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„Tartuffe“ in Berlin : Da passiert doch endlich wieder was

  • -Aktualisiert am

Kluger Klamauk: „Immer wenn’s am schönsten ist, ist es am schönsten“ Bild: Marcus Lieberenz / bildbuehne.de

Therapiegruppe mit Sprechdurchfall: Jan Bosse inszeniert „Tartuffe oder Das Schwein der Weisen“ unter freiem Himmel vor dem Deutschen Theater in Berlin.

          2 Min.

          Ein paar Meter bloß trennten im Deutschen Theater Berlin die Welten: Im großen Haus wurde ohne Publikum „Der Zauberberg“ für einen Livestream beim Theatertreffen aufgeführt, den jeder zumindest hierzulande hätte sehen können. Auf dem Vorplatz hingegen feierte vor Publikum „Tartuffe oder das Schwein der Weisen“ von PeterLicht „frei nach Molière“ Premiere - für 132 Zuschauer, die mit Maske und Abstand dem regnerischen Wetter und den kühlen Temperaturen trotzten. Drinnen die sterile Atmosphäre vor den leeren Rängen und ein Ensemble, das für die Kameras spielte, draußen echte Menschen unter freiem Himmel mit seinen Unwägbarkeiten und ein Ensemble, das nur für sie spielte.

          Die Sehnsucht, endlich wieder analoges Theater erleben zu können, war größer als die nicht gerade kunstfreundlichen Begleitumstände seitens der Natur. Ebenso wenig kümmerten diese die acht Schauspielerinnen und Schauspieler, die ihren ersten Auftritt nach fast sechsmonatiger Spielpause sichtlich genossen. Molière und Open-Air, das reimt sich, selbst wenn der Autor und Musiker PeterLicht vom Original nicht viel übriggelassen hat.

          Ungeil, endgeil, mittelungeil

          Der Regisseur Jan Bosse, auch so ein Luftikus im Umgang mit fremden Texten, macht daraus ein packendes Spektakel, das die Gegebenheiten des Ortes elegant aufnimmt und das verrückte Stück auf die Bühne zaubert, ohne dass es eigentlich eine solche gibt. Stattdessen hat der Bühnenbildner Stéphane Laimé die Eingangsstufen, das angrenzende Terrain und die klassizistische Fassade mit allerlei bizarren Objekten - wie einem zusammengebrochenen Klavier - dekoriert. Hölzerne Tiere stehen zwanglos herum, auf dem Balkon in der ersten Etage befindet sich ein Thron mit goldenem Anstrich, aus einem Fenster daneben fällt ein weinroter Samtschal zum Boden hinab.

          Natali Seelig als Elmire, die Frau des vermögenden Orgon, schafft sogar noch einen üppigen Kronleuchter heran. Wer hat, der hat, aber Orgon ist unzufrieden: „Da passiert doch nichts. Das reicht doch nicht.“ Außerdem langweilt ihn seine Entourage, die bei PeterLicht eine Art Therapiegruppe mit Sprechdurchfall ist. Keiner sagt, was er wirklich denkt oder will, alle in dieser „miteinander connecteten sozialen Skulptur“ labern kreuz und quer im Jargon der Uneigentlichkeit. Debatten darüber, ob etwas geil, ungeil, endgeil oder mittelungeil ist, können Stunden füllen. Deshalb wurde Tartuffe von Orgon angeschleppt, der auch nicht besser ist, dafür unbekannt und frech.

          Ein „stinknormaler Sexschamane“ 

          Er wird dem Titelzusatz „Das Schwein der Weisen“ in jeder Hinsicht gerecht, grunzt eloquent und baggert ungeniert die Frauen an. Božidar Kocevski erst im blaßrosa Anzug, später im weißen Balletteinteiler weckt bei allen die Träume von einem aufregenden neuen Leben - und die Angst davor. Felix Goeser als putzmunterer Kraftprotz begeistert sich an Tartuffes rabiat unkonventionellem Gebaren und seinen „direkten Aktionen“, die anderen fühlen sich davon in ihrer Dampfplaudergemütlichkeit gestört, ob Kotbong Yang als Mariane oder Tamer Tahan als Damis, Orgons wohlstandsverblödete Kinder, ob Linn Reusse als aufgewecktes Hausmädchen Dorine. Moritz Grove als Cléante, gekleidet wie ein Musketier, übersetzt getreulich, was Tartuffe so vor sich hin grunzt, obwohl Elmire schimpft: „Das versteht doch keine Sau!“

          Einzig Orgons Mutter, die „Herr Frau Pernelle“ heißt und quasi das Elternpaar personifiziert, radelt bei Regine Zimmermann - mit Verve und ohne Verstand - komplett in dessen Fänge. Die Kostüme, die Kathrin Plath diesen Turboschwadroneuren verpasst hat, sind historisch inspiriert und zum Stück völlig unpassend, was für eine fidele Brechung sorgt. Dann und wann werden, begleitet durch Carolina Bigge an Schlagzeug oder Gitarre, Nonsens-Songs gesungen: „Immer wenn’s am schönsten ist, ist es am schönsten“. Am Schluss fliegt Tartuffs Schwindelei auf und der angebliche Superpsychoguru wird als „stinknormaler Sexschamane“ entlarvt. Jan Bosses fröhlich beschleunigte Inszenierung dauert keine zwei Stunden, sie ist dynamisch, druckvoll und von klugem Klamauk getragen. Mit dem vortrefflichen Ensemble zeigt er PeterLichts vergnügliche Sprachkritik als anregendes Sommertheater, bei dem man herzlich kalt über andere lachen kann - und sich dabei trotzdem die so lange untätigen Applaushände wärmt.

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