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Theater in München : Auf Privilegienabbitte

  • -Aktualisiert am

Blick in eine fremde Welt: Szene aus Susanne Kennedys „Oracle“ Bild: Judith Buss

Wer ist an welcher Seite und warum überhaupt? „Oracle“, die neueste Inszenierung von Susanne Kennedy und Markus Selg, und „Wunde R“, eine Körper-Collage von Enis Maci, an den Münchner Kammerspielen.

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          In hundert Jahren wird Theater ganz anders aussehen. Das Orakel hat es gezeigt. Es wird aus Explosionen und Mustern gemacht sein, aus schreiend bunten Bildern, die wie im Kaleidoskop vom einen ins nächste fallen. So weit die Zukunftsvision am Ende von „Oracle“, der neuesten Inszenierung von Susanne Kennedy und Markus Selg an den Münchner Kammerspielen. Der Eintritt an diesem Abend geschieht zögerlich, als hätte man verlernt, einen Bühnenraum zu betreten. Es gibt keine Sitzreihen in dieser Produktion, das Publikum geht spazieren und bestaunt Welten. An der Schwelle zu jener von „Oracle“ steht man allein und wird begrüßt von einer Stimme, die typisch posthuman, also freundlich-distanziert klingt: „Hello and welcome“.

          Wände voller Farben und Schnörkel

          Was folgt, ist ein Spaziergang durch die Kulturgeschichte der Menschheit, in der sich Höhlenmalereien und Antike vereinen, Runen, Pflanzen, Insekten, Masken auf Stoffen und Bildschirmen tummeln, in der Fossilien ebenso wie Drohnen erscheinen. Auf und in Selgs Bühne prallen Eindrücke gegeneinander, Boden und Wände sind voller Farben und Schnörkeln, Musik raunt permanent, drei Figuren (Thomas Hauser, Marie Groothof und Ixchel Mendoza Hernandez) führen die Besucher durch Räume und beschwören ein anderes Bewusstseins. Ist das Neo-Esoterik, verkleidet im Gewand einer Theaterperformance? Was, wenn Theater – nach der Zeit der Isolation – viel mehr als Begegnungsritual begriffen wird, als Raum für Transzendenz mehr als für Reflexion? Bei Kennedy folgt alles dem Ziel, sich selbst zu erkennen – und zu verwandeln. Gegen Ende des Parcours wird man aufgefordert, durch eine getönte Scheibe auf sein Leben zurückzublicken: Auf den eigenen Spuren wandelt schon die nächste Besucherin, flankiert von denselben drei Avataren.

          Hoffnung auf Erkenntnis

          Kennedy und Selg gehen in ihrer neusten Arbeit einen weiteren großen Schritt in Richtung Symbolismus. Am Ende des Weges steht das Orakel, eine Künstliche Intelligenz, ein gelbes Auge auf einem Bildschirm, das auffordert, Fragen zu stellen. Die KI lernt im Laufe des Stücks mit – ihre Antworten, aus dem Internet gespeist, werden mit der Zeit differenzierter. Und ihre Wahrsagungen also wahrscheinlicher? Die Interpretation sei jenen überlassen, die den Ort „in Hoffnung auf Erkenntnis“ aufsuchen, heißt es im Programmheft. Kennedys theatralen Tempel mit dem Wunsch nach Eindeutigkeit aufzusuchen ist überflüssig – ihr neues Stück ist ein Ereignis voller Paradoxien und Überforderung. Wo Kennedys Avatare ihren Körpern abgeschworen haben, liegt in den körperlichen Hüllen der vier Figuren in „Wunde R“, einer Uraufführung von Enis Maci in der Regie von Felix Rothenhäusler, ihre ganze Schwierigkeit. „Ich kann mich nicht auf meinen Körper verlassen“, sagt Vincent Redetzki in pinkfarbener Perücke und wirkt dabei sehr konsterniert. Vier Frauen – Zeynep Bozbay, Eva Löbau, Vincent Redetzki und Julia Windischbauer – sitzen um einen runden Tisch aus Plexiglas und hantieren mit Worten und Rollenbildern: „Ewige Anfängerinnen“ seien sie, mal eine „aus der Zeit gefallene modern woman“, dann ein sich Lippenstift nachziehendes Mädchen im Fitnesscenter, „die berühmteste Malerin des Barocks“ oder eine reiche Erbin auf Privilegienabbitte.

          Angst hinterlässt Wunden: Szene aus „Wunde R“

          In Elke von Sivers’ Kostümen sind ihre Körper grell ausgestellt: In High-Heels und mit abgeklebter Brust treten sie auf, Bozbays Stiefel dienen nebenher als Blumenvase. Eine saudische Jugendliche, Lifestyle-Bloggerinnen, „Girls mit Insektenbeinen“, auch „vollständige Frauen“ – sie alle landen auf Katharina Pia Schütz’ Bühne. Auf einem Tisch ist transparente Masse in der Form eines Wackelpuddings drapiert. Es geht um Jungfräulichkeit und Vergewaltigung, Lipgloss und Youtube, Eisbergsalat und Haferflocken. Auf dem Tisch schmilzt, was Nahrung sein mochte, unter dem Scheinwerferlicht dahin. Wenn Körper nicht passen, müssen sie angepasst werden, soll das heißen. Das bedeutet Arbeit und Schmerz: „Experimentaldiäten“, Frisieren, Schminken, Dünnbleiben, aber dabei stets entspannt wirken. Eine Frau wirkt überrascht, als sie erzählt, dass nach der ganzen Arbeit am Körper, dem vielen Yoga, gar keine Zeit mehr für das Leben bleibe.

          Geschminkte Frauen kommen davon

          Autorin Enis Maci berichtet in ihrem Essayband „Eiscafé Europa“ von einer Demonstration, auf der sie als Jugendliche der Polizei entwischen konnte: „Ich lernte eine Lektion, nämlich dass eine geschminkte Frau keine ist, die man aufhalten müsste.“ Das liefert den Hintergrund für „Wunde R“, eine Collage, in der sie Versatzstücke aus Leben und Internet zu einem dichten Teppich verwebt: Moderne Vorbilder treten an die Seite historischer Figuren, Influencerinnen und Mutter Teresa begegnen sich. Die dringende Frage, die über allem steht, lautet: „Bist du an meiner Seite?“ Bin ich allein, oder bist du mit mir? Sind wir im Kampf gemeinsam? Die über Jahrtausende in Körpern eingeschriebenen Wunden bestehen fort: Als „Erinnerungen, die ihnen nicht gehören“ werden sie über Generationen in Körpern weitergetragen – bis in die Zukunft hinein, wenn sie nicht heilen können.

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