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Debatte um Barenboim : Herrscht eine Atmosphäre der Angst?

Daniel Barenboim dirigiert am 16. Juni 2016 die Staatskapelle Berlin beim Konzert „Staatsoper für alle“ auf dem Bebelplatz in Berlin. Bild: dpa

Medial erzeugtes Zerrbild: Erstmals beziehen der Orchestervorstand der Staatskapelle Berlin sowie frühere Assistenten Daniel Barenboims ausführlich Stellung zu den Vorwürfen gegen den Dirigenten.

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          Nimmt man alle Vorwürfe zusammen, die zunächst anonym im „Van“-Magazin, dann namentlich von den Paukisten Willi Hilgers und Frank Zschäbitz sowie dem Posaunisten Martin Reinhardt im Bayerischen Rundfunk, jetzt zuletzt vom Trompeter und Dirigenten Leo Siberski in der „Welt“ vorgebracht wurden, so ergibt sich vom Dirigenten Daniel Barenboim das Bild eines herrschsüchtigen und jähzornigen Sadisten, der unter Missachtung der Menschenwürde des Einzelnen unbedingte Hörigkeit in seinem Orchester, der Staatskapelle Berlin, verlangt und sie mehrheitlich auch bekommt, weil dieses Orchester ökonomisch abhängig von ihm ist. Denn Barenboim hat jahrzehntelang für die finanzielle Besserstellung der Kapelle gekämpft und tut es auch jetzt, in den Verhandlungen mit dem Land Berlin zur Verlängerung seines Vertrages über das Jahr 2022 hinaus.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Eindruck grauenvoller Arbeitsbedingungen entsteht aber vor allem durch die Massierung der Berichte. Jeder Vorfall für sich genommen liegt zwar durchaus im Rahmen des Vorstellbaren, jedoch unterhalb der Schwelle, ab der Rechtsmittel zum Einsatz kommen müssten. Bislang beschränken sich die Vorwürfe auf einen enormen – im Einzelfall unerträglichen – Leistungsdruck. Doch nun meldet sich der Orchestervorstand der Staatskapelle Berlin zu Wort, der bislang nur eine allgemeine Solidaritätserklärung mit dem Generalmusikdirektor abgegeben hatte. In einer Stellungnahme dieser Zeitung gegenüber widerspricht er dem Bild vom Menschenschinder Barenboim als einem medial erzeugten Zerrbild. Es herrsche keine Atmosphäre der Angst am Haus, vielmehr erfahren die Musiker von ihrem Chefdirigenten große Wertschätzung.

          Leistungsdruck ist ein Bestandteil unserer Arbeit

          Im Wortlaut heißt es: „Leistungsdruck im Zusammenhang mit geforderter höchster künstlerischer Qualität ist Bestandteil der Arbeit, sicherlich nicht nur bei uns. Wir haben Verständnis dafür, dass die Wahrnehmung und der Umgang mit diesen Konflikten individuell sind und bedauern, dass für drei ehemalige Kollegen offenbar Grenzüberschreitungen des respektvollen Umgangs zu ihrem Weggang beigetragen haben. Trotzdem nehmen wir mit Verwunderung zur Kenntnis, auf welche Art und Weise sich eben diese negativ äußern.“ Besonders verwundert sei das Orchester, dass Willi Hilgers die Staatskapelle erst verlassen habe, dann aber zurückkehren wollte und sich nun nachträglich über die Arbeitsatmosphäre beschwere. Das Orchester betont: „Wir lassen uns nicht, wie geschehen, Qualität und Dauer unseres Verhältnisses zu unserem Chefdirigenten von außen erklären. Seit jeher gibt es bei uns einen offenen Gesprächsprozess über künstlerische und auch damit verbundene zwischenmenschliche Belange. Im Bewusstsein eines sich verändernden Anspruchs an den Führungsstil wird dieser Austausch, besonders auch mit unserem Chefdirigenten, eine weitere Belebung erfahren.“

          Ehemalige musikalische Assistenten Barenboims an der Berliner Staatsoper, darunter Thomas Guggeis und Simone Young, räumen in Stellungnahmen dieser Zeitung gegenüber ebenfalls ein, dass Barenboim ein harter Arbeiter mit hohen Forderungen sei, aber – so Young – „Daniel Barenboim war mir gegenüber stets nur respektvoll und fördernd. Er verlangt viel von den Menschen, die mit ihm arbeiten – aber noch mehr von sich selber. Die stetige Suche nach Perfektion kann Spannungen und Reibungen mit sich bringen, aber dies ist natürlicher Teil des künstlerischen Prozesses. Dass dies für manche Kollegen eine zu große Anspannung war, mag wohl sein. Wir sind ja schließlich alle nur Menschen und reagieren auf Situationen sehr unterschiedlich. Meine Empfindung und Beobachtung waren jedenfalls, dass die Zusammenarbeit nur positiv und stets unterstützend lief.“

          Der Intendant der Berliner Staatsoper, Matthias Schulz, sucht nach hausinternen Lösungen für Konflikte im Arbeitsleben.

          Sicher darf man die Erfahrungsberichte von Dirigenten und Solisten – wie dem von Rolando Villazón – nicht mit gleichem Maß messen wie jene von weisungsgebunden arbeitenden Festangestellten der Kapelle. Aber dass der Leistungsdruck auch von den Musikern selbst ausgehe, dass es ihr eigener Ehrgeiz sei, in den Orchestern mit dem größten Renommee und den bedeutendsten Dirigenten zu spielen, war ein Tenor der Leserdiskussion, der auf die erste Veröffentlichung in der F.A.Z. zu dem Thema folgte.

          Barenboim macht es sich gewiss zu einfach, wenn er – wie vorgestern aufs neue in einem Interview mit der „Zeit“ – nur eine Kampagne gegen ihn zur Verhinderung einer Vertragsverlängerung vermutet. Es gibt neue Ansprüche an die Führungskompetenz von Dirigenten und damit eine gesunkene Aggressionstoleranz bei den Musikern. Aber offenbar gibt es auch eine gesunkene Frustrationstoleranz, eine Abnahme der Fähigkeit, Rückschläge, Belohnungsaufschübe, Zumutungen auszuhalten, bis dann endlich die großen Glückserlebnisse eintreten, die der Zusammenarbeit mit Barenboim alle, auch seine Kritiker, zugutehalten.

          Dass es im Februar bereits eine Personalversammlung gegeben hat, dass der Intendant Matthias Schulz – dem die Obhutspflicht für alle Mitarbeiter auferlegt ist – in Abstimmung mit dem Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) eine externe Anlaufstelle zur Klärung von Konflikten einrichten will, ist ja ein Eingeständnis, dass es Klärungsbedarf gibt und das Haus mit sich und seinem Generalmusikdirektor nicht restlos im Reinen ist. Aber auch das ist Arbeitsalltag an einer großen Oper. Bislang sieht es so aus, als seien die Probleme lösbar.

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