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Tanzbiennale in Dresden : Mit der Stimme einer Sex-Assistentin

  • -Aktualisiert am

Standbild aus William Forsythes angeblich „Neue Suite“ für Dresden Bild: Semperoper

Bitte tapfer hinschauen: Bei der viertägigen „Tanzplattform Deutschland“ verkommt der zeitgenössische Tanz weitgehend zur langweiligen Konsenssache.

          3 Min.

          So war das nicht gemeint. So hatten wir aber nicht gewettet. Wer stets gegen jeden Konzepttanz außer den guten von Jérôme Bel argumentiert und die Dekonstruktion im Tanz für ein attraktives Gerücht gehalten hatte, der wurde jetzt doch überrascht. Tanz - so finden die alten Absolventen der Angewandten Theaterwissenschaften in Gießen wie die jungen Erziehungsprodukte von bundeskulturstiftungsfinanzierten Performance-Integrationsschulen und finden auch die Funktionäre des freien Tanzes - „Tanztanz“ darf wieder als total „O.K.“ gelten.

          Aber diese Sorte Tanz war doch nicht gemeint! Diese Sorte, wo sich ehemalige Staatsopernballettangestellte am Boden wälzen und so tun, als würden sie onanieren; oder sich hinstellen und den Sabber aus ihrem Mundwinkel zu Boden tropfen lassen, bevor sie dann wieder, auf Schläppchen, ein Fragmentchen „Giselle“-Choreographie zeigen (Copyright Helena Waldmann?). Aber das echt Interessante an Waldmanns „revolver besorgen“ ist nicht Brit Rodemunds Hemmungslosigkeit, sondern dass alle glauben, es wäre ein Stück über Demenz und wahnsinnig politisch.

          Zuckende Körper, erstarrte Zuschauer

          Vom Band hört man eine Frau mit einem Mann reden, und sie fragt ihn, ob er wisse, dass dies die Klitoris sei, und sagt, er dürfe jetzt mal hineinfassen in die Vagina - und so. Das Programmheft listet unter „Voices in the Feature“ - also Stimmen vom Band - eine „Sex-Assistentin“, einen Neuropathologen und den Ersten Vorsitzenden „Aktion Demenz“ auf. Einer redet über ein demenzgeschädigtes Gehirn, als würde er es gerade sezieren.

          Diese Sorte Tanz war nicht gemeint, auch nicht die Sorte von Eszter Salamon, die sich in einem Saal vor den an die Wand gesetzten Zuschauern umherbewegt und in ihr umgeklebtes Mikrofon John Cages „Lecture on Nothing“ murmelt. Noch näher dran sitzt die erste Reihe bei Sebastian Matthias’ Trio „Tremor“, wo sich zwei à la Village People gestylte junge Männer zuckend umeinander bewegen und um eine junge Frau mit Kinderpony und Söckchen, deren Kleid bei allen unattraktiveren Verrenkungen so viel Oberschenkel und Höschen und Schweiß freigibt, dass es das Publikum geniert. So porennah, aber so vollkommen innerlich abgeschottet den Popo umherzuschieben hat etwas Merkwürdiges. Unpersönlicher stellt man sich nur Vierundzwanzig-Stunden-Ausziehläden vor.

          Tapfer hingeschaut hieß es jetzt anlässlich der Tanzplattform Deutschland 2012. Vierzehn Produktionen an vier Tagen sollte das Publikum der 1994 ins Leben gerufenen Biennale ansehen; Preise gab es aber wieder so wenig wie ernstzunehmende ästhetische Diskussionen. Der einzige Trost waren die Tänzer. Nicht die oben beschriebenen, sondern das unter Aaron Watkin sagenhaft trainierte Ballett der Semperoper, allen voran Anna Merkulova und Jiři Bubeniček. Bubeniček, der bei John Neumeier oft so brav aussah, tobte sich in William Forsythes Klassiker „Enemy in the Figure“ so richtig aus. Man erkennt den Virtuosen wieder, der Mann im athletischen Körper aber wirkt wie ausgewechselt: frei.

