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Steinbeck in Hamburg : Flüchtling des Zorns

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Kein Leben eben: Der Hamburger Hausregisseur Luk Perceval treibt seinen Figuren alles aus, bis nur noch Wortfetzen bleiben. Bild: Armin Smailovic

In Regiefesseln: Luk Perceval bringt John Steinbecks Roman „Früchte des Zorns“ in Hamburg auf die Bühne. Aber wo bleibt die Wut?

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          Als John Steinbecks Roman „Früchte des Zorns“ 1939 in Amerika erschien, ging ein wütender Aufschrei durchs Land. Politiker brandmarkten das Buch als „infernalische Ausgeburt eines verwirrten Geistes“, in Schulen und öffentlichen Bibliotheken wurde die „gefährliche Propagandaschrift“ mit einem Bann belegt, es kam sogar zu öffentlichen Bücherverbrennungen. So heftig wurden die verbalen Attacken und Drohungen, dass der Autor sich zur eigenen Sicherheit einen Revolver kaufte. Seine mitreißende Erzählung vom demütigenden Schicksal der Farmerfamilie Joad, die vor Dürre und Wirtschaftskrise fliehen muss, überall vergebens um Arbeit bettelt und nichts als Gemeinheit und Misshandlung erfährt, empfand man in Staat und Landwirtschaft zu Recht als direkten Angriff.

          Das Buch war gefährlich, weil es durch eine besondere Mischung aus sozialkritischen Milieubeschreibungen und alttestamentarischen Pathosformeln in einer Weise agitierte, die weit über jede politische Propaganda hinausging. Hier wurde Unrecht in lyrischem Tonfall beschrieben, hier verbarg die drastische Schilderung des Leidens an sich schon einen flammenden Appell zum Widerstand. Steinbeck selbst hat diese Wirkung in emphatischer Manier mit dem besonderen Realitätsgehalt seiner Prosa in Verbindung gebracht, er habe „versucht ein Buch zu schreiben, so wie Leben gelebt und nicht wie Bücher geschrieben werden“.

          Textfetzen substanzloser Hüllen

          So falsch der Satz heute in unseren konstruktivistisch durchgespülten Ohren auch klingen mag, so eindrucksvoll gerade die Art und Weise, die kompositorische Form der Darstellung erscheint – was und wem um alles in der Welt nützt es, diesen Satz mit großer (theatralischer) Geste zu widerlegen? Welchem höheren Ziel dient es, zu zeigen, dass es hier im Gegenteil nicht ums Leben, das Reale, sondern nur um Signifikanten, die blutleeren Stellvertreter des Wirklichen geht? Luk Perceval bleibt eine Antwort auf diese Frage mehr als schuldig. Er unternimmt in seiner Hamburger Steinbeck-Bearbeitung nicht einmal den Versuch, anzudeuten, warum er alles Leben aus den Figuren heraussaugt und sie zu substanzlosen Hüllen degradiert, die mehr oder weniger teilnahmslos zusammengewischte Textfetzen ans Publikum weitergeben.

          Irgendwann ziehen sie halt die Hose runter: Die Schauspieler Rafael Stachowiak (Onkel Joan), Maria Shulga (Rose) und Nick Monu (Vater Joad).
          Irgendwann ziehen sie halt die Hose runter: Die Schauspieler Rafael Stachowiak (Onkel Joan), Maria Shulga (Rose) und Nick Monu (Vater Joad). : Bild: dpa

          Keiner der sechs Protagonisten, die da für gut anderthalb Stunden auf der leeren Bühne des Thalia Theaters stehen, während aus dem Schnürboden Herbstblätter müde herabrieseln, entwickelt irgendeine Beziehung zum Verhandelten. Da ist nichts, keine Hoffnung auf ein glücklicheres Leben, kein Verzweifeln am Unrecht der Verhältnisse, keine Illusionen, keine Wut. Nicht einmal ein kleines bisschen Gefahr. Stattdessen hängen den Männern die Latzhosen tief in den Kniekehlen, und die Frauen streichen gelangweilt ihr Haar zurück. Am Anfang ruft ein ehemaliger Priester als eine Art widerwilliger Spielleiter Szenenbeschreibungen durch ein Sprachrohr, und alle beginnen auf einmal laut zu trampeln.

