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Strindberg und Berg in Berlin : Als Heldin gesprungen, als Heimchen gelandet

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Fräulein Julie schwingt die Peitsche: Judith Rosmair in Strindbergs Emanzipationsdrama am Berliner Renaissance-Theater Bild: Barbara Braun/ MuTphoto

So hatten sie nicht gewettet: Strindbergs „Fräulein Julie“ am Renaissance-Theater und Sibylle Bergs neues Frauenstück „Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden“ am Maxim Gorki Theater in Berlin.

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          Obwohl heute überall getönt wird, dass Frauen endlich die gleichen Rechte wie Männer haben müssten, ist diese Forderung längst nicht durchgesetzt. Das findet und zeigt so wortmächtig wie effektvoll, so wütend wie lakonisch auch Sibylle Berg in ihrem neuen Stück „Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden“, das jetzt am Berliner Maxim Gorki Theater uraufgeführt wurde. Was passierte, wenn sich eine Frau ihre Freiheit einfach nahm, wozu sie sogar als reiche Tochter aus adeligem Hause nicht befugt war, erzählte bereits August Strindberg in „Fräulein Julie“, uraufgeführt 1889 in Kopenhagen und nun am Berliner Renaissance-Theater zu sehen. Beide Werke haben einen utopischen emanzipatorischen Kern und beziehen viel von ihrer dramatischen Dynamik aus der Vorstellung, die Machtverhältnisse würden sich umkehren und Frauen daheim wie im beruflichen Bereich den Ton angeben. Und beide enden schlecht und vermutlich mit dem Tod der weiblichen Hauptfiguren.

          Vier Stücke hat Sibylle Berg bislang für das Maxim Gorki Theater geschrieben und immer – auch diesmal – war Sebastian Nübling der Regisseur. Auf die von Magda Willi entworfene Bühne mit einer silbern verbeulten Rückwand und ein paar senkrecht aufgestellten Leuchtstäben kommen zu Anfang vier äußerlich fast nicht zu unterscheidende Schauspielerinnen. Sie haben mittellange braune Haare, große Brillen, tragen gestreifte Bademäntel zu weißen Sportschuhen und verteilen sich mit Abstand nebeneinander. Jede hat ein Keyboard auf einem Stehpult vor sich und sorgt damit zwischendurch für musikalische Akzente. Oft klingen ihre akustischen Sound-Cluster wie bei einem Notfall auf der Intensivstation, wenn die Apparate schrille Alarmzeichen piepsen.

          Aus Rache an der Gesellschaft

          Im Chor werden die vier zu einer nicht mehr ganz jungen Frau mit verbrauchten Idealen, die extrem enttäuscht ist, weil es ihr nicht gelungen ist, die Welt zu retten. Im Gegenteil, alles ist noch schlimmer geworden, inklusive ihrer inzwischen verspießerten Jugendfreundinnen. Ob sie wirklich aus Rache an der Gesellschaft einen Sprengsatz in einer Versammlung „marktliberaler Idioten“ gezündet hat, bleibt offen. Jedenfalls liegt diese Frau, die von Anastasia Gubareva, Svenja Liesau, Vidina Popov sowie Katja Riemann als Gaststar kunstvoll aufgefächert wird, im Krankenhaus – vielleicht wegen Krebs, vielleicht als Opfer des von ihr selbst begangenen Attentats. Zornig, bitter und unsentimental denkt sie bei Sibylle Berg an ihr Leben zurück, und so entfaltet sie sich auch als kollektives Ich in der zupackenden, glasklaren Inszenierung von Sebastian Nübling. Kraftvoll und souverän reflektieren die Darstellerinnen über Geld und Gesundheitswesen, über Gefühle und geschlechtsspezifische Diskriminierung. Und darüber, wer im Akutfall entscheidet, welcher Mensch – Stichwort Triage respektive Selektion – medizinisch gerettet wird: der aufstrebende Jungmanager oder die mangelhaft versicherte ältere Arbeitslose?

