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Tanztheater : Die verrätselte Frau

  • -Aktualisiert am

Wohin das führen soll? Bild: Ute und Luna Zscharnt

Sasha Waltz zeigt in Berlin ihr neues Tanzstück, „Women“. Es wird viel gekeucht und entblößt. Für die vielen Männer im Publikum wird die weibliche Seele aber wohl auch nach diesem Stück ein Mysterium bleiben.

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          In der leergeräumten und mit Veranstaltungstechnik und Schwingboden ausgestatteten St.-Elisabeth-Kirche in der Nähe des Berliner Nordbahnhofs lässt Sasha Waltz in „Women“ neunzehn Frauen auftreten, barfuß und in ärmellosen Kleidern. Eine große Gruppe von ihnen schließt sich eng um eine einzelne, etwa dort, wo der Altar stehen würde, wenn diese Kirche nicht ein Theater wäre. Fliegende Arme bilden ein lebendiges Dach über der darunter verborgenen Frau. Als empfinge der Frauenkreis von ihr Weisung, Energie oder Segen. Dann löst sich der Schwarm auf und läuft mit ausgestreckten Armen auf die Tanzfläche.

          Das Publikum, gerade einhundertsiebzig Zuschauer, sieht im nun beginnenden ersten Teil des siebzigminütigen Stücks zuerst eine symbolische Handlung. Als gössen die Frauen, was sie von der einen empfangen haben, in der Mitte des Raumes aus – Inspiration, den Funken einer weiblichen Gottheit oder den Geist des Feminismus – so entwickeln sich unvermittelt tänzerische Sequenzen. Etwas schwerfällige, geerdete Bewegungen in kleinen Formationen oder allein ausgeführt, erinnern an die deutsche Ausdruckstänzerin Mary Wigman. Da ist etwas vom Beginn der Moderne zu ahnen in diesem Bewegungsgestus, eine Reminiszenz, eine Suche nach archaischen, grundlegenden, authentischen Schritten. Die schwarzen und sandfarbenen Kleider der Frauen lösen viele Assoziationen aus. Fügt sich der Sandton farblich in die Architektur und ist feminin, zeitgenössisch und elegant, so erinnert das Schwarz an südländische Frauengruppen beim Kirchgang, an kollektives Beten und Trauern. Waltz’ Freundin und Kostümbildnerin, die im Dezember 2016 verstorbene Filzmode-Designerin Christine Birkle, hat die Kleider noch geschaffen und vor ihrem Tod zusammengestellt.

          Nach dem tänzerischen Beginn wird das Bühnenstück der Berliner Choreographin, das ursprünglich als Beitrag zu einem Spielfilm geplant war, zunehmend seltsamer. Blutartige Flüssigkeiten und Objekte, die inneren Organen ähneln, kommen ins Spiel. Ins Haar gewickelt, auf Körper gelegt oder in die Haut eingedrückt, legt der Umgang mit diesen Requisiten nahe, hier ginge es um die Bewältigung von Schmerzen, das Ausstehen von Krankheiten, das Erleben von Geburten und das Sterben, um Sexualität, um Kampf, Niederlage, um Nahrungsaufnahme und Zusammenbrüche. Es wird gekeucht, gesungen, gebellt und geknurrt. Das Ensemble lacht und weint. Andauernd werden Brüste entblößt oder Kleider ganz abgelegt und wieder angezogen. Wasser wird vergossen, abgelutscht und getrunken, Tische zusammengestellt und Haare von Tellern gekratzt und in den Mund gestopft, so als handele es sich um die köstlichsten Spaghetti. Im Publikum befanden sich recht viele Männer. Bei der Lösung des Rätsels „Frau“ dürfte ihnen „Women“ nicht wirklich eine Hilfe sein.

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