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Ballett in Stuttgart : Die Zuckerfee hat Hausverbot

  • -Aktualisiert am

Zauberhaft realistisch: Elisa Badenes, Martina Marin und Aurora De Mori in Edward Clugs Stuttgarter Adaption des „Nussknackers“ Bild: Roman Novitzky

Schadet jetzt schon fiktiver Zucker Kinderzähnen? Wie Stuttgarts neuer „Nussknacker“ von Edward Clug die aktuellen Probleme der Ballettwelt leider allzu gut illustriert.

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          Irgendwie findet die Ballettwelt kaum Antworten auf die drängende Frage, wie dem Bedeutungsverlust dieser Kunst entgegenzuwirken sei. Wenige Choreographen teilen sich die Aufgabe, für die berühmten großen und besser denn je tanzenden Ballettcompagnien der Opernhäuser neue Stücke zu schaffen: Christopher Wheeldon, Wayne McGregor, David Dawson und Crystal Pite und einige andere. Ästhetische Positionen von einer Kraft und Eigenartigkeit zu entwickeln, wie das die Generationen zuvor vermocht hatten, scheint außerhalb des Möglichen zu liegen. Singuläre Werke sind es, die den Lauf des Erwartbaren unterbrechen und daran erinnern, wie einzigartig und unersetzlich körperlicher Ausdruck unseres Weltempfindens ist. Das Bewusstsein davon scheint nur noch in einem Publikum lebendig zu sein, das ohnehin Tanzvorstellungen besucht.

          Zwei Jahre Unterbrechung haben das Ihre getan. Vor allem die – wie soll man sie nennen – intellektuelleren Positionen haben es schwer. Trajal Harrell, Kyle Abraham, Adam Linder, Sarah Michelson, Michael Laub und Pam Tanowitz zählen zu ihnen, es sind diejenigen, deren Aufführungen man nicht versäumen möchte. Manche Choreographen hat die Szene komplett aus dem Blick verloren, obwohl sie zu ihren größten Talenten gezählt werden müssen – etwa Amanda Miller oder Nasser Martin-Gousset.

          Aufgeregte Debatten statt konkreter Maßnahmen

          Und als wären diese Schwierigkeiten nicht gravierend genug, wurde eine der größten Veränderungen der Ballettwelt der letzten Jahrzehnte – Alexei Ratmanskys notationsbasierte, einfühlsame Rekonstruktionen der großen Klassiker des neunzehnten Jahrhunderts – nicht genügend gewürdigt. Stattdessen wächst die Zahl der Choreographen, die sich überraschend alten Stoffen von Handlungsballetten zuwenden. Eigene zeitgenössische Stoffe zu entwickeln, dazu scheinen die Ideen zu fehlen, die Autoren oder Dramaturgen.

          Nebenschauplätze nehmen in der öffentlichen Wahrnehmung den größten Raum ein. Diskussionen darüber, wie es mehr schwarze Mädchen schaffen können, Ballerinen zu werden, wie sich die Wahrnehmung und Behandlung unterschiedlicher Körper, Hautfarben und Altersstufen verbessern ließe, sollten dabei längst in Manifeste, Selbstverpflichtungen und Programme verwandelt worden sein. Es wäre doch so viel wichtiger, in diesen Fragen konkret zu handeln, als sich festzubeißen an der Erwägung, ob Tschaikowskys „Nussknacker“ und darin besonders die Kompositionen „Chinesischer Tee“ und „Arabischer Kaffee“ zu Recht verdächtigt werden, in den entsprechenden Tänzen abwertende Stereotype zu reproduzieren. Ist es nicht im „Nussknacker“ vielmehr so, dass die inkriminierten Passagen lebendig gewordenes Spielzeug zeigen, also eine alte Kinderphantasie umsetzen? Sie sollen nicht zeigen, wie Chinesen vermeintlich tanzen, sondern wie man sich vorstellen könnte, dass Puppen tanzen, wenn sie lebendig würden.

          Wie Reiswaffeln ohne Salz

          In Stuttgart hat sich der rumänische Choreograph Edward Clug, der das Ballett in der slowenischen Hunderttausend-Einwohner-Stadt Maribor leitet, an eine neue „Nussknacker“-Version gewagt. Im Ergebnis illustriert die Aufführung die beschriebenen Probleme. Das Schönste an ihr ist die Ausstattung von Jürgen Rose. Der Fünfundachtzigjährige war John Crankos Kostüm- und Bühnenbildner für dessen Welterfolg „Onegin“ und weitere berühmte Ballette wie „Romeo und Julia“, oder „Schwanensee“. Auch für John Neumeiers „Illusionen wie Schwanensee“ gestaltete Rose die beeindruckende Ausstattung und weitere große Handlungsballette in Hamburg.

          Auch auf der Stuttgarter Bühne ist ein Bild Jürgen Roses schöner als das andere. Clug hat die Geschichte verändert: Jetzt gibt es tanzende Walnussbaumgeister und eine Waldkönigin, Schmetterlinge, ein Eichhörnchen-Paar auf Spitze, einen niedlichen Drachen, viele Ballettkinder als Käfer wie aus „Peterchens Mondfahrt“ und zwei wahnsinnig komische Kamele, die sich im „Arabischen Tanz“ über die Cancel Culture lustig machen. Clugs Regie der Spielhandlung im ersten Akt ist zauberhaft realistisch, charmant und vollkommen ungekünstelt.

          Den zweiten Akt retten allein die tanzenden Tiere und zum Tänzerleben erwachten Spielzeuge. Denn Clugs beste Idee war, sich der Mitwirkung Roses zu versichern. Weil Zucker so schädlich ist, heißt es im Programmheft, habe man das Reich der Süßigkeiten inklusive der Zuckerfee gestrichen. Man kann es kaum glauben, lässt sich aber von der Schönheit und dem Einfallsreichtum Roses trösten. Es kann kein Zufall sein, dass seine riesengroßen Walnüsse, in deren eine sich der Nussknacker am Ende mit seiner Clara zurückzieht, manchmal so schokoladenbraun schimmern. Nur die ganze Süße der Originalchoreographie fehlt. Clugs Tänze sind wie Reiswaffeln ohne Salz.

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