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Deutsche Schauspielschulen : Wer zum Theater will, muss hier durch

Im Schatten szenischer Fingerzeige: Ein Schauspielschüler der Münchner Falckenbergschule und sein Lehrer. Bild: Müller, Andreas

Fünfhundert bewerben sich. Zehn kommen rein. Pro Jahr. Deutsche Schauspielschulen sind begehrt und überlaufen. Doch was lehren sie? Was taugen sie? Ein Streifzug durch drei typische Akademien.

          6 Min.

          Mönchische Stille liegt über der Frühsommeridylle. Im sonnendurchfluteten Saal des historischen Hauptgebäudes der Akademie für Darstellende Künste im schwäbischen Ludwigsburg nördlich von Stuttgart kauert eine jugendliche Frühstücksgesellschaft in asiatischer Anmutung am Boden und lädt die Dazukommenden per Handzeichen ein, ebenfalls Platz zu nehmen. Auf pantomimische Bitten lassen freundliche Hände Semmel, Käse, Nutella, Kaffee, Obst kreisen. Dies sind die „Ersties“, wie man hier die Schauspielstudienanfänger nennt, die sich mit ihrem Mentor Martin Maria Blau aufs Tagwerk einstimmen.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die zehn Eleven haben das schweißtreibende Körpertraining, bei dem mittels eines echten Skeletts im Ballettsaal auch Gesetze der Biomechanik studiert werden, an diesem Morgen hinter sich. Die Übung in gemeinschaftlichem Sprachverzicht, erdacht vom Regisseur und Akademiegründervater Luc Perceval, ist hier einmal pro Woche für alle Jahrgänge obligatorisch: Sie fördere die Konzentration, beruhige den Atem und helfe, Überflüssiges (also Worte) wegzulassen.

          Nach dreißig Minuten darf man wieder plaudern. Für einen Schauspieler sei es wichtig, dass er den Theatertext nicht zu sich runterziehe, erklärt einer der Nachwuchsdarsteller, die bei der Aufnahmeprüfung aus fünfhundert Bewerbern ausgesiebt wurden. Denn dann kämen nur Sex und Crime heraus. Der Bühnentext sei wie eine unsichtbare Skulptur, die bei jeder Aufführung kinetische Gestalt gewinne, erläutert Akademiedirektor Hans-Jürgen Drescher, der gerade nach München wechselt und dort im Herbst die Leitung der Bayerischen Theaterakademie übernimmt. Der Zwischenraum zwischen Mensch und Text sei die Sphäre, die der Schauspieler schöpferisch gestalte: So werde er zum Mitautor. Der Student sagt es so: Die Worte müssen zu einem kommen, und dabei helfe auch die Schweige-Übung.

          Eigeninitiative fördern

          Die Akademie von Ludwigsburg wurde vor erst sieben Jahren gleichsam auf der grünen Wiese neu errichtet, um der sich ändernden Berufspraxis im Theater entgegenzukommen. Angehende Schauspieler, Regisseure, Dramaturgen werden hier auch aufs Filmgewerbe und die sogenannten Neuen Medien vorbereitet. Mit ihren vollwertigen Bühnenbild- und Kostümwerkstätten inklusive Färbeküche, Tischlerei und des Anschlusses an die benachbarte Filmakademie mit deren Animationsstudios gleicht dieses Etablissement einer pädagogischen Ideal-Provinz, wo man sich mit anthroposophischer Emphase einer individualisierten Didaktik verschrieben hat: Hier lehren nur aktive Schauspieler, Regisseure und Bühnenbildner, es gibt keine festangestellten Professoren - außer dem Direktor, der den Professorentitel stolz mit nach München nimmt.

          Die Hierarchien sind flach, eine Orientierung hin auf einen „Meister“ wird bewusst vermieden. Schauspiel- und Regieschüler unterrichten sozusagen einander im permanenten kollegialen Miteinander. Die Schauspielerin und Regisseurin Christiane Pohle, die eine Klasse betreut, bekennt, sie wolle nicht Wissen abladen, sondern erwarte vom Nachwuchs „eigene Angebote“. Sie genieße es, sich auch auf die Widersprüche der Lernenden einzulassen, und schätze den Zustand „produktiver Überforderung“. Arbeit an der Rolle und dem Dramentext scheint ihr weniger wichtig.

          Proben zum Stück „Romeo und Julia“ an der Otto Falckenbergschule in München.

