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Deutsche Schauspielschulen : Wer zum Theater will, muss hier durch

Zehnminütige Miniaturen

Das Männerkritische und ergo Feministische liegt Zielinskis lehrender Ludwigsburger Regisseurskollegin Sandra Strunz gleich ganz am pädagogisch-politischen Herzen: Die wichtigsten politischen Machthebel und Finanzvermögen lägen unverändert in männlichen Händen. Die ihr anvertraute schauspielende Jugend möchte sie dazu anhalten, diesen Händen auf der Bühne kritisch in die Parade zu fahren.

An einer anderen renommierten Ausbildungsakademie für Bühnenkunst, der Otto-Falckenberg-Schule in München, ist mehr Bodenständigkeit und Praxisnähe Trumpf. Der stolze Schulneubau liegt im Herzen der Landeshauptstadt, direkt hinter den Kammerspielen und gehört auch institutionell zum Theater. Falckenberg-Studenten kommen gewöhnlich sofort zum Einsatz an einer der besten deutschen Bühnen. Sie werden bei Vorstellungen der städtischen Kammerspiele eingesetzt, aber auch im staatlichen Residenz- Theater gegenüber. Den Theorieunterricht besorgen Dramaturgen des Schauspielhauses. Dazu kommt das obligatorische Einmaleins: Sprech- und Gesangstechnik, Körperarbeit, Improvisation, Tanz. Für Kostüm- und Shakespeare-Stücke will ferner das Bühnenfechten gelernt sein. Auch hier dauert die Ausbildung vier Jahre und kostet nichts für jene circa zehn, die aus alljährlich fünfhundert Bewerbern herausgefiltert werden.

Und wie das Ludwigsburger so meldet auch das Münchner Haus, dass so gut wie alle ihre Absolventen dann auch an deutschen Stadt- oder Staatstheatern ihr Unter- und Auskommen finden. In München freilich stehen Rollenspiel und -studium im Mittelpunkt. Im dritten Studienjahr zeigen die Jungschauspieler diverse Solo- oder Zweierszenen, jeweils etwa zehn Minuten lang, aus klassischen oder zeitgenössischen Stücken aller Genres. Die Vorstellung auf der Studiobühne unterm Dach zieht sich vom frühen Nachmittag bis zum späten Abend hin.

Abstandnehmen von sich selbst

Eine lyrisch begabte Jungmimin gibt die Tochter aus dem Drama „Bauern sterben“ von Franz Xaver Kroetz, einen Monolog mit selbst herbeigeführter Fehlgeburt. Wie ihre Figur, die durch Prostitution ein Taschengeld verdient, sich in eine übermütige Stimmung zu versetzen versucht, plötzlich mit dem Gekreuzigten hadert, als sei er einer ihrer Freier, und dann den roten Fleck auf ihrem Nachthemd tröstet, er habe auf Erden sowieso nichts verpasst, bewegt durch Präsenz und Intensität.

Ein langer dünner und ein sportlicher Student spielen das sture späte Paar aus Anton Tschechows „Heiratsantrag“ als kerniges Männerballett. Dass die beiden am Ende sogar handgreiflich werden, passt zu ihrem Grundbesitzerzank über Feldergrenzen und Jagdhunde. Das Virtuosenfach Regionalcharakter darf nicht fehlen. Ein Talent aus Sachsen-Anhalt legt eine lumpenproletarische, aber hochdeutsche Schimpftirade von Max Goldt als furchterregenden bayerischen Wutausbruch hin.

Für die deutsche Bühnennachwuchs-Elite, die den Primat des Dramentextes und der geistigen und gedanklichen Rollendurchdringung hochhält, steht heute die nach Ernst Busch benannte Hochschule für Schauspielkunst in Berlin. Wenn man die lebendige Traditionspflege dort konservativ nennen will, steht sie, dem modischen Kompass der ästhetischen Szene zufolge, „rechts“. Zumal im Westen gibt es Theaterregisseure, die das Arbeiten mit Absolventen der Busch-Schule prinzipiell ablehnen, weil diese „zu viel denken“. Der Rektor der Hochschule, der Soziologe Wolfgang Engler, hält es seinerseits für einen Fehler, wenn im Theater die Subjektivität der kleinen Ichs über die objektiven Möglichkeiten der großen Rollen dominiere, die heute, wie er moniert, „nicht mehr schick“ seien. Dabei gehe Wichtiges verloren. Denn Kunst könne auch ein Abstandnehmen von uns selbst sichtbar machen. Dafür aber seien die Rollen unabdingbar.

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