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Susanne Wolff im Gespräch : „Ich hasse das Gretchen“

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„Natürlich macht es Spaß, auf der Bühne Dinge zu tun, die man im wahren Leben nicht einmal in Ansätzen tun dürfte“, sagt Susanne Wolff Bild: Julia Zimmermann

Kein Gretchen und doch viele Fragen: Zum Start der Saison spricht die Schauspielerin Susanne Wolff über Männer- und Frauenrollen, Theaterzuschauer und Ödipus.

          5 Min.

          Wenn ihr etwas nicht passt, dann sagt Susanne Wolff es einem ins Gesicht. Lachend, aber deutlich. Es wäre jedoch falsch, die Schauspielerin, Jahrgang 1973, die neben Nina Hoss und Maren Eggert herausragt im mit herausragenden Frauen so gesegneten Ensemble des Deutschen Theaters in Berlin, als besonders schwierig zu bezeichnen. Selbstbewusst ist sie, streng in ihren Maßstäben. Eine Bühnenbeherrscherin, im Spiel stets ein wenig undurchsichtig, fast verschlossen mit ihrem kehligen Lachen und den grünen Augen, die Blitze schleudern können.

          „Ödipus Stadt“, mit dem das Deutsche Theater am Freitag die neue Saison eröffnet, ist auch für Sie der erste Zusammenstoß mit den Großen des antiken Dramas: Sophokles, Aischylos, Euripides. Es ist ein Extrakt aus vier Dramen, das klingt wie eines dieser Exzerpte für Führungskräfte, die keine Zeit haben, sich das ganze Buch durchzulesen.

          Es sind im Grunde ja nur drei Stücke in einem: die Geschichte von Ödipus, der Zweikampf seiner Söhne Eteokles und Polyneikes mit der Politisierung Antigones - und dann eben „Antigone“. Als ich von dem Plan das erste Mal gehört habe, dachte ich aber auch: Ach du Scheiße! Dann bekam ich die Fassung und sah: nur 60 Seiten. Wahnsinn! Und jetzt bin ich ein absoluter Fan davon. Ich finde, man begreift alles.

          Sie als Kreon und nicht etwa Ulrich Matthes als Ödipus sind die Hauptfigur. Nach Othello spielen Sie damit schon wieder einen Mann. Gibt es keine Frauenrollen mehr für Sie?

          Entschuldigen Sie, aber jetzt werde ich mal etwas ausfallend: Das ist eine blöde Frage! Fragen Sie die Regisseure! Die besetzen mich! Punkt. Im Übrigen finde ich es natürlich großartig, weil Männerrollen im Theater fast immer viel interessanter sind als Frauenrollen.

          Macht es Ihnen Spaß, auch mal männlichen Sexismus spielen zu dürfen?

          Ja! Es gibt auch zwei Sätze im Stück, um die habe ich sehr gekämpft. (Lacht.) Stephan Kimmig hat sie bisher auch beide dringelassen.

          Welche?

          „Man kann auch auf anderen Äckern säen.“ Und: „Für gute Söhne schlechte Frauen? - Das lasse ich nicht zu.“ Natürlich macht es Spaß, auf der Bühne Dinge zu tun, die man im wahren Leben nicht einmal in Ansätzen tun dürfte. Jetzt bei den Proben habe ich mich teilweise bei den Kollegen entschuldigt, weil ich sie so schäbig behandele.

          Sind Sie eine „Kopfschauspielerin“?

          Ja, ich will immer alles verstehen. Es ist aber im Laufe der Jahre besser geworden, ich kann auch schon mal Dinge machen, die ich nicht auf Anhieb begreife, in der Hoffnung, dass ich sie verstehe, wenn ich sie gemacht habe. Das heißt aber nicht, dass ich mich nicht mit voller Kraft in eine Sache hineinstürze.

          Haben Sie auch schon mal eine Rolle abgelehnt?

          Nein, habe ich noch nicht gemacht. Ich kann mir auch nur wenige Rollen vorstellen, die ich nicht spielen wollen würde. Das Gretchen etwa, aber zum Glück besteht die Gefahr nicht mehr. Aus dem Alter bin ich raus. Ich hasse solche Frauenfiguren. Ein schwaches Wesen, das sich dann in eine Verrücktheit flüchtet. Furchtbar! (Lacht.) Aber selbst diese Rolle würde ich vermutlich nicht ablehnen, weil ich mir denken würde: Wenn jemand ausgerechnet mich damit besetzt, dann wird er sich schon etwas dabei gedacht haben.

          Susanne Wolff als „Maria Stuart“ 2007 im Thalia Theater in Hamburg

          Im Idealfall merkt man bei Ihnen gar nicht, dass Sie überhaupt spielen. Dann wirkt alles, was Sie auf der Bühne anstellen, völlig natürlich und Sie wie in einem Schwebezustand . . .

          . . . es ist schwierig zu erklären, was das genau ist. Schwebezustand trifft es aber ganz gut.

          Können Sie durch Technik diesen Zustand für sich herstellen?

          Ich denke selber seit geraumer Zeit darüber nach, ob das meine Spielweise ist, die ich mit der Zeit für mich entwickelt habe. Ich glaube mittlerweile, es ist eine Spielweise. Ich versetze mich in einen Zustand, in dem ich die größtmögliche Reaktionsfähigkeit und Offenheit für die Situation habe. Indem ich mich so weit wie möglich zu distanzieren versuche von allen einstudierten Dingen, von Festlegungen, von Wiederholungen aus der letzten Vorstellung.

          Stimmt es, dass Sie vor jeder Vorstellung von Ibsens „Nora“ Eminems „Cleaning up my Closet“ gehört haben? Brauchen Sie das?

          Bei dieser Inszenierung zumindest brauchte ich es. Da war das ganz extrem. Einmal hatte ich auf einem Gastspiel meine Musik vergessen - und dachte ernsthaft, ohne Eminem kann ich die Vorstellung nicht spielen. Kimmig hat die Musik dann noch irgendwie organisiert. Früher, in Hamburg, habe ich zu fast jeder Rolle eine bestimmte Musik gehört, jetzt habe ich das aber ganz lange nicht mehr gemacht.

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