          Ein bewusstseinsarmer Antiheld

          Die Reise geht los – soll heißen, zweitausend Meilen gen Westen, nach Kalifornien auf der Route 66. Vater Joad (Nick Monu) klammert sich an seinen mosaischen Wanderstab und summt ab und zu ein paar Evergreens vor sich hin. Onkel John (Rafael Stachowiak) erzählt zweimal denselben Witz und lässt aus lauter Langeweile die Hose runter. Und Tom, dieser Teufelskerl, der angeblich einen Mann erschlagen hat und im Roman bei jeder Gelegenheit als Kämpfer für das Recht der Schwachen auftritt? Hier ist er ein bewusstseinsarmer Antiheld, der die Arme störrisch vor der Brust verschränkt und beteuert, sich keine Sorgen machen zu wollen. Es passiert dann auch wirklich gar nichts mit ihm, er blinzelt phlegmatisch, redet wenig, prügelt sich nicht. Kein Leben eben!

          Bert Luppes  als Jim Casy bläst zum Aufbruch: Endlich bewegt sich mal was.
          Bert Luppes als Jim Casy bläst zum Aufbruch: Endlich bewegt sich mal was. : Bild: dpa

          Nicht einmal den berühmten „Abschieds-Monolog“ darf Kristof Van Boven hier halten, weil es gar keinen Abschied von der Mutter gibt, bis zum Ende alle beziehungslos nebeneinander herumlungern, alles statisch symbolistisch bleibt. Nur Mutter Joad (Marina Galic) macht immer wieder Anstalten, die auferlegten Regiefesseln zu durchbrechen: „Es kommt eine Zeit, wo nicht mehr alles so weh tut“, brüllt sie einmal überraschend sehnsüchtig in den Zuschauerraum. Aber von solch kleinen Funken fängt das Ganze kein Feuer.

          Auf Dekonstruktions-Sparflamme heruntergedimmt

          Bis zum Ende wartet man auf ein wirkliches Erlebnis, einen Moment der Berührung: aber nichts. Nur bleierne, langgezogene Leere. Hier hat es einer wirklich vermocht, die urtümliche Sprengkraft seines Stoffes völlig zu entschärfen. Keine einzige Frage zu stellen, die einen anginge. Nicht, dass man sich eine weitere plakative Spiegelung der „Flüchtlingskrise“ gewünscht hätte, aber zumindest das archetypische Potential der Steinbeckschen Migrationsgeschichte hätte man doch berühren können: was für eine demütigende Erfahrung Flucht bedeutet, wie leicht sie eine entwurzelte Familie auseinanderreißen, jede Lebenskraft versiegen lassen kann und wie schrecklich düster alles wird, wenn sich Hoffnungen, die zu Hause geschürt wurden, in der Fremde als verlorene Illusionen erweisen. Davon und mehr handeln ja die „Früchte des Zorns“.

          Gerade von Hausregisseur Luk Perceval, dem Fährtensucher der archetypischen Grundmuster und dramatischen Ursituationen, der unter anderem schon Dostojewski, Fallada, Grass und zuletzt Zola theatralisch durchleuchtete, hätte man sich in dieser Hinsicht Einfallsreiches erwartet. Stattdessen bekommt man eine von Pathos und Passion genervte Inszenierung vorgesetzt, die eine große epische Erzählung auf spärlichste Dekonstruktions-Sparflamme herunterdimmt. Enttäuschter Applaus. Lange Gesichter. An Steinbecks Revolver denkt an diesem Abend keiner mehr.

          Müde rieselt Herbstlaub auf Nick Monu (Vater Joad), Marina Galic (Mutter Joad), Maria Shulga (Rose), Rafael Stachowiak (Onkel Joan) und Bert Luppes (Jim Casy).
          Müde rieselt Herbstlaub auf Nick Monu (Vater Joad), Marina Galic (Mutter Joad), Maria Shulga (Rose), Rafael Stachowiak (Onkel Joan) und Bert Luppes (Jim Casy). : Bild: dpa

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