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Stuttgart huldigt Thaddäus Troll : Deutschlands beste Gabe, der Schwabe

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Aber er war zugleich ein ebenso unheilbarer Melancholiker, der am Ende seinen Genuss des Lebens und der Sprache und der Abgründe, die sich darin auftun können („du gottsallmächtig’r Lompasiach, i hau di og’spitzt en dr Boda nei, dass se mit d’r Beißzang wiad’r rausziage miassat!“), seinen lebenslangen tiefsitzenden Depressionen opfern musste. Aus denen er aber als publizierender Nabelbeschauer ein grandioses Feuilleton über Wein und Schlaflosigkeit machte, bevor er sich mit Wein und Schlaftabletten umbrachte.

Er gab seinem ums Jahr 1968 herum sich mit den alten und den neuen Welten herumschlagenden halbjungen Publikum: den Halt, alles eigentlich ganz furchtbar finden zu müssen - aber zugleich darauf stolz sein zu dürfen. Deutschland, deine schrecklichen reaktionären, verhockten, verspießerten Schwaben - super in ihrer Widerborstigkeit und poetischen Grobheit! In dieser Dialektik, die sie nährte und tröstete, wurden sie älter. Und sitzen jetzt im Theaterhaus.

Schwelgen im derben Dialekt

An diesem Stuttgarter liturgischen Abend zeigt sich also auch so etwas wie die schwäbische Seele der alten Bundesrepublik im geriatrisch aufgebügelten aufklärerischen Konfirmationsanzügle. Ein demographisches Erweckungserlebnis der rührenden Art. Man lacht sich „kromm ond dibblich“ (vulgo: halbtot) und spendet rasenden Anti-Stuttgart- 21-Gesinnungsbeifall, wenn der Schauspieler Martin Schwab (der nicht nur so heißt, sondern einer ist, was man seinem Tonfall auch in Wiener Burgtheater-Höhen anhört) als „Entaklemmer“ in Trolls schwäbischer Fassung von Molières „Geizigem“ dekretiert: „En Wirtaberg hen mir no nie was Neu’s braucht, au koin neue Bahnhof!“

Und wenn er von seinem Hausknecht, den der schwäbische Regisseur Alfred Kirchner, der den Abend arrangiert, spricht, hören muss: „Wissat Sia, was Sia mi kennat? Sie kennat mia kreuzweis ond überzwerch am Arsch lecka!“, antwortet Schwabs Geiziger im höchstfahrenden Erstaunen: „Soooo! Jetzt willsch’de wohl wied’r bei mir ei’schmeichla!“ Damals wurde das kritisch so verstanden, als habe Troll den großen Molière allerplumpest klein gemacht. Heute, da die dümmsten Klassiker-Zerstückelungen zur Theaterkonvention geworden sind, wirkt Trolls Stückelungversuch von 1977 geradezu witzehrfurchtgebietend.

Wer will schon Hochdeutsch?

Die Weißhäupter im Publikum lachen aufklärungsselig verschämt, wenn die Schauspielerin Maren Kroymann die Trollsche Fassung des Hohenliedes Salomonis vorbibbert („O Mädle, dei Mäule macht mi g’lüschtig! deine zwoi Herzer send wie zwoi Rehla, die an Rosa’stöck knabberet!“). Man genießt es, wenn der mit dem Schwäbischen hörbar phonetisch hadernde Schauspieler Peter Sattmann, der zu Peymanns Zeiten ein wunderbarer Stuttgarter Bühnenakteur war, aber in der Zwischenzeit sich sein Rollenfutter im Fernseh-Fastfood-Spielfilm-Milieu zusammenschlabbert, eine Explosion der „Sätze mit H“ („Ha no!“) hinlegt.

Oder wenn Alfred Kirchner ein postkoitale Tristesse auf Schwäbisch („Sodale, jetzt gang i hoim! Was heulsch denn, du domma Kuh!“) ausmalt. Oder wenn die Schauspielerin Franziska Walser zarteste Trollsche Liebeslyrik unter griechischer Sonne aufblühen lässt („wenn du mi agucksch mit deine Kohlaauga“). Oder wenn alle zusammen die erotischen bett- und backtechnischen Lust-Fährnisse eines potenten schwäbischen Bäckergesellen durcheinanderschlingen wie eine Laugenbrezel, die dieser Geselle nach einer Liebesnacht erfand, in der sich die Arme seiner orientalischen Liebsten („d’Zigeunere“) genau in Brezelform um seinen Rücken schlangen. Und unschlagbar die im Quintett wortmusizierte Kantate aus Trolls „Schwäbischem Schimpfwortkalender“ (vom „Allmachtsdackel“ bis zum „Lompaseckel“).

Das Requiem ward dergestalt aber auch zu einer sozusagen nachgereichten Aktualisierung Trolls. Denn irgendwann fing er an, aus der Zeit zu fallen. Man lachte nicht mehr so sehr mit ihm. Man lächelte über ihn. Denn er schrieb ja ganz aus seiner Lebenswelt heraus. Während um in herum alle (die meisten) aus ihrer Theoriewelt oder auch Kunstwelt heraus schrieben. Heute, da alle (die meisten) wieder fast nur noch aus ihrer Lebenswelt heraus schreiben, wäre Thaddäus Troll wieder: ein Zeitgenosse. Oder um es mit Hegel zusagen: So isch’s no ao wiad’r!

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