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Staatskapelle Dresden : Eine Revolution wird es nicht geben

  • -Aktualisiert am

Daniele Gatti probt mit der Staatskapelle Dresden Bild: Matthias Creutziger

Die Staatskapelle Dresden hat einen neuen Chefdirigenten gewählt: Daniele Gatti folgt auf Christian Thielemann. Für Gatti, gegen den vor vier Jahren Vorwürfe wegen Belästigung laut geworden waren, votierten auch die Frauen mit großer Mehrheit.

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          Diese Personalie, so prominent sie sein mag, war absehbar: Nachdem Sachsens Kunstministerium eine Nichtverlängerung des Vertrags von Christian Thielemann als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle verkündet und sich auch ein Großteil des Orchesters von ihm abgewandt hatte, lief es fast zwangsläufig auf Daniele Gatti als dessen Nachfolger hinaus. Überraschend wäre die Wahl einer Dirigentin oder eines deutlich jüngeren, weniger bekannten Dirigenten gewesen. Aber für eine Frau scheint die Kapelle noch nicht reif zu sein, und vor dem Wagnis, die Prominenz eines Dirigenten erst aufzubauen, scheut sich wohl jedes große Traditionsorchester, das auf dem Tourneemarkt bestehen will. Gatti, geboren 1961 in Mailand, wo er mit 27 Jahren an der Scala debütierte, ist Dresden seit Langem verbunden. Im Jahr 2000 hatte ihn der damalige Chefdirigent Giuseppe Sinopoli zu einem ersten Konzert an die Semperoper geladen. „Die Begegnung mit diesem Orchester machte mich damals tatsächlich sprachlos“, erinnert sich Gatti im Gespräch mit der F.A.Z., „schon seit meinem Studium habe ich dessen Schallplatten gesammelt.“ Seither hat er in Dresden zwei Opernproduktionen und zahlreiche Konzerte geleitet und die Kapelle auf Reisen begleitet, zuletzt sehr erfolgreich bei den Osterfestspielen Salzburg 2021.

          In dieser Woche nun kam er erneut, um drei Aufführungen von Gustav Mahlers neunter Symphonie zu leiten. Bei dieser Gelegenheit äußerte Gatti seine Freude über die Wahl des Orchesters: Er fühle sich geehrt und sei tief bewegt. Friedwart Christian Dittmann vom Or­chestervorstand der Staatskapelle sieht das ähnlich und verweist auf die bisher stets fruchtbare Zusammenarbeit: „Seine Art und Weise, die Partitur strukturell zu durchleuchten, alles ganz elementar zu greifen, bringt eine spezielle Herangehensweise, die sehr lebendig und modern ist.“ Das sei es auch, was man von Gatti erwarte: Vielseitigkeit und Modernität.

          Dass sich die Orchestermitglieder und ihr künftiger Chef bereits kennen, ist für Gatti bei der aktuellen Entscheidung von besonderem Gewicht: „Denn wenn mich ein Orchester wählt, mit dem ich seit Langem zusammenarbeite, das ich so gut kenne und das auch mich ziemlich gut kennt, dann klingt das nach einer sehr guten Basis für eine tolle Zusammenarbeit.“

          Der dreizehnte Italiener an der Spitze der Kapelle

          In der eindrucksvollen Geschichte der seit 1548 bestehenden Kapelle wird er der dreizehnte Italiener sein, der hier eine Chefposition übernimmt. Mit dieser Zahl konfrontiert, wirkt er zunächst verblüfft, erinnert aber sogleich an den Beginn dieser Tradition. „Als das Orchester gegründet wurde, gab es hier viele italienische Musiker. Sie brachten die italienische Streicherschule nach Dresden. Doch vor den beiden letzten wichtigen Chefdirigenten Giuseppe Sinopoli und Fabio Luisi dürfte es lange Zeit wohl niemanden gegeben haben?“

          Der letzte italienische Chef davor war vor gut 180 Jahren Francesco Morlacchi gewesen. Dennoch ist der musikalische Einfluss Italiens unverkennbar, weiß auch Gatti und verweist auf Dirigenten wie Arturo Toscanini, Carlo Maria Giulini und Claudio Abbado bis hin zu Si­nopoli. Sachsen ist für Gatti ein Musikland: „Mit einem Orchester zu arbeiten, das aus dieser Kultur kommt, macht einen Traum für mich wahr. Denn die Kapelle hat wirklich einen unverwechselbaren Klang, eine ganz eigene Charakteristik.“

          Derzeit ist der frühere Musikdirektor des Londoner Royal Philharmonic Orchestra und der Oper Bologna noch in gleicher Funktion an der Oper von Rom sowie als Chefdirigent am Teatro del Maggio Musicale Fiorentino beschäftigt. Das Concertgebouw-Orkest Amsterdam verließ er 2018 nach Vorwürfen unangemessenen Verhaltens gegenüber Musikerinnen. Offiziell eine beigelegte Affäre, was wohl auch die – wie es vom Dresdner Orchestervorstand heißt – mit überwältigender Mehrheit getroffene Wahl Gattis bekräftigt. Immerhin haben auch die Musikerinnen für den Neuen votiert. Und ohnehin war Gatti in den letzten Jahren bei vielen Orchestern wieder eingeladen worden, da es gegen ihn weder eine Anzeige noch einen Prozess, schon gar kein Urteil gegeben hat.

          Gatti selbst verweist während der Proben an Mahlers Neunter übrigens respektvoll auf den jetzigen Amtsinhaber: „Ich habe unbedingt den Eindruck, dass mein Kollege Christian Thielemann in Dresden eine großartige Arbeit geleistet hat, um die Traditionen dieses Orchesters zu wahren. Natürlich trete ich jetzt nicht an, um hier eine Revolution zu machen. Wir beackern durchaus ein ähnliches Repertoire, das auch ich sehr verehre. Aber ich bin ein Musiker, der nach neuen Wegen sucht, im Schumann’schen Sinne nach neuen Bahnen. Es existiert nicht nur die eine und einzige Interpretation, nicht nur das eine und einzige Tempo. Für mich entspringt jede Interpretation einer tiefen Analyse der Partitur. Ich respektiere unbedingt die Tradition, bin aber nicht deren Sklave.“

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