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Deutsche Schauspielschulen : Wer zum Theater will, muss hier durch

Wie fühlt ihr euch?

Die Busch-Hochschule residiert im alten Industrieviertel Schöneweide in einem ehemaligen DDR-Betonpalais der späten siebziger Jahre. Durch die verschlossene Tür der Probebühne unmittelbar hinterm Wärterhäuschen dringen sonore Männerstimmen. „Zum Helfer bin ich hier, zum Lügner nicht!“ echauffiert sich der eine. „Wenn du noch einen Schritt gehst, nagl’ ich dich mit deinem eignen Speer auf dieses Eiland!“ ruft der andere drohend. Es läuft dort gerade eine Probe von Heiner Müllers „Philoktet“.

Nach einer Weile geht die Tür auf, und zwei Jünglinge in erdfarbenen knappen Schürzen, der eine mit Zottelperücke, der andere mit hölzernem Speer in der Hand, springen in die Eingangshalle. Man sieht: Hier hat man noch Mut zum hohen Ton und zum Ernst der Stücke.

Modetheater sei an dieser Hochschule verpönt, erklärt der Schauspieler Matthias Günther, Professor am Hause, es kämen weder Mikroports zum Einsatz noch die im Theater gängigen Video-Mätzchen. Angehende Schauspieler lernten hier, die Funktion der Figuren zu verstehen. Theater solle ein Denkprozess sein, der auf der Erzählung und Darstellung von Schicksalen beruhe. Günther, selbst ein Absolvent der Busch-Schule, lehnt ein Theater ab, das nichts weiter sei als ein „Selbsterfahrungskindergarten für Erwachsene“. Ans ostdeutsche Theater vor der Wende erinnert er sich mit Wärme: Das sei für Darsteller wie Publikum „das eigentliche Leben gewesen“. Das Theater frage heute oft nur noch: Wie fühlt ihr euch? Er hingegen halte sich lieber an Ernst Busch, dessen programmatische Frage stets gewesen sei: Was finde ich vor?

Abseits der Gesellschaft

Was ein deutscher Theaterschauspieler nicht vorfindet, ist ein finanziell lustiges Leben. Der Bühnennormalvertrag schreibt ein Tarifgehalt von monatlich 1650 Euro brutto vor, was ungefähr dem Einkommen einer Krankenschwester oder eines Callcenter-Mitarbeiters entspricht. Kleine Privattheater zahlen oft noch geringere Gagen. Häufig werden auch Verträge für ein bestimmtes Stück oder eine bestimmte Zahl von Vorstellungen geschlossen. Das Durchschnittseinkommen eines Schauspielers liegt nach Auskunft des deutschen Bühnenvereins bei 2500 Euro.

Dafür sollen die jungen Schauspieler den Zuschauern neue Welten eröffnen und sie im besten Falle auch dorthin mitnehmen. Als eine Art „Freischwimmertest“ veranstaltet die Ludwigsburger Akademie immer eine „Stunde der Wahrheit“, während der ein Schauspielstudent vor Publikum einen mindestens fünfzig Minuten langen schlüssig ablaufenden Soloauftritt hinzulegen hat. Ein Eleve zum Beispiel führt in seiner „Stunde der Wahrheit“ eine schillernde Palette höchst komischer Liebesnöte vor, von schläfrig koitalen Bewegungen über Anrufungen der imaginären Freundin bis zu frustbedingten Fress-Attacken. Einziges Requisit: eine Kistenladung Äpfel, die der Student über den Bühnenboden verstreut hatte, um auf ihnen auszuglitschen, sie zu liebkosen oder wegzustoßen und zu beschimpfen. Den Menschen scheinen hier nicht mehr als seine unmittelbaren Sehnsüchte und Bedürfnisse anzugehen.

Wogegen die Regie-Abschlussarbeit einer Ludwigsburger Absolventin Schillers „Verschwörung des Fiesco“ gleich in eine Herrentoilette verlegt, wo die Helden zwar höchst talentvoll huren, einander quälen und die Leviten lesen, aber sich um eine Gesellschaft draußen in der Welt nicht kümmern.

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