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Elisabeth Schwartz in „Isadora Duncan“, einer Choreographie von Jérôme Bel Bild: Tanz im August

Festival „Tanz im August“ : Nach der Antike und nach der Natur

  • -Aktualisiert am

Von Zusatzjobs bis zur Arbeitslosigkeit: In der Uraufführung von Jérôme Bels „Isadora Duncan“ erfährt der Zuschauer Dinge über die Arbeitsbedingungen der Tänzer, nach denen er nie zu fragen gewagt hätte.

          In dem grandiosen Oeuvre von Jérôme Bel, dem besten, dem einzigen zu Recht so genannten Konzeptkünstlers im zeitgenössischen Tanz, hat das Zurückstarren von der Bühne herunter ins Publikum Methode: Bei Bel stehen Tänzer da und schauen dich an. Nicht feindselig, nicht fragend, nicht systemkritisch. Nur so. Damit du, Zuschauer, auch mal weißt, wie sich das anfühlt, so ganz ohne jeden Lidschlag oder Vorschuss an Sympathie fixiert zu werden. Konzeptkunst heißt bei Bel, alles wortwörtlich zu nehmen und auch so vorzuführen. So kommen Haartrockner und Staubsauger ins Spiel.

          Es handelt sich bei seinem Theater um einen Transformationsprozess. Die intellektuelle Leistung geht dem darstellenden Spiel voraus, aber dieses Denken treibt dann wie Strom die Suchmaschine in Bels Kopf an, der die wunderbaren Bilder, Gesten und veranschaulichenden Handlungen entspringen. Wie ein Kind die Dampfmaschine dreht, wendet und von allen Seiten betrachtet, so nimmt Bel unseren Begriff von Tanz, unsere Idee von Theater und dreht sie in seinem Kopf. Sein Theater ist eine einzige herrliche Dampfmaschinenexplosion.

          Bels Stücke ergeben einen Enzyklopädisten des Tanzes 

          Welche Folgen die gesellschaftlichen Annahmen über Theater für die Macher haben, zeigt er auch. Jedes Bel-Stück erklärt die Produktionsbedingungen im Tanz, welche Zusatzjobs Tänzer machen, um zu überleben, wie sie sich fühlen, wenn sie kurz davor sind, vierzig zu werden und in die Arbeitslosigkeit geschubst zu werden. Niemand blieb ungerührt, als in „Véronique Doisneau“ die Gruppentänzerin das Solo der „Giselle“ tanzte, das sie aufgrund ihres Ranges in der Compagnie ihre gesamte Karriere hindurch niemals hatte tanzen dürfen.

          In den meisten Abenden lacht sich das Publikum kaputt und weint. Es erfährt Dinge, die es nie zu fragen gewagt hätte, und es lernt zu verstehen und mitzufühlen. Alle Stücke zusammengenommen, könnte man Bel als den großen Enzyklopädisten des Tanzes bezeichnen. Immer neue Einträge fügt er hinzu, die wieder andere Aspekte dieser ephemeren Kunstform erklären.

          Im Deutschen Theater in Berlin gelangte jetzt sein einstündiges Stück „Isadora Duncan“ zur Uraufführung, ein weiteres wunderschönes Beispiel seiner Kunst, den Tanz sich selbst erklären zu lassen, mit etwas Hilfe von Jérôme Bel. Es hat nur zwei Makel. Es ist keines, in dem viel gelacht würde. Und Jérôme Bel hätte die Klaviermusik von Schubert, Chopin und Skrjabin von einem Pianisten spielen lassen sollen statt vom Band. Weinen muss man schon.

          Warum also gibt es bei der Pionierin der Kunst des modernen Barfußtanzes, Isadora Duncan (1877 bis 1927), die wie Angelina Jolie sechs Kinder adoptierte, kleine Tänzerinnen, die man die „Isadorables“ nannte, nichts zu lachen?

          Nun, Jérôme Bel verknüpft die Vorführungen einiger ihrer überlieferten Solotänze durch die neunundsechzigjährige Tänzerin Elisabeth Schwartz mit der chronologischen Schilderung ihrer wichtigsten Lebensereignisse. Und da stockt einem der Atem. Duncan verliert zwei Kinder durch Ertrinken (das dritte ihrer allesamt unehelich Geborenen sollte sie auch verlieren). Als der Chauffeur den Wagen, in dem die wartenden Kinder sich mit ihrem Kindermädchen befinden, abstellt, ohne die Handbremse zu arretieren, rutscht das Fahrzeug die Böschung des Seine-Ufers hinab in den Fluss. Duncan selbst kommt im Alter von fünfzig Jahren ums Leben. Auf einer Fahrt mit ihrem Cabrio durch Nizza verfängt sich ihr langer Schal in den Speichen und reißt sie aus dem Fahrzeug, wobei ihr das Genick bricht.

          Ihr Tanz habe zwei große Inspirationsquellen gekannt, die Antike und die Natur, wird von einer Art Moderatorin erklärt, Sheila Atala, die sich als Assistentin Bels vorstellt und durch den Abend führt. Die knappen biographischen Anmerkungen, die diese Frau macht, stellen aber auch deutliche Korrespondenzen zwischen Tanz und Leben her. Wie auch sonst, bestand doch der Traum der Moderne in einer widerspruchsfreien Auflösung der Grenzen zwischen Kunst und Alltag.

          Die Salonkommunistin tanzte für Stalin und liebte einen zwanzig Jahre jüngeren Revolutionär, aber eines ihrer Kinder entsprang der Beziehung zu dem Erben der amerikanischen Nähmaschinendynastie Singer.

          Zwei Jahre nach dem Tod ihrer Kinder tanzte Duncan keinen Schritt, und erst acht Jahre danach schuf sie ein Solo, das sie „Mother“ nannte. Was die Antike betraf, so waren ihre tunikahaften Kleider griechisch-römisch inspiriert, die Art, wie sie sanft ihre nach außen gedrehten Handgelenke über dem Kopf zusammenschlug, hatte sie auf antiken Vasenbildern entdeckt.

          Einen der naturinspirierten Solotänze führt Schwartz auch vor – hier gibt es für jede Bewegung der Arme einen Begriff: Wasserspiel, Welle, Spritzer, fließen, strömen, gegen den Fels schlagen, untertauchen, auftauchen. Arme, Kopfhaltungen und Blicke transportieren viel von der Gefühlslage eines Tanzes, während die Füße dem Dreivierteltakt der Musik folgen.

          Die Impulsivität, der Rausch der Freiheit

          Der Didaktiker Bel lässt jede Sequenz der anrührend und selbstbewusst tanzenden Schwartz einmal mit Musik vorführen, einmal in der Stille mit dem Kommentar der Moderatorin, so dass man Geste und Begriff zusammenbringen kann. Höhepunkt ist die Szene, in der zehn Zuschauer auf die Bühne gebeten werden, um von Schwartz einen Tanz zu lernen. Das Gefühl, mahnt die Moderation das Ensemble, sei wichtiger als die Form. Die Impulsivität, der Rausch der Freiheit, eine Art ikarushafter Sog, machen die Tänzerin Duncan berühmt. Und kosten sie vielleicht auch das Leben. 

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