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Stuttgarter Schauspiel : Hundstage des Theaters

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Schikane: „Faust” in Stuttgart Bild: dpa/dpaweb

Kinofluchten: Mit Goethes „Faust“ und Lars von Triers „Dogville“, diesen beiden dramatischen Über-Größen, hätte Stuttgarts Staatsschauspiel und mit ihm sein neuer Intendant Hasko Weber zeigen können, was großes Theater ihm bedeutet.

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          Das Württembergische Staatstheater, eine der Bühnen der Republik, denen man ansehen können sollte, was Theater noch will, hat einen neuen Schauspielchef. Hasko Weber hat jetzt seine Intendanz mit einem Reigen von Premieren eröffnet, darunter als Hauptsachen „Faust I“ von Goethe, von Weber selber inszeniert, und „Dogville“ von Lars von Trier, die Bühnenadaption von dessen Film, inszeniert von Volker Lösch.

          Im „Faust“ will ein Mensch wissen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Und die Welt ist dann so, daß man von deren Innerstem nichts, aber alles von dem weiß, was den Menschen Faust im Innersten zusammenhält: die ungeheure kriminelle Energie eines Wüstlings, Giftmischers, Kinderverführers, Mörders, Brandstifters, Geldfälschers, Bandenchefs, Leuteschinders. Faust - einer der größten dramatischen Verbrecher. Gott wettet mit dem Teufel um die Güte des „rechten Drangs“ in diesem Kerl. Und hat dann den Salat - aber spendiert Faust am Ende von der Tragödie zweitem Teil eine perfekte Erhebung in den Himmel. Gnade geht vor Verbrechen. Das gute Ende: eine Sache der Größe.

          „Dogville“: mehr als ein großer Film

          In „Dogville“ ist es umgekehrt. Der „Große Mann“, halb eine Art Gangsterboss, halb eine Art Gott, läßt seine Tochter Grace (Gnade) aus dem väterlichen Fürsorge- und Verbrecherhimmel unter ein bißchen Kugelhagel nach Dogville fliehen, einem Örtchen auf einem Felsvorsprung am Ende der Welt, damit Grace erkenne, was sie selbst im Innersten zusammenhält. Denn Grace, die reine Unschuld, hält sich für moralisch höchststehend. Sie ist bereit, allen alles zu verzeihen. Und so läßt sich der Flüchtling Grace von den Menschen in Dogville, bei denen sie Schutz sucht, widerspruchslos wirtschaftlich ausbeuten, sexuell mißbrauchen, menschlich demütigen. Mit einem Würgeeisen um den Hals und einem Zentnergewicht an den Füßen.

          Theater als schlechtes Kino: „Dogville” in Stuttgart

          Am Ende erkennt Grace, was Dogville im Innersten zusammenhält: Gier, Niedertracht, Haß, Verbrechen. So wird Dogville zu Sodom und Gomorrha. Und Grace, heimgekehrt zum Vater, der sie im großen Chevrolet abholt, läßt Dogville niederbrennen und dessen Einwohner bis hin zum letzten Baby hinrichten, auf daß nichts übrigbleibe. (Und nur Moses, der Dorfhund, überlebt.) Und wenn man an Nicole Kidmans herrlich leuchtendes Kindergesicht im Film denkt, an Lars von Triers ruhig-ironischen Erzähler, an die vorzüglichen Schauspieler, wie sie von einer Straße, die nur auf den Studioboden gezeichnet ist, in Häuser gehen, deren Grundrisse auch nur mit Kreide aufgezeichnet sind, und wie die Menschen jede Kulisse überflüssig machen, dann ist „Dogville“ mehr als ein großer Film: ist eines der wuchtigsten genuinen Dramen seit langem. Reichstes Theater mit sparsamsten Mitteln - bei dem zufällig eine Kamera anwesend war. Ein gigantischer Anti-„Faust“: Gnade geht vor Verbrechen. Das schlechte Ende: auch eine Sache der Größe.

          Welt-Drama als Kantinen-Kino

          Mit diesen beiden dramatischen Über-Größen, „Faust“ und „Dogville“, hätte Stuttgarts Staatsschauspiel nun zeigen können, was großes Theater ihm noch bedeute. Der Stuttgarter „Faust“ aber spielt in einer leeren, rostig abblätternden, aufgelassenen Metallwarenfabrik, wo eine Art käsebleich-dürrer, womöglich drogensüchtiger, aber sonst harmloser Buchhalter (Faust) haust, dessen Text zunächst auf drei Buchhalter aufgeteilt ist, den er aber, nachdem die beiden anderen Buchhalter die Giftphiole in der Osternacht tapfer austranken, allein daherplappern muß.

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