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Uraufführung in Frankfurt : An ihren Hinterteilen sollt ihr sie erkennen

Grotesk, digital, zukunftsskeptisch: Pat to Yans „Eine posthumane Geschichte“, uraufgeführt im Rahmen der „Frankfurter Positionen“ Bild: Robert Schittko

Eine groteske Dystopie aus dem digitalen Reich der Mitte: Pat Yans „Eine posthumane Geschichte“, vom Schauspiel Frankfurt filmisch uraufgeführt.

          3 Min.

          Es wird der Moment kommen, in dem der Mensch zum Auslaufmodell wird. Das wird dann der Fall sein, wenn sich autoritäre Regime und die Tech-Monopole zusammenfinden und mit Künstlicher Intelligenz und Gentechnik den Menschen ersetzbar machen. Und China ist das Land, in dem solche Tendenzen schon jetzt absehbar sind. So beschreibt es der Autor Pat To Yan, der sich in seiner Digitalisierungsdystopie „Eine posthumane Geschichte“ mit der Ethik in einer Welt von Cyborgs, Genmanipulation und Künstlicher Intelligenz auseinandersetzt. Jetzt hat Jessica Glause im Rahmen des Festivals „Frankfurter Positionen“ die Uraufführung des Stücks am Schauspiel Frankfurt in Szene gesetzt.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Die Hauptfiguren Frank, gespielt von André Meyer, und seine Frau Jane, dargestellt von Agnes Kammerer, sind Sozialaufsteiger. Beide leben im „Land der Isolation“, einer Nation der Freiheit, der die Digitalisierung neue Wirtschaftszweige beschert hat. Frank spielt mit emotionslosem Blick und unterkühlter Mimik als Drohnenpilot um Leben und Tod. „Aus dem Homeoffice“ kämpft er mit seinen Kampfflugzeugen gegen das Land „Mitte ohne Ende“, eine brutale kommunistische Diktatur, die Umerziehungslager betreibt und das Volk mit Überwachungstechnologie unterjocht. Als das Paar ein Kind bekommt, bombardiert Frank in der Aufregung versehentlich ein Umerziehungslager, das er eigentlich befreien sollte. Daraufhin erfüllt sich eine kantonesische Prophezeiung: „Wenn du etwas Schlimmes tust, kommt dein Sohn ohne Gesäß zur Welt.“

          In Pat To Yans grotesker dystopischer Welt ist das jedoch kein Makel. Anders, so der Name des Kindes, erhält einen Cyberpo, der ein Eigenleben entwickelt. Das künstliche Gesäß beschert ihm eine sich rasend schnell entwickelnde Intelligenz, doch lässt es den Jungen im selben Tempo altern: „in einem halben Jahr um zehn Jahre“. Der Sohn, gespielt von Uwe Zerwer, ist ein Übermensch, der vergreist. Um Anders vor dem baldigen Tod zu retten, begibt sich Frank in die Realität, das Kriegsgebiet. Er will die Folgen seiner Tat erfahren und um Vergebung bitten, während Jane in einer KI-Firma anheuert. Von da aus entwickeln sich vier Erzählstränge, von der Ethik der Gentechnik bis zum Menschsein in einer digitalen Diktatur.

          Der Säugling mit dem Cyberpo

          Das Bühnenbild ist so „clean“ wie die Technologie, die Yan beschreibt. Weiße, skulptural angeordnete Neonröhren bescheinen die Protagonisten. Hologramme tauchen auf. Und wie bei einer Augmented-Reality-Brille werden Informationen eingeblendet. Alle Figuren bewegen sich roboterhaft und sind in Latexanzüge gekleidet. Manche Szenen sind wie Performances angelegt, etwa die Monologe des janusköpfigen „Mannes, der das Geisterkind füttert“, des Schreckensherrschers oder eine Diskussion zwischen Anders und einem Gentechniker über die Manipulation von Menschen. Man fühlt sich an Oskar Schlemmers „Triadisches Ballett“ erinnert. „Jeder will glücklich sein“ ist das Mantra in der schönen neuen Digitalwelt.

          Yan skizziert ein Zeitalter, in dem Körper und Gedanken durch Algorithmen ersetzt werden. In Franks surrealer Odyssee durch den Krieg wird der Einfluss von Murakamis magischem Realismus deutlich, an dem Pat To Yan sich orientiert. Auch Elemente der chinesischen Literatur prägen die Inszenierung, wie die Rolle der Knochenfrau, einer Sagenfigur, die für Vergänglichkeit steht. Die Figur des „Mannes, der das Geisterkind füttert“ ist hingegen an den Politiker Junius Ho angelehnt, einen Hongkonger Apparatschik, der 2019 für den Angriff auf friedliche Demonstranten durch Schlägertrupps verantwortlich war. Im Stück putscht er sich zum Vorsitzenden des Zentralkomitees und will mit Hilfe einer KI das Monopol über Geschichten erlangen, die das Volk manipulieren und damit seinen Machtanspruch sichern sollen. Ein Unternehmen aus dem „Land der Isolation“ verkauft ihm diese Technologie. Yans Zukunftsvision ist voller Anspielungen und skurrilem Galgenhumor. Der finale Kampf zwischen Gut und Böse wird als „Yu-Gi-Oh“-Kartenspiel inszeniert. Das ausgehungerte Volk bettelt um „Bubble Tea und Shopping Malls“.

          KI ist auf dem Vormarsch 

          Ein scharfer Blick für die Heuchelei und Ungerechtigkeiten der Digitalmoderne haben Yan zu einem der gefragtesten Theaterautoren Asiens werden lassen. Seine „Kurze Chronik des künftigen Chinas“ wurde 2016 als erstes Theaterstück aus China zum Berliner Stückemarkt eingeladen. Der 1975 geborene Hongkonger erlebte die Umbrüche der Millionenmetropole und die autoritären Tendenzen am eigenen Leib: Am Wochenende beteiligte er sich an den Protesten gegen die autokratische Stadtverwaltung, unter der Woche schrieb er in einer Bibliothek an seinem Stück. Seine Enttäuschung über die Machtlosigkeit der Demokratiebewegung schilderte er mehrfach in Interviews.

          Auch die Frankfurter Inszenierung legt einen wenig hoffnungsvollen Schluss nahe: Das Rad der Transformation lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Künstliche Intelligenz wird unser Leben prägen, es ist nur die Frage, wie ethisch damit umgegangen werden kann. Yans Parabel macht vor allem eins deutlich: Das chinesische Modell, die Verknüpfung von Autoritarismus und technischer Entmenschlichung, ist ein denkbar schlechter Weg.

          Eine posthumane Geschichte, bis 31. Mai auf dem Digital-Kanal des Schauspiels Frankfurt verfügbar.

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