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Deutsche Orchester : Je besser die Posten, desto weniger Frauen

Der Frauenanteil an den Hornistenstellen in Deutschland liegt bei 22 Prozent. Probenfoto der deutschen Philharmonie Merck Bild: dpa

Die erste Datenerhebung bei allen 129 deutschen Orchestern fördert zutage: Frauen werden bei Spitzenjobs systematisch benachteiligt. Besonders die Kinderbetreuung für vollberufstätige Musikerinnen muss sich ändern.

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          Es geht voran, wenn auch langsam. Noch 1960 lag der Anteil von Frauen in deutschen Symphonieorchestern bei jämmerlichen drei Prozent, bis 1970 war er auf gut vier Prozent gestiegen. Dass von den knapp 9900 Beschäftigten in den deutschen Kulturorchestern bereits 39,6 Prozent Frauen sind, bedeutet eine Verzehnfachung des Anteils in einem halben Jahrhundert. Doch Christian Ahrens hatte schon vor geraumer Zeit genauer auf die Zahlen geschaut und festgestellt: Wenn die Frauen im Orchester spielen, dann überwiegend in der Regionalliga.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Eine neue Studie des Musikinformationszentrums, in Kooperation mit dem Deutschen Musikrat, dem Deutschen Bühnenverein und der Deutschen Orchestervereinigung entstanden, belegt die Befunde von Ahrens jetzt durch die erste Vollerhebung bei allen 129 Orchestern. Sie wurde von Stephan Schulmeistrat und Timo Varelmann gestern in einer Online-Pressekonferenz vorgestellt und ist auf www.miz.org einsehbar.

          Die Kernaussage: Je höher die Dienstposition, je besser bezahlt die Stelle, desto geringer fällt der Frauenanteil aus. Während die Pulte bei den Streichinstrumenten mit 49,6 Prozent nahezu paritätisch besetzt sind, bleiben von den Führungspositionen der Konzertmeister weniger als ein Drittel in Frauenhänden. Spezifiziert man die Dienstpositionen noch einmal nach Tarifgruppen der Orchester, so muss man feststellen, dass der Anteil von Frauen auf höheren Dienstpositionen wie Konzertmeister, Stimmführer, Bläsersolist nur noch bei 21,9 Prozent liegt. Das heißt: Der durchschnittliche Frauenanteil in deutschen Orchestern halbiert sich geradezu, je stärker die Position künstlerisch exponiert und je besser bezahlt sie ist.

          Unter 45 Jahren wächst der Frauenanteil

          Insgesamt ist nur jedes zehnte Orchester in Deutschland paritätisch besetzt; bei sieben Orchestern überwiegen immerhin die Frauen. Ein neuer Ost-West-Gegensatz zeichnet sich auch hier ab: Während im Osten der Frauenanteil mit 36,7 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt liegt, kommt der Westen mit 41 Prozent knapp darüber. Die Langzeitperspektive auf das Problem lässt sich an der Altersverteilung ablesen. Bei Musikern unter 45 Jahren ist die Gleichstellung der Geschlechter annähernd erreicht, darüber kippt sie um in ein Übergewicht von zwei Drittel Männern zu einem Drittel Frauen.

          Die Gründe für diese Zahlen sind vielfältig. Zum einen verfolgen Männer nach wie vor eine stärker wirtschaftlich orientierte Karriereplanung als Frauen, für die das städtische Umfeld und dessen Familientauglichkeit oft eine größere Rolle spielt. Kinderbetreuungsangebote sind immer noch unzureichend auf die Arbeitszeiten am Abend und am Wochenende abgestimmt, weshalb – so merkte es Christine Christianus an, die Frauenbeauftragte des Staatsorchesters Saarbrücken – zwei Drittel aller Mütter in Teilzeit arbeiteten. Das habe auch Gehaltseinbußen und Rentenminderungen zur Folge. Da Frauen sich immer noch stärker als Männer für Kinder und Familie verantwortlich fühlten, kollidiere diese Beanspruchung häufig mit der starken Reisetätigkeit von Spitzenorchestern. Zum anderen sei, so viele Erfahrungsberichte, Diskriminierung im Alltag nicht verschwunden. Frauen würden in manchen Orchestern nicht gern gesehen – bei den Bayreuther Festspielen liegt ihr Anteil bei mageren vierzehn Prozent – oder bei der Bewerbung auf Solopositionen aussortiert.

          Gleichzeitig mit der Studie des Musikinformationszentrums veröffentlichte  Musica Femina München gemeinsam mit dem Archiv Frau und Musik eine Untersuchung, wonach in Deutschland nur acht Prozent der Führungspositionen bei Generalmusikdirektionen und Intendanzen von Frauen besetzt seien. Im Bundesdurchschnitt läge der Anteil bei 27 Prozent. Nicht einmal zwei Prozent der aufgeführten Musik in Abonnement-Reihen stamme von Frauen. Der Anteil von Dirigentinnen in den Abo-Reihen der Orchester mache in Deutschland sieben Prozent aus.

          Bei der Pressekonferenz des Deutschen Musikrates war man sich am Dienstag uneins, ob Quotierungen wirklich eine Wende bringen könnten. Auf jeden Fall braucht es starke Rollenvorbilder von Frauen auch in Spitzenpositionen, aber ebenso von Männern, die länger in Elternteilzeit gehen, ohne Angst haben zu müssen, ihren Posten zu verlieren.

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