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Ausstellung Tanz-Moderne Essen : Alles nur geklaut?

  • -Aktualisiert am

Wilde Bewegungen: Szene aus einem Tanzvideo von Boris Charmatz und César Vayssié , zu sehen in der Ausstellung „Global Groove“ im Museum Folkwang Bild: César Vayssié

Wie viel muss sich jemand damit beschäftigen, wie tief in die Materie eintauchen, um Tradition weiterführen zu dürfen? Grundsätzliche Überlegungen anlässlich der Ausstellung „Global Groove“ im Folkwang-Museum Essen.

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          Südafrika hat ein Gesetz erlassen, das es dem Land erlaubt, gegen die fremde Nutzung einheimischer traditioneller Heilpflanzen zu klagen, um das indigene Heilwissen anzuerkennen und zu schützen. Kein Land kann ein Patent auf eine Pflanze anmelden, aber auf die entdeckte Wirkung bestimmter Pflanzenstoffe schon. In dem weltweiten Prozess des Absuchens von Urwäldern, einem Wettlauf um die Entdeckung natürlicher Wirkstoffe, ist das ein wichtiges Signal. Es zeigt ein Bewusstsein dafür, was kulturelles Erbe ist und wie es vor Ausbeutung durch globale Agenten zu schützen sei. Es ist die Frage des Augenblicks.

          Nun stellt die Tanzwelt sie sich auch, allerdings allein hinsichtlich des sogenannten modernen Tanzes. Die Schau „Global Groove“ im Folkwang-Museum Essen zeigt ein nach politischen Kriterien geordnetes Nebeneinander ästhetischer Positionen, in denen interkulturelle Einflüsse, Einflüsse zwischen West und Ost, eine Rolle spielen. „Art, Dance, Performance, Protest“, so lautet die Aufzählung im Untertitel, und sie spinnt eines der bekanntesten Narrative fort, jenes der tänzerischen Moderne als einer Bewegung des Fortschritts, der Befreiung, der Aufklärung.

          Der Katalog diskutiert verschiedene Fälle einseitiger oder wechselseitiger west-östlicher ästhetischer Beeinflussung. Einige der weißen Künstler stehen dabei unter dem Verdacht der kulturellen Aneignung. In der Popwelt wurden zuletzt Sängerinnen wie Shirin David oder Arianna Grande beschuldigt, Blackfishing zu betreiben. Dabei tönt man seine Haut mit unterschiedlichen Verfahren dunkler, um mehr wie eine Person of Colour zu wirken. Man könnte sagen, schwarz zu sein gilt derzeit in der Popwelt als unübertrefflich attraktiv, es ist ein kulturelles Kapital. Den des Blackfishing Überführten glaubt man ihre Bewunderung der Nachgeahmten auch nur teilweise, da die kommerziellen Motive überwiegen dürften.

          Videostill aus „Global Groove“ von Nam June Paik und John Goodfrey aus dem Jahr 1973
          Videostill aus „Global Groove“ von Nam June Paik und John Goodfrey aus dem Jahr 1973 : Bild: Estate of Nam June Paik

          Die Schau „Global Groove“ wendet auf den Tanz diese Untersuchungsfragen an: Was sind akzeptable oder willkommene Verarbeitungen von Einflüssen anderer Kulturen, was ist billige, reflexauslösende Imitation attraktiver Fremdheit? Susan Manning etwa verweist im Katalog in ihrem Aufsatz über Mary Wigman auf den amerikanischen Kulturwissenschaftler Eric Lott und seine Formulierung von „Love and Theft“, Liebe und Diebstahl, ein Konzept, dem zufolge aus Bewunderung und Zuneigung Formen kultureller Aneignung entstehen können, die bis zu kulturellen Diebstählen reichen.

          Im Jahr 1963 fotografierte Minoru Hirata Natsuyuki Nakanishis Wäscheklammern an einem Modell im Atelier des Künstlers.
          Im Jahr 1963 fotografierte Minoru Hirata Natsuyuki Nakanishis Wäscheklammern an einem Modell im Atelier des Künstlers. : Bild: HM Archive / Courtesy of Taka Ishii Gallery

          Im Fall der deutschen Ausdruckstänzerin Mary Wigman handelte es sich wohl um bloße Schwärmerei. Sie sah in den 1920er-Jahren einen Auftritt des in Europa tourenden modernen javanischen Tänzers Raden Mas Jodjana und schrieb, der Auftritt habe ihre Seele in ein fernes Traumland entführt. Das nennt Manning „orientalistische Rhetorik“, konstatiert jedoch, Wigmans berühmter „Hexentanz“ enthalte Gesten und Drehungen, die von Raden Mas Jodjana inspiriert sein könnten, aber keine „Aneignung“ seiner Ästhetik darstellten.

          Die Grenzen sind fließend

          Es gab seit der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert einige außereuropäische Tänzer, die in den Vereinigten Staaten und Europa auf ausgedehnten Tourneen ihre traditionell verwurzelten, aber abgewandelten und auf moderne Konzepte von solistischem Podiumstanz hin veränderten Tänze vorführten. Diese modernen Be­wegungen waren häufig vom Westen in­spiriert. So ist der japanische Butoh, der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts als moderner Tanz entwickelt wurde, wesentlich durch den Solotänzer Kazuo Ohno (1906–2010) entstanden, einen Sportstudenten, der, beeinflusst von Gastspielen der Flamenco-Tänzerin „La Argentina“ und des deutschen Ausdruckstänzers Harald Kreutzberg (1902–1968) eine Tanzkarriere zu verfolgen begann.

          Würde man jetzt postum Vorwürfe gegen Ohno erheben wollen, wegen kultureller Aneignung? Oder dreht es sich bei dieser Diskussion mehr darum, den weißen Protagonisten der Tanzkunst kulturell unangemessenes Verhalten, tanzästhetische Aneignung vorzuwerfen? Es leuchtet ein, dass Wigman, deren Ausstrahlung als Solotänzerin etwas Hohepriesterliches hatte, die Nähe des Tanzes zum Ritual betonte.

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