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Tankred Dorst wird 90 : Der Weltverzauberer

Tankred Dorst. Bild: dpa

Vom Puppenspiel zur politischen Parabel: Der Universaldramatiker Tankred Dorst hat in seiner langen Bühnenkarriere immer das Abenteuer gesucht. An diesem Samstag wird er neunzig Jahre alt.

          3 Min.

          Es ist mit 375 Seiten, 97 Szenen und einer Spieldauer von acht Stunden das größte Schauspiel, das nach dem zweiten Weltkrieg das deutsche Bühnenlicht erblickt hat, und eines der wunderreichsten, lebensvollsten, visionärsten: „Merlin oder Das wüste Land“ von Tankred Dorst, ein Weltenpanorama voller Gestalten und Geschichten, Anachronismen und Assoziationen, das die Sage vom Zauberer Merlin, die Heldenlegenden von Parzival und Lancelot sowie den König-Artus-Mythos um die Ritter der Tafelrunde so neu erzählt, dass in den fremden Figuren und fernen Kämpfen Menschen und Auseinandersetzungen von heute aufscheinen.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Als „Merlin“ im Herbst 1981 zunächst am Düsseldorfer Schauspielhaus und, bildkräftiger entfaltet, Anfang 1982 an den Münchner Kammerspielen aufgeführt wurde, war Tankred Dorst bereits Mitte fünfzig. Sein Stück über das Scheitern von Utopien, auch über die Zeit und ihr Vergehen, das Altern von Menschen und Ideen, die Brüchigkeit der Zivilisation, wurde als „opus magnum“ aufgenommen, erscheint es doch als die Summe eines Werks, dem die Frage, wie wir in dieser Katastrophenwelt leben, leitmotivisch eingeschrieben ist. Von heute aus gesehen, aber markiert „Merlin“ auch „nur“ das Zentrum eines Dramenkosmos, der, weitere Kreise ziehend, um Stoffe und Genres gewachsen ist.

          Am 19. Dezember 1925 in Oberlind als Sohn eines Ingenieurs, eines thüringischen Fabrikanten, geboren, erfährt Tankred Dorst das Scheitern von Utopien als Schlüsselerlebnis seiner Generation. Mit siebzehn wird er zum Arbeitsdienst, 1944 zur Wehrmacht eingezogen, früh gerät er in amerikanische Kriegsgefangenschaft: Das Zusammenleben im Lager, die Arbeit in Fabriken und auf Farmen bezeichnet er als „eigentliche Lehrzeit“. In Lüdinghausen holt er 1950 das Abitur nach, in Bamberg und bald darauf in München sieht er sich an der Universität um.

          Die Anfänge des Dramatikers liegen früher: Der Elfjährige verfasst ein Theaterstück über die Einführung der Kartoffel in Preußen, das die Kombination von historischem Stoff und aktuellem Thema bereits ausprobiert, und der Zwölfjährige fängt als Zuschauer in „unserem Provinztheater in Coburg“ an, „meine eigenen kindischen Stücke zu schreiben für mein Theater im Kopf: nicht aus Bewunderung, sondern aus Rechthaberei und Eigensinn.“ Während des Studiums beginnt er in München für ein Marionettentheater zu arbeiten, eine Lehrzeit, die auf seine frühen Stücke abfärbt. Den Erstling „Die Kurve“ (1960), eine Farce über zwei Brüder, inszeniert Peter Zadek mit Kinski und Qualtinger fürs Fernsehen, die „Große Schmährede an der Stadtmauer“ (1961) in Berlin in der Schiller-Theater-Werkstatt: Geschliffene Parabeln, die mit Brecht, Ionesco und Dürrenmatt zu tun haben. „Süchtig nach wirklichen Menschen“ schreibt Dorst das Drama, das den Durchbruch bringt: „Toller“. Die „Szenen aus einer deutschen Revolution“ dürfen 1967 in München nicht herauskommen und werden am 9. November 1968, zum fünfzigsten Jahrestag des historischen Datums, in Stuttgart uraufgeführt. Indem er den Schriftsteller auch in seiner Eitelkeit und politischen Unfähigkeit zeigt, sprengt Dorst das Muster des politischen Lehrstücks ebenso wie die Faktengläubigkeit des Dokumentartheaters. „Eiszeit“ (1972), das den alten Knut Hamsun porträtiert, befragt das Verhältnis von Politik und Moral ähnlich neu wie „Der verbotene Garten. Fragmente über D’Annunzio“ (1983) den Zusammenhang von Kunst und Leben, Macht und Mythos. Seine „deutsche Trilogie“ folgt der Zeitgeschichte nahe der eigenen Lebensspur: „Auf dem Chimborazo“ (1975), „Die Villa“ (1980) und „Heinrich oder die Schmerzen der Phantasie“ (1985) erzählen die Familiengeschichte gegen die Chronologie.

          „Produktive Unzufriedenheit“

          Märchen und Mythos, Posse und politische Parabel, Revue und Romanze. Kein anderer Dramatiker erprobt sich in so vielen Genres, spricht mit so verschiedenen Zungen. Dorsts „erweiterter Realismus“ greift aus in Literatur und Mythologie, Politik und Historie und hält doch die Spannung zur Gegenwart. Nicht ein Stil, den er den Stoffen aufprägt, sondern eine Haltung, die ihnen die adäquate Form gibt, kennzeichnet seine Poetik. Das lässt ihn zu einem Verwandlungskünstler werden, der die Welt durch Theater verzaubert. Noch mit seinen späteren Stücken - wie „Korbes“ (1988) oder „Karlos“ (1990) - gelingen ihm dazu monströse Überraschungen. „Herr Paul“ (1994), das von Wohn- und Bleiberecht handelt, reüssierte unversehens als Zeitstück über den Ausverkauf des Ostens.

          Der Dramatiker Dorst hat immer im Austausch mit dem Theater gestanden und ist ihm in „produktiver Unzufriedenheit“ treu geblieben. Viele seiner Stücke gehen auf Anregungen von Regisseuren zurück: So drängte ihn Peter Zadek, dessen Bochumer Intendanz 1972 seine Fallada-Revue „Kleiner Mann - was nun?“ eröffnete, die „Artus-Geschichte“ zu lesen, doch als „Merlin“ fertig war, hatte er keine Halle dafür. Sammelnd, bastelnd, montierend, ist dieser poetische Historiker vom Selbstverständnis des Originalgenies so weit entfernt wie von der Vorstellung einer Muse. „Mitarbeit: Ursula Ehler“ steht seit 1972 unter seinem Autorennamen. „Wir sind vollkommen aufeinander eingespielt“, beschrieb er den Anteil seiner Frau, „durch den Partner gibt es Widerstand und Korrektur.“

          Noch in seinem einundachtzigsten Lebensjahr hat sich Dorst, bis dahin nur nebenbei auch Regisseur, auf das Abenteuer eingelassen, Wagners „Ring des Nibelungen“ in Bayreuth zu inszenieren. Erst 2013 sind er und seine Frau, nach 65 Jahren München, nach Berlin gezogen. In den vergangenen Jahren hat der hochgewachsene Herr, die Haare schlohweiß und auf einen Stock gestützt, auch äußerlich etwas von dem Zauberer angenommen, als der er das Theater herausfordert. Sein nächstes Stück, der Dialog „Das Blaue in der Wand“, wird für 2017 in Düsseldorf angekündigt. An diesem Samstag wird Tankred Dorst neunzig Jahre alt.

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