          Amüsante Choreographien lockern die raffiniert gestaffelte Polyphonie auf, es gibt alberne Momente wie zwischen Kindern, die sich necken, und eine witzige Saufnummer, in die Svenja Liesau das Publikum miteinbezieht, ehe sie von der Bühne plumpst. Hoffnungen enthält der neunzigminütige Abend trotz Hopsasa und Trallala keine, nur eine verzweifelte Erinnerung an die Pubertät und an ein geliebtes Lied von damals, zu dem jetzt alle euphorisch herumhüpfen und dabei wissen, dass selbst der beste Song irgendwann zu Ende geht. Diese private wie allgemeine Abrechnung ist voller „unendlicher Traurigkeit“, aber beschwingt und sinnlich und schön zum Ausdruck ge-bracht: famoses Theater mit existentiellem Dringlichkeitsfaktor.

          Die Peitsche für den Verlobten

          Von Hoffnung ist auch keine Spur in August Strindbergs Tragödie „Fräulein Julie“, obwohl sie in der Mittsommernacht stattfindet, wenn die Trolle ihren Schabernack treiben und nichts verboten scheint. Julie tanzt da unstandesgemäß mit den einfachen Leuten, trinkt Bier, flirtet heftig mit dem feschen Diener Jean. Der ist nicht abgeneigt, ohne zu vergessen, dass die Affäre den Klassengegensatz zwischen ihnen nicht auflösen wird. Wer ist stärker? Das ist die Frage, die diese zwei emotional tatsächlich verbindet. Im Renaissance-Theater hat Judith Rosmair immer wieder eine lange Peitsche in der Hand, was ihrem einstigen Verlobten nicht gefiel, er verließ sie. Jean will sich von ihr ebenso wenig wie ein Tier dressieren lassen. Dennoch zeigt Dominique Horwitz mit fluider Attitüde, dass der Diener dem Sadomaso-Gebaren durchaus etwas abgewinnen kann. Frau und Mann sind einander in der eleganten, mathematisch kühlen Inszenierung von Torsten Fischer so nahe wie fern, so ausgeliefert wie überdrüssig. In zwei weiße Wände sind überhohe Türen eingebaut, vor denen ein Sims verläuft, den man nur erreicht, wenn man sich mit viel Kraft emporschwingt (Ausstattung: Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos).

          Der Aufstieg, nach dem sich Jean zutiefst sehnt, ist nicht gerade leicht. „Die spinnt!“, sagt er in einer Mischung aus Bewunderung und Verachtung über das Fräulein, das seinen sozialen Status nicht genießt, weil der sie angeblich einengt. Ob im ärmellosen Paillettenkleid oder im kleinen Schwarzen, Judith Rosmair schickt ihre Julie stets mit stählerner Zartheit auf einen gefährlichen Laufsteg zwischen Emanzipation und Deformation. Herkunft wie Entwicklung haben sie und Jean zu triebhaften Monstern gemacht. Um die Freiheit zu erlangen, träumt der Diener von einem eigenen Hotel in der Schweiz, die höhere Tochter hingegen davon, ganz sie selbst zu sein.

          In der suggestiven Lichtgestaltung von Gerd Littau geraten sie oft in den vergrößerten Schatten des anderen oder werden zu stummfilmhaft herausgeleuchteten Marionetten ihres deregulierten Begehrens. Obwohl Julie eine Pistole in der Handtasche hat, wird sie sich, anders als bei Strindberg, nicht umbringen. Wie ein kaltblütiges Gangsterpärchen posiert das wunderbar intensive und hochgradig fesselnde Duo schließlich lässig mit dunklen Sonnenbrillen, als käme schon die Fluchtlimousine angerauscht – doch werden sie hier bestimmt nie wegkommen, sondern ewig ihre düsteren Spiele zelebrieren. Und Fräulein Julie, die Gleichberechtigung wollte, muss darauf noch eine Weile warten – bis die Zeit und auch sie dafür reif sein werden.

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