          Diese südwestdeutsche Hochschule steht bei allem Luxus in Ausstattung und Verfahren ästhetisch „links“. Man legt hier Wert auf eine Kunst, die „den Menschen emanzipieren und die Gesellschaft verändern“ will. Der lehrende Regisseur Thomas Zielinski erzählt von einem Beispiel, das seiner Meinung zu diesem Anspruch passt: Eine begabte Studentin, die mit ihrer alleinstehenden Mutter aufwuchs, sei anfangs verstockt und trübselig gewesen; habe aber dann eine Art Bildungsroman über ihr Schicksal geschrieben, worin sie auf äußerst emotionale Weise von dem frühverstorbenen Vater Abschied nahm (schließlich von der Liebe zu Männern überhaupt). Und daraus sei dann eine „großartige Theateraufführung“ geworden.

          Zehnminütige Miniaturen

          Das Männerkritische und ergo Feministische liegt Zielinskis lehrender Ludwigsburger Regisseurskollegin Sandra Strunz gleich ganz am pädagogisch-politischen Herzen: Die wichtigsten politischen Machthebel und Finanzvermögen lägen unverändert in männlichen Händen. Die ihr anvertraute schauspielende Jugend möchte sie dazu anhalten, diesen Händen auf der Bühne kritisch in die Parade zu fahren.

          An einer anderen renommierten Ausbildungsakademie für Bühnenkunst, der Otto-Falckenberg-Schule in München, ist mehr Bodenständigkeit und Praxisnähe Trumpf. Der stolze Schulneubau liegt im Herzen der Landeshauptstadt, direkt hinter den Kammerspielen und gehört auch institutionell zum Theater. Falckenberg-Studenten kommen gewöhnlich sofort zum Einsatz an einer der besten deutschen Bühnen. Sie werden bei Vorstellungen der städtischen Kammerspiele eingesetzt, aber auch im staatlichen Residenz- Theater gegenüber. Den Theorieunterricht besorgen Dramaturgen des Schauspielhauses. Dazu kommt das obligatorische Einmaleins: Sprech- und Gesangstechnik, Körperarbeit, Improvisation, Tanz. Für Kostüm- und Shakespeare-Stücke will ferner das Bühnenfechten gelernt sein. Auch hier dauert die Ausbildung vier Jahre und kostet nichts für jene circa zehn, die aus alljährlich fünfhundert Bewerbern herausgefiltert werden.

          Und wie das Ludwigsburger so meldet auch das Münchner Haus, dass so gut wie alle ihre Absolventen dann auch an deutschen Stadt- oder Staatstheatern ihr Unter- und Auskommen finden. In München freilich stehen Rollenspiel und -studium im Mittelpunkt. Im dritten Studienjahr zeigen die Jungschauspieler diverse Solo- oder Zweierszenen, jeweils etwa zehn Minuten lang, aus klassischen oder zeitgenössischen Stücken aller Genres. Die Vorstellung auf der Studiobühne unterm Dach zieht sich vom frühen Nachmittag bis zum späten Abend hin.

          Abstandnehmen von sich selbst

          Eine lyrisch begabte Jungmimin gibt die Tochter aus dem Drama „Bauern sterben“ von Franz Xaver Kroetz, einen Monolog mit selbst herbeigeführter Fehlgeburt. Wie ihre Figur, die durch Prostitution ein Taschengeld verdient, sich in eine übermütige Stimmung zu versetzen versucht, plötzlich mit dem Gekreuzigten hadert, als sei er einer ihrer Freier, und dann den roten Fleck auf ihrem Nachthemd tröstet, er habe auf Erden sowieso nichts verpasst, bewegt durch Präsenz und Intensität.

          Ein langer dünner und ein sportlicher Student spielen das sture späte Paar aus Anton Tschechows „Heiratsantrag“ als kerniges Männerballett. Dass die beiden am Ende sogar handgreiflich werden, passt zu ihrem Grundbesitzerzank über Feldergrenzen und Jagdhunde. Das Virtuosenfach Regionalcharakter darf nicht fehlen. Ein Talent aus Sachsen-Anhalt legt eine lumpenproletarische, aber hochdeutsche Schimpftirade von Max Goldt als furchterregenden bayerischen Wutausbruch hin.

