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Stuttgart huldigt Thaddäus Troll : Deutschlands beste Gabe, der Schwabe

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„Dees send mir! Laut’r Käpsela!“ Martin Schwab (l.), Peter Sattmann, Maren Kroymann, Franziska Walser und Alfred Kirchner Bild: Jörg Becker Ditzingen

Stuttgarter Szene oder wie man sich den Nabel beschaut: Am 18. März wäre der Schriftsteller Thaddäus Troll hundert Jahre alt geworden. Stadt und Ländle-Erdkreis haben ihm eine hohe Messe in Troll-Moll ausgerichtet.

          Auf dem Bühnenboden des Stuttgarter Theaterhauses, eines riesigen Kleinkunstschuppens, funkeln Hunderte von Lichtlein. Als schwämmen die Glühwürmchen-Seelen großer Geister auf einem Jenseitssee. Die Bilder dieser Geister, im sanft-ironischen Verfremdungssympathie-Schwung des Comic-Zeichners F.W. Bernstein skizziert, werden im gemächlichen Wechsel auf den Bühnenhintergrund projiziert, darunter auch ein Selbstporträt Herrn Bernsteins, der sich als lorbeerbekränzten Klassiker auf eine antike Säule hinauf platziert hat. Offenbar ist Bernstein auch Schwabe. Denn es werden nur Schwaben projiziert.

          Das Volksstammbewusstsein zeigt seinen Geistesnabel: Deutschlands beste Gabe ist der Schwabe. Man beweihräuchert in stolzer Comic-Untertreibung: Ahnenreihen. Keinem anderen Volksstamm würde das einfallen. Den Schwaben schon. Denn die Projektionstechnik lässt einen unter- beziehungsweise überschwelligen unsichtbaren Text mitlaufen: Dees send mir! Laut’r Käpsela! (Käpsele, im Singular, heißt übersetzt einfach: Genie).

          Also die üblichen Verdächtigen: Schiller, Hölderlin, Hegel, Mörike, Hesse. Dann aber auch seltsamerweise Herburger, Günter, der weniger durch seine Literatur als vielmehr durch seine irrsinnigen Dauerläufe bekannt wurde. Und noch seltsamerweise Martin Walser, den man ja eher dem bodenseealemannisch fremdländisch Südbadischen zuschlagen würde.

          Deutschlands oberste Schwaben-Versteher

          Im Zentrum der Projektion aber: Thaddäus Troll. Ein rundes, sanftes, mit Gemütsschnauzer bewehrtes väterliches Intellektuellengesicht. Ihm gilt dieser Abend. Troll, der mit bürgerlichem Namen Hans Bayer hieß, geboren im mineralquellengesegneten Bad Cannstatt (gleich hinter Stuttgart), lebte von 1914 bis 1980, dem Jahr, in dem er sich umgebracht hat. Jetzt, vierunddreißig Jahre später, aber immer noch früh genug, lesen ihm ein Regisseur und vier Schauspieler, die an einem mit dunkelgrünem Tuch bespannten Tisch-Katafalk gleich hinter der lichtübersäten Rampe Platz genommen haben, ein Potpourri-Requiem. Eine hohe Messe in Troll-Moll sozusagen. In Zitatschnipseln.

          Die Masse der Publikumshundertschaften im Parkett wirkt wie die silberhaarig und alt gewordene, aber immer noch kulturbegeisterungsfähig gebliebene Messdienerschaft einer linksliberalen Milieu-Liturgie, in der Thaddäus Troll als Hauptprediger (gleich hinter Willy Brandt und Walter Jens) dem Land beziehungsweise dem Ländle die weihespendenden Leviten las. Als Schriftsteller, Feuilletonist, Hörspielautor, Dramenbearbeiter, Schriftstellerverbandsfunktionär, Gedichtlesmacher.

          Heiter bis schwäbisch: Der Schriftsteller Thaddäus Troll (1914 - 1980)

          Vor allem aber als oberster Schwaben-Versteher, -Kritisierer und -Beschreiber. Er schuf mit „Deutschland deine Schwaben“ (1967) das Alte und mit „Preisend mit viel schönen Reden. Deutschland deine Schwaben für Fortgeschrittene“ (1972) das Neue Kritische Testament der schwäbischen Nabelschau-Religion. In Form scharf geschliffener feuilletonistischer Spiegel, die er dem Volksstamme hinhielt.

          Er schrieb über Autos, über Rindfleisch, über Snobs, über Apfelbäume und Laugenbrezeln, über schwäbischen Sex („ein Widerspruch in sich“), widmete sich mundartlich der weiblichen Anatomie („jede Frau hot halt en andera Busa“) und beantwortete die auflagenstarke Frage „Wo kommet denn die kloine Kendla her?“, war als Student Mitglied einer schlagenden Verbindung und leistete als Soldat Dienste in einer Propaganda-Kompanie, die antisemitische Hetzartikel aus dem Warschauer Getto lieferte, schämte sich nach dem Krieg dafür und unterhielt als Theaterkritiker (unter anderem für den „Spiegel“), der viele Zeitungen belieferte, keinen Bauchladen, eher eine Bauchboutique. Kein Feuilletonleser der fünfziger und sechziger Jahre konnte Thaddäus Troll entgehen.

          Treue Anhänger seit 1968

          Vor allem wurde er zu einer Instanz. Eine Art ungeweihtes Ländles-Päpstle im Aufklärungsnegligé des Vielschreibers (und zeitweise auch Vielverdieners), der auf SPD-Parteitagen den Genossen ins kapitalistisch saturierte Gewissen schimpfte, in Gedichten den schwäbischen Gourmets vorhielt, sie fräßen in der „Sonne Post“ in Murrhardt g stopfte Gänseleber - und in Chile („denk dra!“) würden „die Leut“ gefoltert. Aber auch noch seine Bestmenschen-Levitenlesungen kamen im Ton elegant, in der Formulierung schlank daher. Weil er ein unheilbarer Pointen-Snob war, der seine Sprache nicht seiner Gesinnung opferte.

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