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Deutsche Schauspielschulen : Wer zum Theater will, muss hier durch

Im Schatten szenischer Fingerzeige: Ein Schauspielschüler der Münchner Falckenbergschule und sein Lehrer. Bild: Müller, Andreas

Fünfhundert bewerben sich. Zehn kommen rein. Pro Jahr. Deutsche Schauspielschulen sind begehrt und überlaufen. Doch was lehren sie? Was taugen sie? Ein Streifzug durch drei typische Akademien.

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          Mönchische Stille liegt über der Frühsommeridylle. Im sonnendurchfluteten Saal des historischen Hauptgebäudes der Akademie für Darstellende Künste im schwäbischen Ludwigsburg nördlich von Stuttgart kauert eine jugendliche Frühstücksgesellschaft in asiatischer Anmutung am Boden und lädt die Dazukommenden per Handzeichen ein, ebenfalls Platz zu nehmen. Auf pantomimische Bitten lassen freundliche Hände Semmel, Käse, Nutella, Kaffee, Obst kreisen. Dies sind die „Ersties“, wie man hier die Schauspielstudienanfänger nennt, die sich mit ihrem Mentor Martin Maria Blau aufs Tagwerk einstimmen.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die zehn Eleven haben das schweißtreibende Körpertraining, bei dem mittels eines echten Skeletts im Ballettsaal auch Gesetze der Biomechanik studiert werden, an diesem Morgen hinter sich. Die Übung in gemeinschaftlichem Sprachverzicht, erdacht vom Regisseur und Akademiegründervater Luc Perceval, ist hier einmal pro Woche für alle Jahrgänge obligatorisch: Sie fördere die Konzentration, beruhige den Atem und helfe, Überflüssiges (also Worte) wegzulassen.

          Nach dreißig Minuten darf man wieder plaudern. Für einen Schauspieler sei es wichtig, dass er den Theatertext nicht zu sich runterziehe, erklärt einer der Nachwuchsdarsteller, die bei der Aufnahmeprüfung aus fünfhundert Bewerbern ausgesiebt wurden. Denn dann kämen nur Sex und Crime heraus. Der Bühnentext sei wie eine unsichtbare Skulptur, die bei jeder Aufführung kinetische Gestalt gewinne, erläutert Akademiedirektor Hans-Jürgen Drescher, der gerade nach München wechselt und dort im Herbst die Leitung der Bayerischen Theaterakademie übernimmt. Der Zwischenraum zwischen Mensch und Text sei die Sphäre, die der Schauspieler schöpferisch gestalte: So werde er zum Mitautor. Der Student sagt es so: Die Worte müssen zu einem kommen, und dabei helfe auch die Schweige-Übung.

          Eigeninitiative fördern

          Die Akademie von Ludwigsburg wurde vor erst sieben Jahren gleichsam auf der grünen Wiese neu errichtet, um der sich ändernden Berufspraxis im Theater entgegenzukommen. Angehende Schauspieler, Regisseure, Dramaturgen werden hier auch aufs Filmgewerbe und die sogenannten Neuen Medien vorbereitet. Mit ihren vollwertigen Bühnenbild- und Kostümwerkstätten inklusive Färbeküche, Tischlerei und des Anschlusses an die benachbarte Filmakademie mit deren Animationsstudios gleicht dieses Etablissement einer pädagogischen Ideal-Provinz, wo man sich mit anthroposophischer Emphase einer individualisierten Didaktik verschrieben hat: Hier lehren nur aktive Schauspieler, Regisseure und Bühnenbildner, es gibt keine festangestellten Professoren - außer dem Direktor, der den Professorentitel stolz mit nach München nimmt.

          Die Hierarchien sind flach, eine Orientierung hin auf einen „Meister“ wird bewusst vermieden. Schauspiel- und Regieschüler unterrichten sozusagen einander im permanenten kollegialen Miteinander. Die Schauspielerin und Regisseurin Christiane Pohle, die eine Klasse betreut, bekennt, sie wolle nicht Wissen abladen, sondern erwarte vom Nachwuchs „eigene Angebote“. Sie genieße es, sich auch auf die Widersprüche der Lernenden einzulassen, und schätze den Zustand „produktiver Überforderung“. Arbeit an der Rolle und dem Dramentext scheint ihr weniger wichtig.

          Proben zum Stück „Romeo und Julia“ an der Otto Falckenbergschule in München.

          Diese südwestdeutsche Hochschule steht bei allem Luxus in Ausstattung und Verfahren ästhetisch „links“. Man legt hier Wert auf eine Kunst, die „den Menschen emanzipieren und die Gesellschaft verändern“ will. Der lehrende Regisseur Thomas Zielinski erzählt von einem Beispiel, das seiner Meinung zu diesem Anspruch passt: Eine begabte Studentin, die mit ihrer alleinstehenden Mutter aufwuchs, sei anfangs verstockt und trübselig gewesen; habe aber dann eine Art Bildungsroman über ihr Schicksal geschrieben, worin sie auf äußerst emotionale Weise von dem frühverstorbenen Vater Abschied nahm (schließlich von der Liebe zu Männern überhaupt). Und daraus sei dann eine „großartige Theateraufführung“ geworden.

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