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Stockhausen in München : Ein großer Wurf, noch immer

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Das war indessen nur die Hälfte des von Winrich Hopp, einem profunden Stockhausen-Kenner, mit strategischem Kalkül geschnürten Programm-Pakets. Die andere war der Tonbandkomposition „Hymnen“ gewidmet. Die beiden Schwerpunkte im Schaffen Stockhausens liegen zeitlich rund ein Jahrzehnt auseinander und lassen etwas von der Weite der Gedanken erkennen, aus denen sich von den siebziger Jahren an sein spekulatives Lebensprojekt „Licht“ entwickeln sollte. Schon in den „Hymnen“ zeigt er sich als Visionär, wenn er mit musikalischen Mitteln das Bild einer Menschheit entwirft, die ihre Konflikte überwinden und zu einer globalen Gemeinschaft zusammenwachsen sollte, in der alle Rassen und Nationen friedlich zusammenleben. „Pluramon“ heißt sein Losungswort für diesen Zustand, und die Mosaiksteine, aus denen er sein musikalisches Gleichnis zusammensetzt, sind Bruchstücke von Nationalhymnen, die er akribisch miteinander verknüpft, überlagert, elektronisch transformiert und verfremdet.

Das Werk umfasst vier als „Regionen“ bezeichnete Teile und existiert in mehreren Fassungen. Die zweistündige Komposition, die ausschließlich ein Tonband mit vier Kanalspuren verwendet, geriet im Nachtkonzert mit Kathinka Pasveer am Regiepult zu einer faszinierenden Reise durch Zeit und Raum, wobei die Lebendigkeit der Klänge das Hören jederzeit wachhielt - von dem bei Stockhausen gelegentlich diagnostizierten Abgleiten in esoterische Gefilde keine Spur.

Neue Grammatik des Hörens

Nach dieser Erfahrung hörte man - mit ganz anderen Ohren - dasselbe Stück in der Fassung mit Orchester, 1971 in New York uraufgeführt, der Stockhausen die dritte „Hymnen“-Region zugrunde gelegt hatte. Tonband und Orchester verschmolzen zu einer vielfarbigen, dramaturgisch raffiniert gestalteten Klangerzählung. Die Hörsituation im Münchner Herkulessaal war optimal, dank der Vierkanal-Aussteuerung durch den mit dem Stück eng vertrauten Klangregisseur Paul Jeukendrup, aber vor allem dank dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das unter der Leitung von Peter Eötvös mit Hingabe musizierte.

Eötvös, der die „Hymnen“ seit ihrer Entstehung kennt und sie schon Dutzende Male dirigiert hat, animierte das Orchester zu einem facettenreichen, opulenten Vollklang, der auch der „Alpensinfonie“ von Richard Strauss gut angestanden hätte. Wer wollte, konnte das gleich viermal erleben. Das Stück wurde nämlich zweimal gespielt, getrennt durch Aimards Wiedergabe des Klavierstücks IX, und das ganze Konzert zwei Tage später wiederholt; der lebhafte Publikumszuspruch honorierte das Wagnis. Dazu kam, als Schaufenster eines begleitenden Education-Projekts, eine Matinee mit dem Bayerischen Landesjugendorchester, das das Werk mit respektablem Erfolg ein fünftes Mal zu Gehör brachte.

Stockhausen, ein dröger Reihentöneabzähler? Gründlicher als an diesen fünf Konzerttagen kann das Klischee nicht widerlegt werden. In beispielhaften Interpretationen begegnete man einem Komponisten, der die Erforschung neuer Technologien mit einer neuen Grammatik des Hörens zu verbinden wusste und dabei aus einem Überschuss an musikalischer Phantasie schöpfte. Werke wie „Kontakte“, „Mantra“ und „Hymnen“ sind inzwischen ein halbes Jahrhundert alt und haben mit ihrer vollkommenen Synthese von Elektronik und reinem Instrumentalklang schon fast Klassikerstatus erreicht. Gut möglich, dass man in ihnen eines Tages die Blaupause für eine Musik der Zukunft entdecken wird.

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