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Stuttgarter Schauspiel : Hundstage des Theaters

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Der Buchhalter wird von zwei Herren aus dem höheren Management (Mephisto I und Mephisto II) und einer ungeheuer dicken, so gut wie nackten Putzfrau im Ganzkörperkondom (Erdgeist) und einem reizenden Kapo im grauen Mantel (Wagner) so lange schikaniert, bis er den kecken Azubi im rostroten Steppmantel (Gretchen) erst schwängert, dann aber mittels eines Federbetts erstickt, zuvor aber seine Erektion in einem kleinen Bassin links vorne abkühlt, in dem auch Gretchen ihren unehelichen Riesenembryo ersäufte, den sich die drei Herren zuvor zuwarfen wie einen Volleyball, abgesehen davon, daß es die beiden Mephistos der krähenden, arg kurz berockten Chefsekretärin (Marthe Schwerdtlein) ausgiebig auf dem großen Bett mitten in der leeren Fabrik besorgten. Gerettet? Verläppert. Schnitt auf Schnitt. Das Theater macht sich dünne und zappt rasend durchs brutalst eingestrichene Stück. Das Welt-Drama als Kantinen-Kino: „Geile Angestellte. Teil eins“.

Das hat Lars von Trier nicht vorgesehen

Teil zwei dann in „Dogville“. Unter einem in der Luft hängenden Riesenquader stampfen die Dogviller Pfahlbürger Tonnen von Remstal-Äpfeln zu Mus (weil einer der Dogviller Bürger Apfelbauer ist), singen „Auf'm Wasa grasat Hasa“ und „Dronta im Neckartal, do ischs halt guat“, plappern und brüllen im Chor und vergewaltigen die gute Grace viel ausgiebiger, als das Lars von Trier eigentlich vorsah. Und daß einer sein Wasser auf Graces daniederliegendes Haupt abschlägt, steht auch nicht im Text. Was im sonst bis zur intellektuellen Selbstverleugnung geduldigen Stuttgarter Publikum denn auch zu Empörung führt. „Kerle, zieh deine Hosa a!“ bekommt auch Tom zugerufen, der Dorfschriftsteller, der Grace nur zu literarischen Experimenten mißbraucht und darob in Stuttgart lange mit nacktem Unterleib zum Jackett durch die Gegend zieht.

Wirtschaftsblabla, mit dramatischer Kunst verwechselt

Und wenn dann der Papi von Grace mit seinen Rachegangstern hereinschneit und sich als der leibhaftige, echte Stuttgarter Bürger Thomas C. Zell vorstellt, langjähriger Mercedes-Benz-Niederlassungsleiter und Vorstand des Freundeskreises der Württembergischen Staatstheater, der natürlich nicht in Lars von Triers Text steht, und mit der Schauspielerin der Grace über Daimler-Lastwagen und Daimler-Kriegsgerät und Konsumterror („Niemand muß sich einen Mercedes kaufen!“ - „Doch, Papa, das möchtest du doch!“) und Mercedes-Ideologie („Mach erst mal deinen Führerschein!“) sich in die Wolle kriegt und wenn dann der leibhaftige Herr Zell als Herr Zell (nicht als Theaterfigur) befiehlt: „Legt sie alle um“ - dann hilft das zwar dem Image von Daimler-Chrysler noch weniger wieder auf die Beine, als es die vielen rechts und links der deutschen Autobahnen liegengebliebenen Pannen-Mercedes der letzten Monate vermögen.

Aber mehr noch schadet es dem Bild eines Theaters, das pubertäres Wirtschaftsblabla mit dramatischer Kunst verwechselt und in dem ein lokaler Promi-Laie den Gott geben darf. Zumal hier Grace nicht wie im Film ein Engel ist, der nach Babylon-Dogville kommt, sondern eine aufgebrezelte Zicke aus einer Telenovela, die in Stuttgart-Degerloch einfällt. Bei Lars von Trier geht es um Sein oder Nichtsein. In Degerloch geht es um Mercedes oder Apfelmus. „Dogville“ als Film ist großes Drama mit Existenzwucht, „Dogville“ als Stuttgarter Theater ist Provinzschmuddelkino mit Chorgesang. Hundstage des Theaters.

So wurden wieder einmal dramatische Über-Größen im Theater kleingeschnipselt und kleinstgeschnitten. Und so verrät das Theater (nicht nur in Stuttgart) wieder einmal sich selbst. Theater als schlechtes Kino überläßt schon länger zugunsten gedankenloser Ego-Mätzchen gelangweilter und übersatter Spielvögte seine großen, bewegenden Themen und Stoffe, seine gewaltigen Figuren und Tragödien, sein Pathos, seine Leiden und sein Mitleiden, seinen Witz, seine Wucht und seine Wirkung, kurz: seinen öffentlichen Anspruch - dem wahren Kino. Eine mediale Kapitulation.

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