          Auf Abstand zur „Dekonstruktion“

          Die Tanzplattform-Organisatoren hatten sich nämlich überwunden und die Semperopern-Ballettpremiere mit in ihr Programm aufgenommen, fanden es allerdings ganz gelungen, dass da jetzt „kein Nussknacker“ kam, sondern „Artifact Suite“ und „Enemy...“. Leider stellte sich die als „Neue Suite“ angekündigte Uraufführung des Abends als Folge schöner, teils überarbeiteter älterer Duette heraus. Neu genug für den Anlass; denn soviel derzeit die Freie Szene von „Tradition“ und „Tanzgeschichte“ redet, so sehr wird man den Eindruck nicht los, dass damit 1984 gemeint ist, als Forsythe das Ballett Frankfurt übernahm. Er europäisierte Balanchine durchgreifend, könnte man sagen, zog den Tänzern Socken an. Schon cool! Bis heute. Im Programmheft distanziert Forsythe sich von dem Begriff „Dekonstruktion“. Ist doch schön zu wissen.

          Szene aus Forsythes „Neuer Suite“
          Szene aus Forsythes „Neuer Suite“ : Bild: Semperoper

          Anders war bei dieser Tanzplattform, dass nicht mehr so viele ausländische Veranstalter kamen wie noch vor zwei Jahren und dass die Deutschen (Tanzplattformen gibt es viele in der Welt) ein Zusatzprogramm mit bekannten Ensembles zeigten, die - so die Organisatoren - „die Tanzplattform nicht nötig hätten“: Constanza Macras, Sasha Waltz, Meg Stuart und eben William Forsythe. Der wurde nicht nur in der Semperoper beklatscht, sondern auch für „N.N.N.N.“, ein Quartett für vier Männer und ihre Wollmützen (diesmal leider nur noch ohne dargeboten).

          Austausch als Fernziel

          Der Direktor des Theaters Mercat de les Flors in Barcelona bekannte freimütig, er wäre gar nicht erschienen, hätte es nicht auch ein paar größere Produktionen zu sehen gegeben. Klar, denn freie Tänzer hat er ja zu Hause auch, und die machen nichts wesentlich anderes. Einige deutsche Veranstalter zuckten die Schultern („...kannten wir schon alles“, „...fanden wir das Baader-Stück von Christoph ,Ich tanze gern‘ Winkler gut“). Nur ein resümierendes Podium fand am Ende statt, bei dem beschlossen wurde, es sei prima gelaufen.

          Die Tanzplattform ist Routine geworden, und der sogenannte zeitgenössische Tanz, dessen beste in Deutschland arbeitende Vertreter hier angeblich präsentiert wurden, ist eine totale Konsenssache. So war das zwar nicht gemeint, aber von den zehn Millionen Euro, mit denen die Kommunen und Länder Projekte und Gruppen fördern, die nicht an Stadt- oder Staatstheatern fest angestellt sind, können die in der Publikation aufgelisteten siebenundfünfzig Choreographen - „als herausragende Vertreter des zeitgenössischen Tanzes wahrgenommen“ - natürlich auch nicht fett werden. Man stellt fest, dass die Freien, obwohl sie gern nur Soli, Duette und höchstens Trios anbieten, zu wenig touren. Wohin auch? Jeder hat ja selbst in seiner Stadt schon diese Sorte Tanz.

          Deshalb wünscht sich die Szene jetzt „Austausch“, Anbindung an Stadttheater. Ausgerechnet. Denn irgendwo müssen sie ja hin, die von den 21 Fördermillionen des Tanzplans schnell ausgebildeten neuen Tänzer des Landes. Der Direktor vom Mercat de les Flors nimmt sie jedenfalls nicht.

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