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Stabwechsel beim Stuttgarter Musikfest : Das Gewitter ist vorbei, die Schäflein sind im Trockenen

  • -Aktualisiert am

Endlich im Amt: Hans-Christoph Rademann Bild: dpa

Beim Stuttgarter Musikfest gab Helmuth Rilling den Stab an seinen jüngeren Nachfolger Hans-Christoph Rademann ab - Bundespräsident Joachim Gauk assistierte.

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          Am Ende herrschten, trotz Sintflutregens, wieder Sonnenschein und Eintracht im Ländle. Nach Wochen gewittriger Entladungen, in denen die Stuttgarter Musikwelt ein ums andere Mal aus den Fugen zu gehen schien, war dies ein Akt innerer Befriedung: Balsam für die geschundene württembergische Volksseele. Mit dem Bahnhof hatte das, ausnahmsweise, einmal nichts zu tun. Dafür mit einer ähnlich heiklen Baustelle, nämlich der Nachfolge von Helmuth Rilling bei der Bachakademie Stuttgart.

          Rilling hat diese Institution gegründet, er hat sie zweiunddreißig Jahre lang geleitet. Mehr noch: Er hat sie mit seiner Persönlichkeit geprägt, durchdrungen, erleuchtet. Dass der Abschied des mittlerweile Achtzigjährigen, der den Ruf deutscher Kantorentradition in die Welt hinaustrug, dann doch so schmerzhaft werden würde, hat viele überrascht und wohl auch verstört in ihrem bildungsbürgerlichen Harmoniebedürfnis.

          Verantwortungsgefühl für das eigene Lebenswerk

          Am Wochenende, bei den beiden Festkonzerten zur Amtsübergabe an Hans-Christoph Rademann, Rillings Nachfolger, war davon nur noch am Rande die Rede. Um Rilling den Abschied zu versüßen, waren mit dem Bundespräsidenten und dem amtierenden Bundesratspräsidenten die beiden höchsten Würdenträger des Staates zum „Stabwechsel“ in die Liederhalle gekommen - verbunden mit entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen gegen jedwede Art von „Wutbürgern“. Weder Joachim Gauck noch Ministerpräsident Winfried Kretschmann mochten in diesem Rahmen daran erinnern, dass man in Stuttgart zu durchaus unsanften Methoden gegriffen, ja, den offenen Bruch riskiert hatte, um dem zaudernden Rilling die Notwendigkeit und Unumkehrbarkeit seines Abschieds klarzumachen.

          Keine Frage, dass dieses Zaudern, geboren aus Verantwortungsgefühl für das eigene Lebenswerk, menschlich nur verständlich ist. Für die Bachakademie und das Musikfest Stuttgart ist es dennoch ein Segen, dass sich Rillings Vorschläge zur Nachfolgeregelung (die ihm direkten Einfluss wahren sollten) nicht durchgesetzt haben. Mit der Berufung von Rademann, der als Leiter des Dresdner und des Rias-Kammerchores zu den herausragenden jüngeren Barockmusikinterpreten in Deutschland gehört, und mit dem neuen Intendanten Gernot Rehrl, vormals Chef der Berliner Rundfunkorchester und -chöre GmbH, haben beide Institutionen, Bachakademie und Musikfest, jetzt die Chance auf einen Neubeginn, der Bewährtes mit Rücksicht auf die wertkonservativen Gepflogenheiten vor Ort bewahren, aber sicher auch ein paar Zöpfe abschneiden wird.

          Rademann fand für seine künstlerische Arbeit kurz nach der Berufung die schöne Formel: „Historisch informiert - heute interpretiert“. Das lässt sich nicht bloß auf die anstehende Neuausrichtung des Stuttgarter Bach-Stils beziehen, sondern ebenso auf die programmatische Zukunft des Festivals. Mit der Konzertreihe „Sichten auf Bach“ zeigen Rademann und Rehrl, dass sie sich die Bach-Interpretation künftig multiperspektivisch, auch experimentell, in jedem Fall aber pluralistisch wünschen, weniger dagegen als ein musikpriesterliches Hochamt, wie es das für Rilling war. Mit Rilling und Rademann stehen einander nicht bloß zwei Künstlergenerationen gegenüber, sondern - das wurde bei diesem „Stabwechsel“ diplomatisch kaschiert - auch gegensätzliche Kunstanschauungen.

          Für den Älteren ist Bachs Musik aus sich selbst heraus Offenbarung, Erleuchtung, Gottesdienst; der Jüngere hingegen nähert sich ihr bewusster, offener über das Mittel der Interpretation, um zuerst zu künstlerischen Ergebnissen, am Ende vielleicht auch zu geistlicher Erkenntnis zu gelangen. Beim Konzert in der Stuttgarter Liederhalle wurde dies auf faszinierende Weise deutlich, als Rilling und Rademann die Ansprachen jeweils mit einer Bach-Kantate umrahmten.

          Lust an dramatischer Zuspitzung

          Leuchtend im Klang, groß, doch nicht monumental, und jederzeit aus dem Wort gezeugt, Rillings berührende Interpretation von „Herz und Mund und Tat und Leben“ (BWV 147), mit dem geradezu leichtfüßig dahinfliegenden Schlusschoral „Jesu bleibet meine Freude“. Karger, dramatischer, emotional erhitzter, Rademanns Lesart von „O ewiges Feuer, o Ursprung der Liebe“ (BWV 34), die geradezu frenetisch in den Chor-Ruf „Friede über Israel!“ mündet, zuvor aber, in der Alt-Arie „Wohl euch, ihr auserwählten Seelen“, gesungen von Anke Vondung, zu tief verinnerlichtem Gebetston findet.

          Rademanns offizielles Antrittskonzert am Sonntag in der Stiftskirche bestätigte den Eindruck. Wohl bewusst gab er seinen Einstand nicht mit Bach, sondern mit Händels Oratorium „Israel in Egypt“ (HWV 54). Die Erzählung vom Exodus des erwählten Volkes aus Ägypten hat Händel fast ausschließlich dem Chor anvertraut. Es gibt keinen Evangelisten, nur wenige Soloarien, und jede Aufführung steht und fällt mit der plastischen Ausführung des Chorparts, der hier Erzähler, Handelnde und Gemeinde in einem ist. Rademann und die sehr klangschön singende Gächinger Kantorei entwickeln ihre fulminante Lesart ganz aus der musikalischen Rhetorik: Jeder Affekt, jeder Stimmungswechsel ist auf den Punkt erfasst.

          Da herrscht eine Lust an dramatischer Zuspitzung, auch an barockem Überschwang, die Händels Verankerung in der Opernmusik deutlich macht. Dann aber setzt Rademann immer wieder Ruhepunkte - wie das entrückte „he led them forth like sheep“, einer von Händels Jahrhunderteinfällen. Und hier schien es dann, als reichten sich Rademanns Gestaltungswille und Rillings Tiefsinn freundschaftlich die Hand. Erleichterter Jubel, Ovationen.

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