          Für die deutsche Bühnennachwuchs-Elite, die den Primat des Dramentextes und der geistigen und gedanklichen Rollendurchdringung hochhält, steht heute die nach Ernst Busch benannte Hochschule für Schauspielkunst in Berlin. Wenn man die lebendige Traditionspflege dort konservativ nennen will, steht sie, dem modischen Kompass der ästhetischen Szene zufolge, „rechts“. Zumal im Westen gibt es Theaterregisseure, die das Arbeiten mit Absolventen der Busch-Schule prinzipiell ablehnen, weil diese „zu viel denken“. Der Rektor der Hochschule, der Soziologe Wolfgang Engler, hält es seinerseits für einen Fehler, wenn im Theater die Subjektivität der kleinen Ichs über die objektiven Möglichkeiten der großen Rollen dominiere, die heute, wie er moniert, „nicht mehr schick“ seien. Dabei gehe Wichtiges verloren. Denn Kunst könne auch ein Abstandnehmen von uns selbst sichtbar machen. Dafür aber seien die Rollen unabdingbar.

          Wie fühlt ihr euch?

          Die Busch-Hochschule residiert im alten Industrieviertel Schöneweide in einem ehemaligen DDR-Betonpalais der späten siebziger Jahre. Durch die verschlossene Tür der Probebühne unmittelbar hinterm Wärterhäuschen dringen sonore Männerstimmen. „Zum Helfer bin ich hier, zum Lügner nicht!“ echauffiert sich der eine. „Wenn du noch einen Schritt gehst, nagl’ ich dich mit deinem eignen Speer auf dieses Eiland!“ ruft der andere drohend. Es läuft dort gerade eine Probe von Heiner Müllers „Philoktet“.

          Nach einer Weile geht die Tür auf, und zwei Jünglinge in erdfarbenen knappen Schürzen, der eine mit Zottelperücke, der andere mit hölzernem Speer in der Hand, springen in die Eingangshalle. Man sieht: Hier hat man noch Mut zum hohen Ton und zum Ernst der Stücke.

          Modetheater sei an dieser Hochschule verpönt, erklärt der Schauspieler Matthias Günther, Professor am Hause, es kämen weder Mikroports zum Einsatz noch die im Theater gängigen Video-Mätzchen. Angehende Schauspieler lernten hier, die Funktion der Figuren zu verstehen. Theater solle ein Denkprozess sein, der auf der Erzählung und Darstellung von Schicksalen beruhe. Günther, selbst ein Absolvent der Busch-Schule, lehnt ein Theater ab, das nichts weiter sei als ein „Selbsterfahrungskindergarten für Erwachsene“. Ans ostdeutsche Theater vor der Wende erinnert er sich mit Wärme: Das sei für Darsteller wie Publikum „das eigentliche Leben gewesen“. Das Theater frage heute oft nur noch: Wie fühlt ihr euch? Er hingegen halte sich lieber an Ernst Busch, dessen programmatische Frage stets gewesen sei: Was finde ich vor?

          Abseits der Gesellschaft

          Was ein deutscher Theaterschauspieler nicht vorfindet, ist ein finanziell lustiges Leben. Der Bühnennormalvertrag schreibt ein Tarifgehalt von monatlich 1650 Euro brutto vor, was ungefähr dem Einkommen einer Krankenschwester oder eines Callcenter-Mitarbeiters entspricht. Kleine Privattheater zahlen oft noch geringere Gagen. Häufig werden auch Verträge für ein bestimmtes Stück oder eine bestimmte Zahl von Vorstellungen geschlossen. Das Durchschnittseinkommen eines Schauspielers liegt nach Auskunft des deutschen Bühnenvereins bei 2500 Euro.

          Dafür sollen die jungen Schauspieler den Zuschauern neue Welten eröffnen und sie im besten Falle auch dorthin mitnehmen. Als eine Art „Freischwimmertest“ veranstaltet die Ludwigsburger Akademie immer eine „Stunde der Wahrheit“, während der ein Schauspielstudent vor Publikum einen mindestens fünfzig Minuten langen schlüssig ablaufenden Soloauftritt hinzulegen hat. Ein Eleve zum Beispiel führt in seiner „Stunde der Wahrheit“ eine schillernde Palette höchst komischer Liebesnöte vor, von schläfrig koitalen Bewegungen über Anrufungen der imaginären Freundin bis zu frustbedingten Fress-Attacken. Einziges Requisit: eine Kistenladung Äpfel, die der Student über den Bühnenboden verstreut hatte, um auf ihnen auszuglitschen, sie zu liebkosen oder wegzustoßen und zu beschimpfen. Den Menschen scheinen hier nicht mehr als seine unmittelbaren Sehnsüchte und Bedürfnisse anzugehen.

          Wogegen die Regie-Abschlussarbeit einer Ludwigsburger Absolventin Schillers „Verschwörung des Fiesco“ gleich in eine Herrentoilette verlegt, wo die Helden zwar höchst talentvoll huren, einander quälen und die Leviten lesen, aber sich um eine Gesellschaft draußen in der Welt nicht kümmern.

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