltung hinaus. Weshalb soll man sich dafür eigentlich fast drei Stunden lang ins Theater setzen und den „Eisvogel“ nicht lieber selbst daheim lesen? Denn all die Phantasie, die sich zwischen Leser und Text entfalten kann, wird hier zugunsten einer monoperspektivischen Aufführung doktrinär ausgeschlossen.

          Das Bühnenbild von Anne Neuser besteht aus locker verteilten Elementen wie einer Krankentrage, rustikal geweihverzierten Möbeln, ausgestopften Tieren, einem Klavier, an dem Christian Deichstetter pathetisch Bach, Beethoven und Schumann spielt. „Wovor hast du Angst“ ist im Hintergrund in Versalien an eine Wand geschrieben, und das möchte man sehr gern vom Regisseur wissen, der sich hinter dem diffizilen Romankonstrukt versteckt hat und lieber den darin thematisierten Elitekult des Faschismus ästhetisiert, als dazu mit den Mitteln des Theaters Position zu beziehen.

          Wie in einer verstaubt-konventionellen Operninszenierung bilden die zwölf Darsteller regelmäßig kleine, anmutig unverbindlich formierte Grüppchen, aus denen sich dann einer löst, an die Rampe tritt und dem Publikum - nein, keine Arie vorsingt, dafür einen Vortrag hält. Die feurigsten Rededuelle in dieser großen vaterländischen Ritter-Oper liefern sich auf Standbein und Spielbein die smarten Anzugträger Alexander Finkenwirth und Wolfgang Vogler als Wiggo und dessen Nazi-Freund wie mephistophelischer Verführer Mauritz, der den anderen in die

          ultrakonservative Geheimorganisation „Wiedergeburt“ und überhaupt auf ausgesprochen rechte Linie bringt. Gesungen wird freilich auch, und zwar gleich die ganze dritte Strophe der deutschen Nationalhymne, inbrünstig mit festen Blick und steifem Rücken in den plötzlich erleuchteten Saal: „Einigkeit und Recht und Freiheit!“ Es sind stets die Zuschauer, die angebrüllt, angeschimpft, gesinnungstechnisch animiert werden, kaum die Akteure auf der Bühne, die bloß als bessere Stichwortgeber, Rammböcke, Initialzünder herhalten müssen, was der Aufführung ihre statuarisch dogmatische Aura gibt. Und fragte man sich schon bei Tellkamps Buch vorsichtig, was denn der Dichter mit allem ideologisch kritischen Furor eigentlich sagen wolle, tut man das bei dieser Inszenierung erst recht: Stefan Otteni jedenfalls hat zu alldem nichts hinzuzufügen. Das ist jedoch in einer Zeit, in der immer neue Enthüllungen etwa über den Nationalsozialistischen Untergrund publik werden, nicht nur zu wenig, sondern überdies gefährlich.

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