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Händels „Alcina“ in Wien : Auf der Suche nach der verschollenen Leidenschaft

  • -Aktualisiert am

Bloß tändelnde Fangspiele, schwereloses Schaukeln und unmotivierte Entkleidungsszenen: „Alcina“ hatte am 15. September in Wien Premiere. Bild: dpa

In „Alcina“ verbinden sich nach der Geschichte des italienischen Dichters Ariosto eigentlich Kampfgeschehen und erotischer Zauber. Beim Saisonbeginn in Wien gerät Händels Oper dafür viel zu harmlos.

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          Es ist schon ein Geniestreich des italienischen Dichters Ludovico Ariosto, inmitten seines blutigen Kreuzritter-Epos „Orlando furioso“ eine erotische Episode auf einer verwunschenen Zauberinsel zu plazieren. Auch wenn sich letztlich Machtgelüste hinter dem bunten Treiben im und um den Palast der Zauberin Alcina verbergen, so nehmen sich die liebestollen Verwirrspiele doch wie Fremdkörper im Kontext der Ritterkämpfe aus. Gerade deshalb dürfte Georg Friedrich Händel nach seinen Ariosto-Opern „Orlando“ und „Ariodante“ auch an diesem Zauberspiel Gefallen gefunden haben. Und so entstand für die Saison 1735 an der Covent Garden Opera in London unter dem Titel „Alcina“ ein drittes Dramma per musica auf den Stoff von Ariosto. Das Libretto, dessen Schöpfer unbekannt blieb, sieht nur wenige Änderungen in der dramaturgischen Abfolge des Originals vor, lediglich die Szenen mit dem Knaben Oberto, der seinen von Alcina in einen Löwen verwandelten Vater sucht, wurden von Händel nachträglich eingefügt.

          Die Oper beginnt mit einer furiosen Ouvertüre, die auch als Vorspiel zu Shakespeares „Der Sturm“ dienen könnte. Es sieht kahl aus auf der Bühne im Theater an der Wien: Eine unwirtliche Steinwüste breitet sich auf der Insel Alcinas aus, grau in grau, so weit der Blick auf den gemalten Rundhorizont reicht. Neckisch spielen die Zauberin und ihr Gefolge mit einem Miniatur-Segelschiffchen der Entdecker-Zeit, lassen es auf und ab wogen in imaginären Wellen, bis es kentert.

          Ungewohnt handzahm

          Prosperos Geister standen also Pate bei dieser verheißungsvoll-poetischen Eingangssequenz von Händels „Alcina“, die Tatjana Gürbaca zur Saisoneröffnung in Wien inszenierte. Auf der Suche nach ihrem verschollenen Verlobten Ruggiero gerät die als Mann verkleidete Bradamante in die Fänge der Zauberin Alcina, die ihr Schiff kentern lässt, weil sie selbst in Ruggiero verliebt ist. Listig entsendet sie zum Empfang der Schiffbrüchigen in Gestalt ihrer Schwester Morgana eine erotische Verführerin, um Bradamante abzulenken, die einer gleichgeschlechtlichen Beziehung nicht abgeneigt scheint. Im Sog der ersten Leidenschaft leuchtet, symbolisiert durch einen fulminanten Feuerregen, kurz Alcinas Zauberpalast auf. Danach ist das Pulver aber schon verschossen. Denn die öde Einheitsbühne Katrin Lea Tags bietet nichts Verführerisches, ab und an sprießen zwar ein paar bunte Blumen aus den auf der Drehbühne kreisenden Pappfelsen. Doch eine Zauberstimmung verbreiten sie ebenso wenig wie der merkwürdige Apfelbaum mit monströsen Ahornblättern oder die umherirrenden, surreal-gefiederten Menschengockel.

          Vor drei Jahren ließ auch Katie Mitchell in Aix-en-Provence „Alcina“ in einem wenig zauberhaften Bühnenbild spielen. Doch der große Salon eines bürgerlichen Geisterhauses diente als Schule der pervertierten Lüste, die knisternde Spannung verbreitete. Tatjana Gürbacas Regiekonzept ist hingegen ungewohnt handzahm. Als wolle sie das Wiener Publikum nach ihrer vieldiskutierten „Ring-Trilogie“ des vergangenen Jahres wieder versöhnen, zeigt sie Händels Oper als vergleichsweise harmloses Bäumchenwechsel-dich-Spiel. Selbst wenn dabei einiges durcheinandergerät und die Geschlechter der verwirrten Liebenden keine Rolle mehr spielen, überwiegen bloß tändelnde Fangspiele, schwereloses Schaukeln oder unmotivierte Entkleidungsszenen.

          Liebe gegen Zauberkraft

          Als der von Morgana betrogene Oronte im dritten Akt ein Messer gegen sich selbst richtet, um sich das liebeswunde Herz aus dem Leib zu schneiden, wirkt das eher wie ein Stilbruch im Sturm der Liebe. Denn dass hinter diesen libidinösen Wechselbädern der Widerstreit zwischen der Ratio des aufkommenden Bürgertums, in Gestalt des professoralen Melisso (Florian Köfler), und der von Alcina symbolisierten Zauberwelt höfischer Gefühle stehen soll, bleibt eher vage, als schlüssig auf der Bühne sichtbar zu werden, selbst wenn Katrin Lea Tag dies durch historische Kostüme zu verdeutlichen sucht.

          Ähnlich ambivalent gerät auch die musikalische Deutung durch Stefan Gottfried, einen Schüler von Nikolaus Harnoncourt: So akzentuiert er den Concentus Musicus Wien in den instrumentalen Passagen dirigiert – fulminant gelingt etwa die gestische Ouvertüre –, so gleichförmig tönt das Ensemble oft bei der Begleitung der Singenden. Einzig in den solistisch unterstützten Arien der Morgana gewinnt der Concentus prägnante Konturen: Mit beseelter Leichtigkeit spielt der Konzertmeister Erich Höbarth zu „Ama, sospira“, mit klagendem Ton die Cellistin Dorothea Schönwiese zu „Credete al mio dolore“. Sonst sind es nur die meist von Gottfried selbst am Continuo-Cembalo, von Laute und Cello begleiteten Rezitative, die im Sinne der Harnoncourtschen „Klangrede“ durchgestaltet sind.

          Das Manko wiegt umso schwerer, als Händel in seiner „Alcina“ ein wahres Feuerwerk an musikalischen Ideen zündete, die den Duktus der Opera seria mit zahlreichen Chören (der Arnold Schoenberg Chor) und Ensembleszenen, wie einem Terzett im dritten Akt, durchbricht. Immerhin vermittelt Marlis Petersen trotz eines Hexenschusses mit expressivem Nachdruck die exaltierten Gefühle Alcinas und die zunehmende Depression, als sie ihre Zauberkraft durch die Liebe verliert. Ihr am nächsten aus dem sonst eher unauffälligen Ensemble kommt die serbische Mezzosopranistin Katarina Bradić als Bradamante, der trotz einiger Schwierigkeiten mit den Tiefen dieser Partie eine prägnante Charakterstudie gelingt. Gesanglich blass bleibt hingegen ihr Gegenüber, der australische Countertenor David Hansen als Ruggiero. Mirella Hagen singt zwar tadellos, ist als Morgana jedoch allzu liebreizend, wohingegen Rainer Trost als ihr Partner Oronte glaubhaft seinen Liebesschmerz vermittelt. Ein solider, aber keinesfalls glanzvoller Wiener Saisonbeginn.

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