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„Stellvertreter“ und „Rommel“ im Theater : Teufel, Papst und General

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Nun, o Unsterblichkeit, bis du ganz mein, weil jetzt gleich die Giftkapsel des Führers kommt: Günther Nickles als Erwin Rommel im Ulmer Theater Bild: Jochen Klenk

Was gehen uns alte deutsche Gespenster an? Eine Theaterspukreise zu Hochhuths „Stellvertreter“ im Münchner Volkstheater und einer „Rommel“- Uraufführung in Ulm.

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          Seltsamer Eindruck, den die zwei Brüder machen. Der eine jünger, Ende zwanzig, der andere älter, Anfang fünfzig. Der jüngere katholisch, glaubt an Gott, der ältere militärisch, glaubt an den Führer. Der jüngere ein römischer Jesuitenpater, der ältere ein deutscher General. Der jüngere heißt Riccardo Fontana SJ und ist die Hauptfigur in Rolf Hochhuths weltberühmtem Machwerk „Der Stellvertreter“ (1963), der ältere heißt Erwin Rommel und ist der weltberühmte Titelheld in „Rommel - Ein deutscher General“, das der Dramaturg Michael Sommer und der Regisseur Stephan Suschke zusammengenäht haben. Riccardo tritt im Münchner Volkstheater auf, Rommel im Theater Ulm.

          Sie gehören zusammen. Auf beiden liegt der Gespensterstaub der Geschichte.

          Beide machen Geschichte zur selben Zeit. Riccardo 1943, als er freiwillig in die Gaskammern von Auschwitz geht. Rommel 1944, als er freiwillig die Giftkapsel schluckt, die der Führer, dessen Lieblingsgeneral er war, ihm aufdrängt. Riccardo und Rommel opfern sich. Riccardo nimmt die Schuld seiner Kirche und seines Papstes Pius XII. stellvertretend auf sich, dem er vorwirft, nichts gegen die Vernichtung des jüdischen Volkes durch die Deutschen unternommen und nicht öffentlich protestiert zu haben: Er glaubt an die absolute Reinheit seiner Idealkirche und seines Idealpapsttums. Als moralischer Instanz. Als habe es nie in zweitausend Jahren eine irrende Kirche gegeben.

          Oliver Mölller als Pius XII. und, im Hintergrund, Pascal Riedel als Jesuitenpater Riccardo Fontana im Münchner „Stellvertreter“

          Rommel nimmt die Schuld der deutschen Führung auf sich, nichts gegen seinen Untergang unternommen zu haben. Er glaubt an die absolute Reinheit und Sauberkeit deutschen Soldatentums und der Armee. Die er verkörpert. Als moralisch-soldatische Instanz. Als habe es nie Verbrechen der Wehrmacht gegeben.

          Zwei Opfer auf deutschen Schreckensaltären

          Riccardo redet wutentbrannte Leitartikel. Rommel redet schlau entbrannte Blankverse, die er Kleists „Prinz von Homburg“ entlehnt hat. Beide haben ihre Teufel zur Seite: Rommel hat Hitler, Riccardo den „Doktor“, der ihm in Auschwitz Gott wegbeweisen will. Zwei Gespenster, jetzt in staubgepuderten porösen Prunkgewändern spukend zu Theatergeisterstunden. Aber immerhin: zwei Opfer - auf deutschen Schreckensaltären.

          Wie aber zelebrieren sie das auf deutschen Bühnen, wo man Opfergänge sonst gar nicht schätzt? In München, wo Christian Stückl, Chef des Volkstheaters und geübter Oberammergauer Passionsspielschnitzer, den Hochhuth in Szene haut, zelebriert der Jesuitenpater zunächst gar nicht. Er studiert. In einer Münchner Bibliothek offenbar, wo alle Hochhuth-Bände ausgeliehen sind, er aber mit seinem theologischen Semesterkumpel an langen, bücherbeladenen Tischen über Schuld und Unschuld von Pius XII. lässig diskutiert.

          Und dann wirft sich Pascal Riedel im modischen T-Shirt und in der stürmisch hochgebürsteten Wuschelfrisur in die Riccardo-Rolle, stößt durch den Gazevorhang und dem päpstlichen Nuntius in Nazi-Berlin kräftig Bescheid, lässt sich vom ektstatisch zuckenden Obersturmführer Gerstein, der sich in die SS, der er die Blausäure für die Gasöfen in Auschwitz liefern muss, eingeschlichen hat, um dem Widerstand zu dienen, über die Verbrechen dort informieren und dazu anstacheln, den Papst zum Protest anzustacheln.

          Aber ach, so vergeblich, dass Riccardo am Ende: „Was kümmert mich der Stellvertreter? Wo bleibt eigentlich der Chef?“ gleich die Gottesfrage stellt. Als habe der Hergott mit einer Art Eingreiftruppe die Öfen von Auschwitz persönlich löschen sollen.

          Am Ende wieder in der Bibliothek

          Der Schauspieler Riedel spielt den Pater als einen völlig ungebremst rasenden, lieben, ehrlichen fundamentalistischen Jungen, dem die Regie auch noch dann sympathetisch übers schweißbedeckte Idealistenantlitz streicht, wenn er in der Kurie dem indolenten Papst und den Kardinälen die Tische knallend umkippt, sich einen großen schwarzen (!) Judenstern auf die nackte Brust malt, zwar im Dauerregen von Auschwitz dem bösen, nihilistischen, menschenvergasenden „Doktor“ nur ein Dauerweinen und Paul Celans „Todesfuge“ mit der „schwarzen Milch der Frühe“ entgegensetzen kann, aber dann halt am Ende - wieder in der Bibliothek landet.

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