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„Mein Kampf“ in Wien : Also beschloss ich, Politiker zu werden

  • -Aktualisiert am

So sieht heute ein Hitler aus: Marcel Heuperman als Taboris Witzfigur Bild: Marcella Ruiz Cruz

Unter größten Phantomschmerzen wird einmal wieder das alte Witzspiel aufgeführt: Itay Tiran inszeniert George Taboris „Mein Kampf“ am Wiener Burgtheater.

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          Schlomo Herzl will endlich seinen Roman, Arbeitstitel: „Mein Kampf“, fertig schreiben. Fast fünfhundert (leere) Seiten hat er schon, aber die Schlusspointe will und will ihm einfach nicht einfallen. Dauernd stört irgendwer oder irgendwas. Sei es sein Zimmerkollege im Männerwohnheim, der leicht meschuggene Koch Lobkowitz, der so gerne mit Herzl das Spiel „Ich bin Dein Gott und denke mir neue Gebote aus“ spielt. Sei es Gretchen, ein seltsames, noch nicht volljähriges Trutscherl, das ihn immer am Schabbes besucht und sich an seinen Erzählungen über Pogrome aus der alten Heimat Russland erregt. Und dann platzt da auch noch dieser angehende Maler („Schauen Sie, da: Jaulender Hund in einer Berglandschaft im Zwielicht!“) herein, der fest mit der Aufnahme in der Wiener Kunstakademie rechnet: Adolf Hitler, aus Braunau am Inn.

          Aus Himmler wird Himlischst

          Als diese Farce von George Tabori vor nunmehr 33 Jahren am Wiener Akademietheater ihre Uraufführung erlebte, kam es zu einem regelrechten Rauschen im österreichischen Blätterwald. Gerade jene, die sich im Jahr davor für die Wahl des ehemaligen Wehrmachtsoffiziers Kurt Waldheim zum Bundespräsidenten mit unappetitlichsten Wendungen und Mitteln eingesetzt hatten, wollten an der Groteske „Mein Kampf“ nichts Lustiges finden. Blasphemie wurde unterstellt (am Ende wird Herzl beinahe von Heinrich Himmlischst – in der aktuellen Fassung zu „Heinrich Himmlisch“ umbenannt – gekreuzigt), und überhaupt: über Hitler lachen? Hitler verharmlosen? Das geht gar nicht! Aber wer, wenn nicht einer wie George Tabori (1914–2007), dessen Vater in Auschwitz ermordet wurde, dessen Mutter nur durch Zufall dem Transport nach Auschwitz entkam, der selbst gerade noch nach London emigrieren konnte, um dann, nach Erhalt der britischen Staatsbürgerschaft 1941, auch für den Nachrichtendienst Seiner Majestät Armee im Nahen Osten zu arbeiten, wer sonst könnte, dürfte und wohl auch: müsste sich über Hitler lustig machen?

          Von Verharmlosung kann freilich schon gar keine Rede sein, wie auch die jetzt am Burgtheater gezeigte Inszenierung durch Itay Tiran, seine zweite Regiearbeit am Haus nach „Vögel“, abgrundtief tragikomisch beweist. Durch das von Jessica Rockstroh entworfene, extrem perspektivisch gehaltene und mit hellen Holzpaneelen vertäfelte Zimmer im Männerasyl, das die ganze Vorderbühne einnimmt und über keinerlei Türen verfügt, entsteht sogar im großen Haus am Ring ein Gefühl der Enge. Dass sämtliche Auftritte und Abgänge mittels Eintreten der Holzwände erfolgen, ergibt sich daraus lärmend-logisch. À propos Abtritte – neben einem Rippenheizkörper auf Rädern, der oft mangels anderer Objekte auch als Sitzgelegenheit dient, steht da noch ein Metallkübel für die exkrementalen Phasen herum. Man schaut Hitler dann auch öfters – und lange – bei seinen Stuhlgängen zu. Seinen ersten Auftritt (klar, durch die Wand) freilich hat der wuchtige Marcel Heuperman als dieser Hitler in halbwegs sauberem Hemd, dreckigen Lederhosen und versifften Strümpfen und Schuhen (Kostüme: Su Sigmund) noch ohne Kotspuren. Statt höflich um Einlass zu bitten, steht er plötzlich, seine Werkmappe mit den Zeichnungen und Aquarellen („Hier, ein Wald, im Zwielicht!“) unter den Arm geklemmt, mitten im Zimmer.

          Gestutzter Walrosschnauzer

          Und sofort erbarmt sich das Herz Herzls seiner. Markus Hering spielt diesen Hitlerversteher wider besseres Wissen in einer wunderbaren Mischung aus Zynismus und wahrer Anteilnahme. Er bügelt seine Kleider, borgt ihm den eigenen Mantel, frisiert ihn hingebungsvoll, stutzt ihm den Walrossschnauzer zum sattsam bekannten Hitlerbärtchen zurecht. Und zu all dem hört er sich auch noch mit Engelsgeduld die blödsinnigen Suaden über Gott, die Juden, Braunau und die Welt an. Er bringt ihm bei zu weinen und überlässt ihm Himmlisch – die Nägel, die Rainer Galke, der sich als ebendieser Heinrich, vor dem jedem graut, eine Glatze scheren ließ, durch Herzls Handflächen treibt, verursachen noch in der siebten Reihe Parkett Phantomschmerzen – aber eben doch, auch den Titel seines Romans. „Armer Herzl“, sagt Frau Tod, von Sylvie Rohrer seufzend im schwarzen, engen Anzug und mit gruseligen schwarz-weißen Augenlinsen gegeben, „wenn Sie wüssten, was kommt“ – „Ich weiß, ich weiß alles. Behalten Sie’s bitte für sich.“, erwidert da Schlomo Herzl nur. Ja, er weiß es. Tabori wusste es. Und wir, selbst wenn wir es zuvor noch nie gehört haben sollten, dürfen es nach diesem Abend niemals vergessen.

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