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Stockhausen in München : Ein großer Wurf, noch immer

  • -Aktualisiert am

Das sieht man nicht alle Tage: Der Pianist Pierre-Laurent Aimard am Schlagzeug - gleich wird er schmunzeln. Bild: Astrid Ackermann

Er gilt als einer der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts: Karlheinz Stockhausen. Nun zeigt die Musica viva in München, wie erfrischend und humorvoll sein Werk ist.

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          Neue Musik gilt als bierernste Angelegenheit, und ein hartnäckiges Gerücht besagt, dass in den Konzerten Lachverbot herrsche. Gelacht werde nur in Momenten von unfreiwilliger Komik. Dass ausgerechnet die Musik von Karlheinz Stockhausen ein Humorpotential jenseits von peinlichen szenischen Einfällen enthalten könnte, war bisher kaum vorstellbar. Doch genau das war eine der vielen überraschenden Erfahrungen, die man nun beim fünftägigen Stockhausen-Festival im Rahmen der Münchner Musica-viva-Konzertreihe machen konnte. Ermöglicht wurde es durch Pierre-Laurent Aimard und Tamara Stefanovich, die das Klavierduo „Mantra“ von 1970 so leicht, so akkurat und mit so viel diskretem Witz beim Einsatz der kleinen perkussiven Zusatzinstrumente spielten, dass die der Musik innewohnende Theatralik einige Male raunende Heiterkeit im Publikum hervorrief. Das seriell konstruierte, durch den Einsatz der Elektronik in allen Farben funkelnde Werk erwies sich als imaginäres Konversationsstück von hohem Unterhaltungswert.

          Die Aufführung von „Mantra“ war Ziel- und Höhepunkt von drei Konzerten mit der Klaviermusik von Stockhausen. Vorangegangen waren die Klavierstücke aus den fünfziger Jahren, die Aimard, ein zweieinhalb Jahrzehnte altes Vorhaben verwirklichend, nun zum ersten Mal in ihrer Gesamtheit spielte. Von den ersten vier Stücken, die in konzentrierter, noch etwas steifer Form die Möglichkeiten seriellen Komponierens erforschen, spannte sich ein imposanter Bogen bis zu den letzten beiden Stücken X und XI, in denen eine neue Stufe der Virtuosität gezündet wird und sich der Pianistik nie gekannte Ausdrucksdimensionen erschließen.

          Es heißt oft, serielle Musik sei kalt, unpersönlich und sperre alle Sinnlichkeit aus. Aimard bewies das Gegenteil. Ohne die Klarheit der Struktur zu vernachlässigen, verlieh er den Stücken vor allem in klangfarblicher Hinsicht ein individuelles Profil und passte diese Musik, die ursprünglich in kleinen Räumen und Aufnahmestudios zu Hause war, gekonnt der Konzertsaalakustik an, durch eine diskrete Mikrophonierung unterstützt.

          Von esoterischen Gefilden keine Spur

          Kontrastiert wurden die Klavierstücke durch zwei Werke aus den späten fünfziger Jahren: „Zyklus“ für einen Schlagzeuger sowie „Kontakte“ für Klavier, Schlagzeug und Tonband, die mit Pierre-Laurent Aimard, Dirk Rothbrust am Schlagzeug und dem Komponisten Marco Stroppa als sensiblem Klangregisseur zu einer monumentalen, raumfüllenden Klangskulptur gerieten. Mit seiner Verschmelzung von minutiöser Detailarbeit und mächtig ausgreifender Geste besitzt das Stück auch heute noch alle Merkmale eines großen Wurfs und lässt vieles, was gegenwärtig auf dem Gebiet der Computermusik fabriziert wird, alt aussehen.

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