https://www.faz.net/-gqz-9v9bc

Erdogans Macht : Türkische Bühnen entlassen Schauspieler

  • -Aktualisiert am

Am 27. März, dem Welt-Theatertag, demonstrierten die Mitarbeiter türkischer Bühnen in Istanbul im vergangenen Jahr trotz Verbots. Bild: Picture-Alliance

150 Mitarbeiter der staatlichen türkischen Bühnen haben ihre Jobs verloren. Der Regierung geht es nur um eins: mehr Einfluss auf die Kultur.

          2 Min.

          Zum Jahreswechsel wurden hundertfünfzig Mitarbeiter der staatlichen türkischen Bühnen, die wie jede öffentliche Institution in der Türkei dem Präsidentenpalast zugeordnet sind, entlassen. Sie bekamen die Kündigungsschreiben in gelben Briefumschlägen kurz vor ihren Silvesterauftritten. Um die Gründe für diesen Vorgang zu verstehen, ist es wichtig, sich an Erdogans bekenntnishafte Rede vom Mai 2017 zu erinnern. Der Präsident stellte damals bei einem Treffen der islamistischen Ensar Foundation, die in einen Kindesmissbrauch-Skandal verstrickt ist, fest: „Wir sind eine politische Kraft geworden, aber leider noch keine soziale und kulturelle.“

          Er hatte nicht Unrecht. Denn während die AKP von der Bürokratie übers Rechtswesen bis zur freien Presse erfolgreich alles zerstört und verändert hat, was zur „Alten Türkei“ gehörte, konnte sich Erdogans Einfluss in den Gefilden der Kultur bisher nicht durchsetzen – trotz der Millionen, die seine Partei für ihr wohlgesinnte Produktionen, Bücher und Erziehungsmittel ausgibt. Die AKP hat es bisher weder geschafft, das intellektuelle Milieu zu beeinflussen noch eigene Intellektuelle hervorzubringen. Trotz Erdogans siebzehnjähriger Herrschaft werden die in der Türkei meistverbreiteten Bücher und Filme nach wie vor in westlichen Gesellschaften produziert.

          Zum Wohle des Gemeinschaftsgefühls

          Die erste Reaktion auf die Kündigungen kam von Necat Birecik, dem früheren Generaldirektor der Staatstheater, den Erdogan ins Amt gehievt hatte. Seine Äußerungen machen klar, welche Art von Theater sich der Präsidentenpalast wünscht: „Wir öffnen unsere Bühnen nur für türkische Stücke, um das Gemeinschaftsgefühl im Heimatland zu stärken.“ Theaterstücke aus anderen Sprachen schaden also offensichtlich diesem Gemeinschaftsgefühl.

          Die Tatsache, dass hundertfünfzig vertraglich gebundene Arbeitnehmer über Nacht arbeitslos geworden sind, zeigt nicht zum ersten Mal, wie es der AKP gelingt, ihre Macht zu sichern. Vor allem nach den Gezi-Protesten von 2013 hatte der Druck auf die Kunst zugenommen. Der bekannte Schauspieler Levent Üzümcü, der an den Protesten teilgenommen hatte, wurde aus dem von der AKP geleiteten Stadttheater von Istanbul entlassen. Ein anderer Schauspieler, der demonstriert hatte, musste aufgrund des Drucks aus dem Land fliehen. Heute lebt er in London und spielt dort Theater. Nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 standen dann Dutzende von Schauspielern vor verschlossenen Türen. Ein Theaterstück namens „Just Dictator“ wurde allein wegen seines Titels verboten, der Hauptdarsteller Baris Atay zur Persona non grata erklärt.

          Und wo waren die anderen Schauspieler der staatlichen Bühnen, als ihre Kollegen, die nicht so dachten wie Erdogan, jetzt gefeuert wurden? Im Kulturzentrum des Präsidentenpalastes, wo sie das einheimische Stück „Leyla und Mecnun“ aufführten, um zur nationalen Einheit beizutragen. Am Ende der Vorstellung kam Erdogan selbst auf die Bühne und gratulierte dem aktuellen Generaldirektor der Staatstheater, Mustafa Kurt, und dem Dramatiker Iskender Pala. Und sonnte sich dabei in seiner kulturellen Macht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Corona-Spuren: Benutzte Einweghandschuhe liegen auf Gehwegen und Straßen in Berlin, Kiel, Kassel und Fürth.

          Corona-Ansteckung : Gummihandschuhe sind eher Gefahr als Schutz

          Wie schützt man sich im Alltag am besten vor einer Ansteckung mit Sars-CoV-2? Bei Masken gehen die Meinungen weiter auseinander. Eine andere Sache steht aber fest: Das Tragen von Gummihandschuhen beim Einkaufen ist unsinnig.
          Maskenproduktion von Bewooden und von Jungfeld.

          Deutsche Industrie : Masken für alle!

          Auf absehbare Zeit wird nicht nur in Deutschland der Bedarf an Gesichtsmasken riesig sein. Die deutsche Industrie hat längst reagiert und ist aktiv.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.