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Überwachung durch „Supernerds“ : Das Theater wird Komplizin der NSA

Wenn unsere eigenen Daten uns erschrecken: Was deren Herausgabe alles anrichten kann zeigt das „Suddenlife Game“ des Theaterstücks „Supernerds“. Bild: Reuters

Heute feiert „Supernerds“ am Schauspiel Köln Premiere. Zuschauer mussten sich zuvor akkreditieren und wurden unbewusst Teilnehmer eines Spiels. Das ließ allerdings aus fiktivem Schrecken einen ganz realen werden.

          Petra Weinberger (Name geändert) ist Journalistin und 75 Jahre alt. Seit 1961 lebt sie in Köln, wo sie überwiegend freiberuflich gearbeitet und zuletzt zwei Künstlerbiographien veröffentlicht hat. Sie nutzt das Internet und geht gern ins Theater. Vom 7. bis zum 17. Mai hat sie an einer Studienreise der Bundeszentrale für politische Bildung nach Moskau teilgenommen, auf deren Programm auch Begegnungen mit Regimekritikern, so mit Alexej Nawalny, standen.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Als Petra Weinberger aus Moskau zurückkommt, findet sie eine Postkarte im Briefkasten, die sie auf Englisch („Hi Petra“) anspricht: „Dies ist mein letzter Versuch“, heißt es da, „du musst einen Standpunkt einnehmen im Leben: Entweder du bist für uns, oder du gehörst zu denen ... Gemeinsam können wir etwas Großes schaffen, was denen das Leben wirklich schwermacht. Denk drüber nach. Jake.“ Petra Weinberger kennt keinen Jake, die Rückseite der Postkarte zieren eine geballte Faust und der Schriftzug „Smash Mass Surveillance“, einen Hinweis auf den Absender gibt es nicht. Abgestempelt ist die Karte am 12. Mai im „Briefzentrum 04“, das ist Leipzig. Petra Weinberger fragt sich, ob ihr Besuch in Moskau überwacht worden ist und jemand sie bedrohen will. „Zwei Tage war ich aufgewühlt und habe schlecht geschlafen“, sagte sie dieser Zeitung.

          „Die Befürchtungen sind unrealistisch“

          Nachdem eine unbekannte Nummer sie mehrmals auf dem Handy zu erreichen versucht hat, erhält Petra Weinberger am 20. Mai um 7.58 Uhr eine SMS („Hi Petra“) auf Englisch: „Ich bin aus China zurück. Das Treffen mit Ai Weiwei war ziemlich verrückt.“ Am Ende heißt es: „Bitte melde dich bei mir so bald als möglich“; kein Absender. Um 17.02 Uhr folgt eine Mail auf Deutsch („Tach Petra“): „alles ok bei dir? Die gruppe steht grade kurz vor der panik was mit dir is. Jake ist ziemlich sauer, der nimmt das persönlich ... Lass mich nicht hängen. Tolja.“ Petra Weinbergers Unruhe wächst. Am nächsten Morgen, nach weiteren nicht angenommenen Anrufen, um 7.58 Uhr die nächste englische SMS: „Wir sehen gerade, dass du die falsche Petra bist. Unsere aufrichtigste Entschuldigung. Wir hoffen, dass du keine Probleme mit dem ,Secret Service‘ bekommst. Wir werden dich später wieder kontaktieren. Jetzt ist es ohnehin zu spät. Jacob Appelbaum.“

          Regisseurin Angela Richter traf sich für die Vorbereitung von „Supernerds“ mit Edward Snowden in Moskau.

          Petra Weinberger ist drauf und dran, zur Polizei zu gehen, als wieder eine Mail eintrifft: „Liebe Teilnehmer der Supernerds Experience, wie ihr vielleicht mitbekommen habt, gibt es aktuell eine Diskussion zu möglichen Nebeneffekten unseres Suddenlife Games. Es wurde die Sorge geäußert, dass man durch die Teilnahme unter bestimmten Umständen auf Listen von Geheimdiensten landen könne.“ Das sei „unwahrscheinlich“: „Die kursierenden Befürchtungen, eines Tages an Flughäfen Schikanen zu erleiden oder Probleme bei der Einreise in die USA zu bekommen, sind sicher unrealistisch.“

          Die glückliche Auserwählte

          Der Absender ist der erste Hinweis auf die heutige Produktion „Supernerds“ von Angela Richter am Schauspiel Köln, für die Petra Weinberger am 3. Mai übers Internet eine Karte gekauft hatte. Dafür musste sie sich „akkreditieren“ und unter anderem Geburtsdatum, Mail-Adresse und Handynummer nennen. Als sie den Absender anmailt, ruft eine Mitarbeiterin der Produktion zurück und sagt fröhlich, es handele sich „nur um ein Spiel“. Auf die Frage, ob alle Ticketkäufer mit Mails und SMS bombardiert würden, heißt es: „Aber nein, Sie gehören zu den glücklichen Auserwählten.“

          Noch am selben Tag erhält Petra Weinberger wieder einen Anruf von einer unbekannten Nummer, diesmal nimmt sie ab. Es meldet sich Jacob („Jake“) Appelbaum, erst auf Deutsch, dann auf Englisch, doch es ist eine Aufnahme vom Band. Kurz darauf wieder eine Mail: „Hallo Petra, wenn dich der Anruf von Jacob Appelbaum erreicht hat, dann weißt du es ja schon: Deine erste Erlebnisgeschichte ist nun vorbei. Du wurdest mit niemandem verwechselt und bist auf keiner Geheimdienstliste gelandet. Zumindest nicht wegen der Teilnahme an diesem Spiel ... Willst du deinen Freunden auch einen kleinen Schrecken einjagen? Dann überrasche sie mit einem ,Bonbon‘!“ Wieder folgen Anrufe, die Petra Weinberger nicht mehr annimmt, dann drei Mails mit persönlichen Angaben zu ihrer „Zielperson“.

          Aus fiktiven Schrecken werden reale

          Am 26. Mai wird Petra Weinberger eine Mail weitergeleitet, in der ein „Mitspieler“ kundtut, dass er im Internet ihren ganzen Namen ermittelt hat und sie - „das ist schon crazy“ - seine „Zielperson“ ist: „Hahahaha!“, freut er sich, nennt ihre Handynummer und Mail-Adresse: „Krass, man wird schon irgendwo ein bisschen paranoid.“ Ein anderer Teilnehmer an dem „Datenexperiment“ schreibt: „Ich weiß definitiv, dass ich gerade nicht in der Haut von Petra W. stecken möchte ...“

          Dass das „Spiel“, das sie inszeniert, bei Zuschauern, die sich „akkreditiert“ haben, auf Lebenssituationen treffen kann, so dass aus den fiktiven Schrecken reale werden, hat Angela Richter offenbar nicht reflektiert. Die Grenzüberschreitung, die sie leichtfertig in Kauf nimmt, macht die Kritikerin der Überwachung, als die sie sich geriert, zur Komplizin. Die Produktion „Supernerds“ reproduziert, was sie zu attackieren vorgibt.

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