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Staatsopern-Festtage Berlin : Mit engelsgleicher Nachsicht

  • -Aktualisiert am

Daniel Barenboim dirigiert das Kinderorchester der Staatsoper Unter den Linden Berlin Bild: Peter Adamik

Festtage in Berlin: Die Kanzlerin herzt Rolando Villazón, Daniel Barenboim dirigiert ein Kinderorchester, Aida Garifullina springt für Anna Netrebko ein.

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          Nimmt man den Lebenslauf von Daniel Barenboim aus dem Programmheft bei den Staatsopern-Festtagen in Berlin, so scheint sich ein Stilwandel anzudeuten. Früher war die Biographie mehrere Seiten lang, jetzt beschränkt sie sich auf zwei Sätze: „Daniel Barenboim wurde 1942 in Buenos Aires geboren. Seit 1992 ist er Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden.“ Ende. Das ist lakonisch bis an den Rand des Philosophischen und wohl der Einsicht entwachsen, in einem Fall wie Barenboim liege in der Kürze die wahre Größe. Er sollte sich wirklich keine Sorgen machen, dass seine vielfältigen Aktivitäten und Verdienste unbemerkt bleiben.

          In Barenboims Biographie reiht sich derweil ein weiteres Debüt ein: sein erster Auftritt mit dem Opernkinderorchester der Staatsoper, das seinerseits bei den Festtagen sein Debütkonzert feierte. Eine der Neuerungen, die Matthias Schulz, seit einem Jahr alleiniger Intendant der Staatsoper, einführte nach dem Vorbild des Mozarteum-Kinderorchesters in Salzburg, das – man konnte sich bei der Mozartwoche im Januar davon überzeugen – von seinem jetzigen Dirigenten Peter Manning in nahezu beängstigender Weise auf exaktes Zusammenspiel getrimmt wird. Neun bis dreizehn Jahre alt sind die Kinder nun in Berlin, erhalten Unterricht an den örtlichen Musikschulen und wurden von Max Renne, der auch den ersten Teil des Auftrittes in der Staatsoper gestaltet, umsichtig zu einem Orchester zusammengebracht. Nimmt man hinzu, dass auch die Berliner Philharmoniker für ihren Familientag im Mai ein Schülerorchester organisieren –, Paavo Järvi wird es leiten – so darf man feststellen, dass es dem Berliner Nachwuchs nicht an Chancen mangelt, von Männern dirigiert zu werden, die ihr Handwerk verstehen. Das ist auch gut so. Wie besser ließe sich die Kluft überbrücken zwischen dem, was die Profis eines Spitzenorchesters so treiben, und dem, was der Alltag in der musikalischen Breitenbildung (soweit überhaupt noch vorhanden) bietet.

          Die Cellogruppe des Kinderorchesters der Staatsoper Unter den Linden Berlin

          In der Staatsoper jedenfalls sieht man leuchtende Kindergesichter, die staunend von der Bühne aus ins nahezu ausverkaufte Haus blicken. Und man erlebt einen Generalmusikdirektor, der in Sergej Prokofjews unsterblichem „Peter und der Wolf“ nicht viel anders dirigiert als sonst auch: fordernd, mit unbeirrter Übersicht und einem wachen Sinn für die musikalische Geste, die es nachzuformen gilt. Natürlich kommt hier nicht immer alles schön heraus, mancher Klang reibt sich tüchtig, zum Beispiel wenn gleich vier Kinder eine Bläserstimme spielen, die eigentlich für einen einzelnen Musiker gedacht ist. Barenboim jedoch hört mit engelsgleicher Nachsicht darüber hinweg. Über die Brüstung der Seitenloge lugen Barenboims Enkelkinder herab, und auch der Intendant hat seinen kleinen Sohn mitgebracht. Die Staatsoper als netter Familienbetrieb: Dass das auch ein bewusst inszeniertes, freundliches Bild für die Öffentlichkeit ist, nachdem zuletzt manche Sympathien ins Wanken geraten waren, sollte man billigend in Kauf nehmen. Überhaupt kann in diesem Konzert nicht wirklich etwas schiefgehen, weil es – man spart nicht mit Prominenz – von Rolando Villazón moderiert wird. Im Handumdrehen fängt er hier alle Anwesenden, welchen Alters auch immer, ein, bei Prokofjew übernimmt er mit sympathischer Ironie die Sprechrolle, zuvor singt er ein bisschen Papageno in charaktersatter Darbietung.

          Am Abend zuvor in der Berliner Philharmonie lauschte Villazón, von der ebenfalls anwesenden Kanzlerin mit freundschaftlicher Umarmung begrüßt, dem Konzert der Staatskapelle. In einem reinen Verdi-Programm versuchte Daniel Barenboim einen recht gewagten Spagat zwischen der Präsentation von Leckerbissen, wie sie ein Opernfesttags-Publikum mag, und dem Versuch, der Tatsache gerecht zu werden, dass Karfreitag war. Verdis späte „Quattro pezzi sacri“ passen da zumindest mit dem „Stabat mater“, das sich aus mittelalterlich anmutendem Sprechgesang hin entwickelt zu einer romantischen Verklärungsmusik, die an die Klangsprache seines Altersgenossen Richard Wagner denken lässt. Barenboim dirigiert das mit respektvoller Distanz, der Rundfunkchor Berlin folgt ihm feingliederig und mit anrührender Klangschönheit.

          Im ersten Teil hätte Anna Netrebko singen sollen; sie sagte kurzfristig wegen einer Kehlkopfentzündung ab. Für sie sprang Aida Garifullina ein, die schon bei Sergej Prokofjews „Verlobung im Kloster“ auf der Bühne stand. Dort glänzte sie nicht zuletzt mit ihrer Begabung zur ironischen Darstellung in Dmitri Tschernjakows insgesamt hochironischer Inszenierung des Stückes. Im Konzert steht solche Leichtigkeit dem Streben nach Gewicht entgegen. Mit technischer Souveränität und viel Sinn für passende Farben singt sie die großen Arien aus „Rigoletto“ (Gildas „Gualtier Maldè“) und „La Traviata“ (Violettas „Addio del passato“), besonders im letzten Fall mag sich der Eindruck einer zwingenden Tragik aber nicht recht einstellen. Daniel Barenboim hingegen ist entschieden gewillt, diese Musik in der Tiefe zu erfassen. Die Violoncelli singen in der Ouvertüre zur „Sizilianischen Vesper“, dass einem das Herz weich wird, die Dramatik des Beginns mit seinen bebenden Sechzehntelvorschlägen fasst einen unmittelbar an. Dass hier manches klappert und in den Bläsern nicht genau stimmt – das trägt eher zu einem gesteigerten Ausdruck bei.

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